Das rechte Maß
Das Schönheitsideal von heute orientiert sich an mathematischen Größen: Umfänge, Größe, Gewicht, Body-Mass-Index... Doch allzu leicht verstellen die Zahlen den Blick auf das, worauf es wirklich ankommt.Pythagoras im Kreise seiner Schüler: Der Grieche stellte im 6. Jahrhundert v. Chr. Regeln zur Lebensführung (díaita) auf. (Gemälde von Raffael, 1509)
Kunst der Lebensführung
Ja, schon die alten Griechen hielten "Diät": Unter dem Begriff díaita fassten Ärzte und Philosophen Anweisungen zur Lebensführung oder Lebensweise (so die Übersetzung des Begriffs) zusammen. Ziel solcher Programme war körperliche und seelische Gesundheit.
Der Weg dahin führte über Ausgewogenheit, Maßhalten, Harmonie - und zwar in sämtlichen Lebensbereichen. Díaita schloss neben Essen und Trinken auch das Verhältnis von Ruhe und Bewegung ein, von Wachen und Schlafen, den Arbeitsumfang und den Stoffwechsel. Selbst den Gedanken und dem gesprochenen Wort wurde Einfluss auf das Wohlbefinden zugestanden.
Unbestechlich: die Personenwaage.
Den Körper beherrschen
Kontrolle und Diät - das gehört eben zusammen. Diäthalten bedeutet ja, den eigenen Körper zu beherrschen und zu manipulieren. Aufgekommen ist dieser Anspruch mit der Industrialisierung und mit dem Entstehen der modernen Lebensmittelindustrie, vor allem in den ersten Jahrzehnten des Zwanzigsten Jahrhunderts. Zuvor, als Nahrung noch knapp war, galt ein fülliger Leib als Zeichen von Wohlstand. Nun aber, im industriellen Zeitalter, signalisiert der schlanke Körper die Fähigkeit zu Selbstkontrolle und Selbstmanipulation.
"Die Herrschaft über ihren Körper, das ist es, was Schlanke so beneidenswert macht", bemerkt ein Diätratgeber der 1920er Jahre. Dicksein wird zum sozialen Makel erklärt. Der Schritt zum ästhetischen Ideal ist schnell vollzogen: "Schlankheit ist das wesentliche Element der Schönheit", verkündet ein Schönheitsratgeber von 1912. "Der Schlanke ist schlankweg der ästhetische Menschentypus."
Durch den Verzehr von Seife lasse sich Fett aus dem Körper waschen - meinte ein Londonder Arzt im 18. Jahrhundert.
Was aber kann der Mensch tun, um seinen Körper so zu formen, wie es dem Ideal entspricht? Die Liste historischer Diätvorschläge ist lang und voller Irrwege. Haarsträubend etwa klingt eine Anregung des Londoner Arztes Malcolm Flemyng aus dem 18. Jahrhundert. Der empfahl fettleibigen Menschen, Seife zu essen, um das Fett aus dem Körper zu waschen!
Verträglicher und vor allem schmackhafter mutet da die Bantingkur an, die der englische Arzt und Anatom William Harvey (1578 bis 1657) entwickelt hatte: Sie sah regelmäßige Mahlzeiten mit viel Fleisch und Gemüse vor, zwischendurch Fruchtpudding, Früchte und Zwieback. Zu trinken gab es neben viel Tee auch Rotwein oder Sherry und abends einen Schluck Gin, Whisky oder Brandy. Unter Medizinern und Abnehmwilligen genoss die Bantingkur bis ins 19. Jahrhundert hinein hohes Ansehen.
Der Franzose Lavoisier (1743 bis 1794) definierte die Wärmeeinheit Kalorie, eine wichtige Maßzahl der modernen Diätetik.
Kein Wunder, dass frühe Diäten nicht zur modernen Ernährungswissenschaft passen: Es fehlten lange Zeit verlässliche wissenschaftliche Kriterien, "leichte" und "schwere" Kost zu unterscheiden. Das änderte sich erst durch Erkenntnisse des französischen Chemikers Antoine Laurent de Lavoisier (1743 bis 1794).
Lavoisier fand heraus, welche Wärmemenge nötig ist, um ein Kilogramm Wasser um ein Grad Celsius zu erwärmen. Diese Wärmemenge nannte der Chemiker Kalorie, vom lateinischen calor für Wärme.
Im 19. Jahrhundert griffen zahlreiche Diätratgeber Lavoisiers Erkenntnisse auf: Sie errechneten, welche Wärmemenge in welchen Lebensmitteln steckt und welche Wärmemenge der Mensch bei seinen täglichen Verrichtungen verbraucht - das Kalorienzählen hielt Einzug in die Diätetik.
