Ein dickes Problem
Wohin man blickt: volle Regale im Supermarkt. Da hat man oft die Qual der Wahl. Zum Glück - denn wenn man sich nur synthetische Billignahrung leisten kann, bekommt man schnell.Nahezu die Hälfte der Deutschen ist leicht bis stark übergewichtig, am häufigsten im Osten der Republik. (Bild: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stand: 2005)
Ostdeutsche führend
Was dabei im bundesweiten Vergleich auffällt: Überdurchschnittlich viele Übergewichtige leben in den ostdeutschen Ländern. Seit Jahren an der Spitze des Rankings liegt Mecklenburg-Vorpommern mit 57 Prozent übergewichtigen Erwachsenen, gefolgt von Sachsen-Anhalt (55 Prozent) und Thüringen (54 Prozent). Schlusslicht Hamburg weist dagegen eine Quote von "nur" 41 Prozent auf (standardisierte Werte).
Stärkere Tendenz zum Übergewicht?
Fehlernährung und Bewegungsmangel gelten als Hauptursachen für Übergewicht. Essen die Ossis also zu viel und sind dazu noch träge? Zumindest essen sie anders - und ungesünder - als viele ihrer Landsleute im Westen, wie Gerhard Jahreis, Professor für Ernährungsphysiologie an der Universität Jena, erklärt. So stünden auf ihrem Speiseplan zu viel Schweinefleisch und zu wenig Obst, Gemüse, Milch- und Vollkornprodukte.
Ein soziales Phänomen
Doch reicht allein diese Tatsache, um die stärkere Tendenz zum Übergewicht bei Ostdeutschen zu begründen? Anders gefragt: Wie kommt es, dass Bundesländer wie Rheinland- Pfalz oder Nordrhein-Westfalen nur wenige Prozentpunkte hinter dem Osten rangieren? Übergewicht ist weniger ein Ost-West-Problem als ein soziales Phänomen, welches die Bundesrepublik im Ganzen betrifft. Kaum etwas spiegelt besser die sich immer weiter auseinander entwickelnden Lebensverhältnisse in Deutschland, als der ungleiche Gesundheitsstatus der Menschen.
Indiz für Armut
War Körperfülle früher sichtbares Zeichen für Wohlstand, gilt sie heute als Indiz für relative Armut. Denn beim Übergewicht handelt es sich keineswegs um eine alle Schichten gleichermaßen betreffende Erscheinung - es ist hauptsächlich ein Problem sozial schlechter Gestellter. Und dafür gibt es verschiedene Ursachen.
Einkaufsregale im Supermarkt: Billig ist die Hauptsache.
Essgewohnheiten und Einkommen
Weltweit gilt die Höhe des Anteils, den die Aufwendungen für Lebensmittel am Gesamteinkommen ausmachen, als bedeutender Indikator für Armut. Das Haushaltseinkommen hat auch einen erheblichen Einfluss auf die Lebensmittelauswahl, das heißt, auf die Qualität der gekauften und verzehrten Nahrung. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die Gießener Ernährungsstudie über das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten aus dem Jahr 2002.
Hauptsache billig
Aus der Studie geht hervor, dass in vielen Familien mit knappem Budget weniger Qualität und Frische als der Preis der Produkte das Einkaufsverhalten bestimmt. Teures Obst und Gemüse landen nur selten im Korb, dafür aber häufig Konserven und Fertiggerichte - mit einem hohen, versteckten Fettgehalt -, abgepackte Fleisch- und Wurstwaren sowie Produkte mit hohem Sättigungswert, wie zum Beispiel Brot, Nudeln und Kartoffeln.
Ein Fünftel aller Kinder in Deutschland ist zu dick.
Zudem spielt Ernährung in so genannten Armutshaushalten oft eine untergeordnete Rolle; die Familienmitglieder sind meist mit anderen Problemen beschäftigt. Das Essen richtet sich, wie das gesamte Alltagshandeln, nicht nach gesundheitsförderlichen Gesichtspunkten, sondern dient häufig, wenn auch unbewusst, als Ausgleich für Kummer, Langeweile und Frust. Oft geht mit der Belastung, den Alltag zu bewältigen, auch noch die Esskultur, in Form von gemeinsamem Kochen und Essen, verloren.
Über 71 Milliarden Euro
Übergewicht ist eines der größten Gesundheitsprobleme in Deutschland. Dadurch beeinflusste Krankheiten verursachen heute mindestens ein Drittel der gesamten Gesundheitskosten. Über 71 Milliarden Euro muss das deutsche Gesundheitssystem pro Jahr für ernährungsbedingte Krankheiten aufbringen.
Armut ist teuer
Da Essen aber Privatsache ist, wird das Problem oft individualisiert: für Übergewicht seien persönliches Versagen, Verhaltensprobleme und Mangel an Disziplin verantwortlich. Groß ist deshalb die soziale Geringschätzung und Stigmatisierung Dicker in der Gesellschaft - schädigen sie doch erheblich die Volkswirtschaft. Die eigentliche Ursache des dicken Problems gerät dabei schnell aus dem Blick: Armut ist teuer!
Ulrike Wolf (09.12.2005)/aktualisiert Christian Fleck (10.12.2008)
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Infobox
Zwischen 1996 und 2002 erstellten Forscher der Universität Gießen die Gießener Ernährungsstudie über das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten. Ziel der Studie war, das Ernährungs- und Einkaufsverhalten von Haushalten, die Sozialleistungen beziehen, zu beobachten und wissenschaftlich auszuwerten. Dazu begleiteten die Forscher ausgewählte Personen und Familien über ein Jahr bei ihren Einkäufen, führten regelmäßige Befragungen durch und sprachen mit Sozialarbeitern und Behörden.
Auffallend war, dass arme Menschen nicht nur weniger Geld für Nahrungsmittel zur Verfügung hatten, sie zeigten auch weniger Interesse an gesunder Ernährung und an den Möglichkeiten der Zubereitung von frischen Lebensmitteln. Ebenso trat der kulturelle und soziale Wert der Nahrungsaufnahme (das gemeinschaftliche Essen) in den Hintergrund. Mit den Ergebnissen der Untersuchung konnte erstmals wissenschaftlich fundiert nachgewiesen werden, dass Armut das Ernährungsverhalten, und damit die Gesundheit, negativ beeinflusst.
Auffallend war, dass arme Menschen nicht nur weniger Geld für Nahrungsmittel zur Verfügung hatten, sie zeigten auch weniger Interesse an gesunder Ernährung und an den Möglichkeiten der Zubereitung von frischen Lebensmitteln. Ebenso trat der kulturelle und soziale Wert der Nahrungsaufnahme (das gemeinschaftliche Essen) in den Hintergrund. Mit den Ergebnissen der Untersuchung konnte erstmals wissenschaftlich fundiert nachgewiesen werden, dass Armut das Ernährungsverhalten, und damit die Gesundheit, negativ beeinflusst.



