Krank gefüttert
Diabetes ist eine unheilbare Krankheit, mit der mehr und mehr auch Kinder zu kämpfen haben. Bewegungsmangel, Stress und ungesunde Ernährung lassen die Zahl der Fälle steigen.Der englische Arzt Thomas Willis (1621 bis 1675) erkannte den Zusammenhang von Ernährung und Diabetes.
Schon mit dreizehn
Häufigste Folge dieses nachlässigen Umgangs mit dem eigenen Körper ist Altersdiabetes, in der Fachsprache: Diabetes mellitus Typ 2. An ihm erkranken im Normalfall Menschen ab dem vierzigsten Lebensjahr. Jedoch werden die Betroffenen jünger; Dreizehnjährige leiden heute schon daran.
Typ-2-Diabetes gilt schon lange als eine der verbreitetsten Zivilisationskrankheiten. Genussmittelmissbrauch, Fehl- und Überernährung führen zu einer stetigen Zunahme der Erkrankungen. Bereits dem Arzt Thomas Willis fiel Mitte des 17. Jahrhunderts der Zusammenhang zwischen falscher Ernährung und Diabetes auf. Die Ursache des Anstiegs der Patientenzahlen sah er in den damaligen Lebensgewohnheiten. Man neige zu "Trinkgelagen und dem Gebrauch unverdünnten Weines".
Fatale Auswirkungen
Heute hingegen neigt man zum schnellen Sparmenü, zur Tiefkühlpizza, zuckerhaltigen Getränken und Alkopops. Die Auswirkungen sind fatal: Schlaganfälle, Herz- und Kreislaufprobleme, schwere Sehstörungen, Erblindungen und sogar Amputationen. Unter den Todesursachen in den führenden Industrieländern rangiert Diabetes an vierter Stelle.
Die Entwicklung verläuft rasant: Gab es 1980 weltweit schon stolze 153 Millionen Diabetiker des Typs 2, so hat sich die Zahl bis 2010 fast verdoppelt. Von derzeit etwa 285 Millionen Diabetikern leben über sechs Millionen in Deutschland, womit die Bundesrepublik, prozentual gesehen, Platz sechs unter allen Ländern der Erde belegt.
Die Art des Essens: Diabetes entsteht bereits in der Kindheit.
Prognosen der Forschungsstellen zeichnen ein düsteres Bild. Im Jahr 2023 könnten fast zwanzig Prozent der deutschen Bevölkerung an der Stoffwechselkrankheit leiden. 330 Millionen Diabetiker dürften es zu diesem Zeitpunkt weltweit sein. Mit steigendem Wohlstand wachse die Zahl der Diabetes-Erkrankten, könnte die These lauten. Aber kann man allein steigenden Wohlstand für die Diabetikerschwemme, welche Deutschland zur Zeit überrollt, verantwortlich machen?
Auffällig ist, dass Diabetes Typ 2 gerade in sozial schwachen Familien häufiger auftritt als in Familien mit höherem Einkommen: Das Bundessurvey 1998 fand heraus, dass die Erkrankungsrate bei Männern mit niedrigem Einkommen etwa zweimal, bei Frauen sogar fünfmal so hoch lagen wie in sozial besser gestellten Bevölkerungsgruppen. Die 2000 veröffentlichte KORA-Studie im Raum Augsburg belegt zudem, dass das Risiko einer unentdeckten Diabeteserkrankung bei Personen mit höherem Einkommen um bis fünfzig Prozent niedriger anzusetzen ist.
Soziales Problem
Die Gründe sind vielfältig: Übergewicht und mangelnde Bewegung, fanden Forscher heraus, seien insbesondere Kennzeichen sozial Schwacher. Ein weiteres Problem scheint zu sein, dass Personen mit geringem Einkommen eher zu qualitativ schlechteren, sprich fettreichen und billigen Produkten greifen. Zudem ist medizinische Aufklärung und Früherkennung für sozial besser Gestellte leichter zu erlangen.
Fazit des Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf: "Die Diabetes-Lawine rollt auf uns zu, aber besonders betroffen sind die Anteile der Bevölkerung mit geringem Einkommen, Bildung und Berufstatus." Typ-2-Diabetes ist also nicht ausschließlich genetisch bedingt sondern vielmehr ein sozial determiniertes Problem. Diabetes ist die Krankheit der Armen im Wohlstand.
Die Grundlagen werden bereits in der Kindheit gelegt. Eine englische Studie aus dem Jahr 2002 zeigt, dass sich verminderte Insulinwirksamkeit, ein typisches Merkmal für Diabetes, in frühen Lebensjahren entwickelt und auch bei späterem sozialen Aufstieg kaum mehr ausgeglichen wird.
Wege aus der Misere?
Im Sommer 2004 diskutierten Politiker und Nahrungsmittelproduzenten über eine Anhebung des Mehrwertsteuersatzes auf zucker- und fetthaltige Lebensmittel - ohne Erfolg. Currywurst und Pommes bleiben preiswerter als die gesünderen Alternativen. Derzeit wird der Anteil der Folgekosten des Diabetes mellitus am nationalen Gesundheitsbudget auf fünf bis zehn Prozent geschätzt.
Deutlich mehr Vorsorgeuntersuchungen wären nötig - was allerdings neue Kosten verursachen würde. Doch die Deutsche Diabetes-Stiftung warnt: "Wenn wir nicht aufpassen, wird Diabetes zum Totengräber unseres Gesundheitssystems."