Vorgekochtes, Konserviertes, Tiefgefrorenes
Indes tat sich mit der Urbanisierung und der Entwicklung der Lebensmittelindustrie ein neues Problem auf: Immer weniger Menschen bauen ihre Lebensmittel selbst an; immer häufiger landen Mahlzeiten aus Vorgekochtem, Konserviertem, Tiefgefrorenem auf den Tellern. Die Nahrungsindustrie bestimmt heute das Essverhalten maßgeblich mit. Der bequeme oder gestresste Verbraucher greift dankbar auf vorproduziertes Essen zurück - und gibt damit die Hoheit über seinen Speiseplan ab. Wer aber seine Mahlzeiten nicht selbst zubereitet, kann auch nicht entscheiden, was drin ist.
Der Mensch sitzt heute in der Klemme: Er soll einerseits schlank, schön und produktiv sein; andererseits soll er kaufen, konsumieren und genießen. Also hat er ein Problem. Und wie lässt sich dieses Problem lösen? Durch eine Diät! Abnehmprodukte - von "abgespeckten" Lebensmitteln über Ratgeber bis hin zu Bauch-Weg-Klamotten, die angeblich die Pfunde wegschmelzen - sind gefragt.
An äußeren Maßstäben orientiert, können Menschen vor sich selbst scheitern...
(Bild: KoS, Lizenz: Creative Commons)
(Bild: KoS, Lizenz: Creative Commons)
Aber geht es dem Menschen besser, wenn die Pfunde purzeln? Die alten Griechen hätten bei dieser Frage nur den Kopf geschüttelt. "Schlimm ist der Zwang", sagte der Philosoph Epikur (341 bis 270 v. Chr.) und fügte hinzu: "Doch es gibt keinen Zwang, unter Zwang zu leben."
Vielleicht ist das ja ein hilfreicher Gedanke, wenn sich Diätfrust einstellt: den Blick zu heben, über von außen angelegte Maßstäbe wie "Idealgewicht" oder Body-Mass-Index hinaus. Wichtiger als die richtige Zahl auf der Waage sind doch Fragen wie: Was tut mir gut? Was trägt zu meinem Wohlbefinden bei? Antworten darauf wollte die griechische díaita geben. In den meisten modernen Diätratgebern sucht man sie vergeblich.
Urte Paul (15.12.2009)
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Antike Diätetik
Diätetik-Regeln aus dem alten Griechenland sind unter anderem von Pythagoras (um 570 bis 510 v. Chr.) überliefert: Der riet seinen Landsleuten, auf keinen Fall Bohnen, Herz oder Gehirn zu essen, sondern sich hauptsächlich von rohem Gemüse und Wasser zu ernähren.
Zur pythagoreischen Lebensweise gehörte auch, nach dem Aufstehen das Betttuch glatt zu streichen und den rechten vor dem linken Schuh anzuziehen. Gegen die Regeln war es, Ringe zu tragen, Schwalben im Haus zu haben oder bei Lampenschein in den Spiegel zu schauen.
Nicht alle Zeitgenossen stimmten den Vorschlägen des Pythagoras zu. Unstrittig war den Griechen jedoch: Das Individuum trägt die Verantwortung für sein Wohlbefinden und hat seine Leidenschaften zu beherrschen.
Krankheit und Übergewicht galten als Folgen charakterlicher Verfehlungen. Zudem waren sie sozial unerwünscht: Das Körperideal in den Stadtstaaten des Peloponnes, die häufig miteinander im Streit lagen, war das des schlanken, trainierten Athleten und Soldaten.
Dieses Gebot der Selbstbeherrschung hatte sich bei den Römern etwas abgeschwächt. Der römische Patrizier liebte die vita activa mit üppigen Mahlzeiten und rauen Mengen Wein, ging aber auch körperlichen Betätigungen wie Bädern, Turnübungen und der Jagd nach.
Im Unterschied zu den Griechen galt bei den Römern eine leichte Wohlbeleibtheit als gesund. Und für Fettleibigkeit, erkannte der Arzt Aulus Cornelius Celsus im ersten Jahrhundert n. Chr., sei neben dem Essverhalten eine Art konstitutioneller Faktor verantwortlich - heute sagt man dazu genetische Veranlagung.
Diätetik-Regeln aus dem alten Griechenland sind unter anderem von Pythagoras (um 570 bis 510 v. Chr.) überliefert: Der riet seinen Landsleuten, auf keinen Fall Bohnen, Herz oder Gehirn zu essen, sondern sich hauptsächlich von rohem Gemüse und Wasser zu ernähren.
Zur pythagoreischen Lebensweise gehörte auch, nach dem Aufstehen das Betttuch glatt zu streichen und den rechten vor dem linken Schuh anzuziehen. Gegen die Regeln war es, Ringe zu tragen, Schwalben im Haus zu haben oder bei Lampenschein in den Spiegel zu schauen.
Nicht alle Zeitgenossen stimmten den Vorschlägen des Pythagoras zu. Unstrittig war den Griechen jedoch: Das Individuum trägt die Verantwortung für sein Wohlbefinden und hat seine Leidenschaften zu beherrschen.
Krankheit und Übergewicht galten als Folgen charakterlicher Verfehlungen. Zudem waren sie sozial unerwünscht: Das Körperideal in den Stadtstaaten des Peloponnes, die häufig miteinander im Streit lagen, war das des schlanken, trainierten Athleten und Soldaten.
Dieses Gebot der Selbstbeherrschung hatte sich bei den Römern etwas abgeschwächt. Der römische Patrizier liebte die vita activa mit üppigen Mahlzeiten und rauen Mengen Wein, ging aber auch körperlichen Betätigungen wie Bädern, Turnübungen und der Jagd nach.
Im Unterschied zu den Griechen galt bei den Römern eine leichte Wohlbeleibtheit als gesund. Und für Fettleibigkeit, erkannte der Arzt Aulus Cornelius Celsus im ersten Jahrhundert n. Chr., sei neben dem Essverhalten eine Art konstitutioneller Faktor verantwortlich - heute sagt man dazu genetische Veranlagung.
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Gegen den Schlankheitswahn
Frauen, die ihren Magen klammern lassen, und untergewichtige Teenager, die Selbstmord begehen, weil sie es "nicht ertragen können, dick zu sein" - die Britin Mary Evans Young hatte die Nase voll vom Schlankheitswahn und rief 1992 den Internationalen Anti-Diät-Tag ins Leben. Die Idee dahinter ist, die natürliche Vielfalt an Körpergrößen und -formen zu zelebrieren und den eigenen Körper - egal welchen Gewichts - zu akzeptieren und zu bejahen.
Anhänger des Anti-Diät-Tages kritisieren das von den Medien verbreitete Schlankheitsideal, das normalgewichtige Menschen dazu verleitet, sich dick zu fühlen und Diät zu halten. Dabei seien Diäten teuer, langweilig, unsexy, nutzlos, führten nicht automatisch zu besserer Gesundheit und schon gar nicht zu mehr Schönheit!
Anliegen des Anti-Diät-Tages ist es darum, andere Schönheitsideale zu entwickeln, über die Hintergründe der Diätindustrie zu informieren, ihre Methoden und Versprechungen zu prüfen und auf die Gesundheitsgefahren von übermäßigem Diäthalten und von Ess-Störungen hinzuweisen.
Inzwischen gibt es in vielen Ländern jährlich am 6. Mai Aktionen zum Anti-Diät-Tag. Das können Diskussionen und Workshops sein, gemeinsame Picknicks, Tanzabende, Kunstausstellungen oder Mahnveranstaltungen für Opfer von Ess-Störungen und Schlankheitsoperationen. Mitunter kommen auch Leute zu Demonstrationen vor Diät- und Schönheitskliniken zusammen und zertrümmern dort einen Haufen Körperwaagen.
Frauen, die ihren Magen klammern lassen, und untergewichtige Teenager, die Selbstmord begehen, weil sie es "nicht ertragen können, dick zu sein" - die Britin Mary Evans Young hatte die Nase voll vom Schlankheitswahn und rief 1992 den Internationalen Anti-Diät-Tag ins Leben. Die Idee dahinter ist, die natürliche Vielfalt an Körpergrößen und -formen zu zelebrieren und den eigenen Körper - egal welchen Gewichts - zu akzeptieren und zu bejahen.
Anhänger des Anti-Diät-Tages kritisieren das von den Medien verbreitete Schlankheitsideal, das normalgewichtige Menschen dazu verleitet, sich dick zu fühlen und Diät zu halten. Dabei seien Diäten teuer, langweilig, unsexy, nutzlos, führten nicht automatisch zu besserer Gesundheit und schon gar nicht zu mehr Schönheit!
Anliegen des Anti-Diät-Tages ist es darum, andere Schönheitsideale zu entwickeln, über die Hintergründe der Diätindustrie zu informieren, ihre Methoden und Versprechungen zu prüfen und auf die Gesundheitsgefahren von übermäßigem Diäthalten und von Ess-Störungen hinzuweisen.
Inzwischen gibt es in vielen Ländern jährlich am 6. Mai Aktionen zum Anti-Diät-Tag. Das können Diskussionen und Workshops sein, gemeinsame Picknicks, Tanzabende, Kunstausstellungen oder Mahnveranstaltungen für Opfer von Ess-Störungen und Schlankheitsoperationen. Mitunter kommen auch Leute zu Demonstrationen vor Diät- und Schönheitskliniken zusammen und zertrümmern dort einen Haufen Körperwaagen.