Die marktwirtschaftlichen Interessen der Nahrungsmittelproduzenten sind unvereinbar mit denen des Gesundheitswesens. Schließlich füttern gerade Nahrungsmittelkonzerne die jungen Käufer regelrecht an: Geschickte Werbestrategien und hoher Zuckergehalt nähren die Sucht und bestimmen das Kaufverhalten. Die Wahl hat jeder, allerdings fällt sie dem leichter, der mehr Geld in der Tasche hat.
Susanne Fetter/Sandra Thiele (aktualisiert 10.11.2011)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Diabetes | ![]() |
Infobox
Diabetes mellitus...
ist der Fachausdruck für die im Volksmund "Zucker" genannte Krankheit und bedeutet "Durchfließen, mit Honig gesüßt". Verstärktes Wasserlassen und süßlich riechender Urin - die Symptome der Kranheit - haben den griechischen Arzt Aretaios von Kappadokien (um 80 bis 130 n. Chr.) zu diesem Namen inspiriert.
Um 150 n. Chr. kam der römische Arzt Galenos von Pergamon zur der Erkenntnis, Diabetes sei eine Erkrankung der Nieren. Diese Meinung hielt sich in der Forschung, bis Paracelsus im 16. Jahrhundert herausfand, dass es sich bei Diabetes um eine Stoffwechselkrankheit handelt.
Thomas Willis war der erste Arzt, dem der süßliche Geschmack des Urins der Diabetes-Patienten auffiel und der eine Unterteilung in Typ 1 und Typ 2 vornahm. Er folgerte, dass Diabetes eine Erkrankung des Blutes und nicht der Nieren sei. Im Jahr 1685 erkannte der Schweizer Conrad Brunner als Erster einen Zusammenhang zwischen Diabetes und der Bauchspeicheldrüse.
Der Durchbruch gelang 1921: Charles Best und Frederick Banting fanden das Hormon Insulin und verabreichten es erfolgreich einem an Diabetes erkrankten Jungen. Zwei Jahre später wurden sie hierfür mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Noch im selben Jahr gelang die industrielle Herstellung von Insulin.
ist der Fachausdruck für die im Volksmund "Zucker" genannte Krankheit und bedeutet "Durchfließen, mit Honig gesüßt". Verstärktes Wasserlassen und süßlich riechender Urin - die Symptome der Kranheit - haben den griechischen Arzt Aretaios von Kappadokien (um 80 bis 130 n. Chr.) zu diesem Namen inspiriert.
Um 150 n. Chr. kam der römische Arzt Galenos von Pergamon zur der Erkenntnis, Diabetes sei eine Erkrankung der Nieren. Diese Meinung hielt sich in der Forschung, bis Paracelsus im 16. Jahrhundert herausfand, dass es sich bei Diabetes um eine Stoffwechselkrankheit handelt.
Thomas Willis war der erste Arzt, dem der süßliche Geschmack des Urins der Diabetes-Patienten auffiel und der eine Unterteilung in Typ 1 und Typ 2 vornahm. Er folgerte, dass Diabetes eine Erkrankung des Blutes und nicht der Nieren sei. Im Jahr 1685 erkannte der Schweizer Conrad Brunner als Erster einen Zusammenhang zwischen Diabetes und der Bauchspeicheldrüse.
Der Durchbruch gelang 1921: Charles Best und Frederick Banting fanden das Hormon Insulin und verabreichten es erfolgreich einem an Diabetes erkrankten Jungen. Zwei Jahre später wurden sie hierfür mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Noch im selben Jahr gelang die industrielle Herstellung von Insulin.
Infobox
Übergewicht und Erbanlagen...
spielen bei einer Sonderform der Zuckerkrankheit eine große Rolle: der Schwangerschaftsdiabetes. Rund vier Prozent der Schwangeren leiden darunter.
Aus körperlichen Veränderungen während der Schwangerschaft resultiert der höhere Insulinbedarf. Kann er nicht mehr gedeckt werden, steigt der Blutzuckerspiegel.
Das wird besonders für das Ungeborene gefährlich: Häufige Folgen sind auffälliges Größenwachstum und Ernährungsstörungen. Mit einer Diät lassen sich in den meisten Fällen erhöhte Zuckerwerte senken. Wenn das nicht funktioniert, kann eine Insulinbehandlung helfen.
Meist verschwindet der Schwangerschaftsdiabetes nach der Geburt wieder. Was bleibt, ist allerdings ein deutlich erhöhtes Risiko, dass die Betroffene später an Typ-2-Diabetes erkrankt.
spielen bei einer Sonderform der Zuckerkrankheit eine große Rolle: der Schwangerschaftsdiabetes. Rund vier Prozent der Schwangeren leiden darunter.
Aus körperlichen Veränderungen während der Schwangerschaft resultiert der höhere Insulinbedarf. Kann er nicht mehr gedeckt werden, steigt der Blutzuckerspiegel.
Das wird besonders für das Ungeborene gefährlich: Häufige Folgen sind auffälliges Größenwachstum und Ernährungsstörungen. Mit einer Diät lassen sich in den meisten Fällen erhöhte Zuckerwerte senken. Wenn das nicht funktioniert, kann eine Insulinbehandlung helfen.
Meist verschwindet der Schwangerschaftsdiabetes nach der Geburt wieder. Was bleibt, ist allerdings ein deutlich erhöhtes Risiko, dass die Betroffene später an Typ-2-Diabetes erkrankt.



