Mammut auf dem Teller?
Viele suchen heute verzweifelt nach gesünderen und bekömmlicheren Alternativen zur gewohnten Ernährung. Jedoch: Was dabei rauskommt, ist mitunter ein wenig bizarr.Für den Suppentopf nicht geeignet: Aus Plastik und aus Stoff ist dieses Mammut- Modell im thüringischen Nordhausen.
"Artgerechte Menschenkost"
Am Stil der Nahrungsaufnahme unterscheiden sich mehr und mehr die sozialen Schichten. Wer es bezahlen kann, dazu über Bildung und Informationen verfügt, weicht auf alternative Konzepte aus: Vegetarier und Veganer (siehe Infokasten), Low-Carb-Enthusiasten und Urkostler und Verfechter aller möglichen Diäten vereint bei allen Unterschieden die Suche nach der "artgerechten Menschenkost": Macht Fleisch etwa krank, weil der Mensch ja doch eher Pflanzenfresser ist? Gilt ähnliches für Käse und Milch, weil beileibe nicht jeder Lactose verträgt? Könnte alles, was aus Getreide ist, irgendwie schaden? Letztlich bleibt nicht viel übrig - man müsste hungern, um mit Appetit zu essen.
Passend zu den Steinzeit-Genen
Immerhin - glauben kluge Leute - könnte da ein Verfahren sein, welches uns auf die sichere Seite bringt: Unterstellt, dass das Gros der menschlichen Gene in der Altsteinzeit entstand, einem Zeitraum von fast 2,4 Millionen Jahren, sollte ein Rückgriff auf die damalige Art der Ernährung doch die Erlösung bringen. Denn Ackerbau und Viehzucht (rund 12.000 beziehungsweise 10.000 Jahre alt) gibt es schlicht noch nicht lange genug. Viel zu kurz ist ihre Geschichte für die evolutionäre Anpassung des Körpers an all die neuen Nahrungsmittel.
Iss fett - und werde schlank!
Tatsächlich hat der britische Arzt Richard Mackarness diese Theorie 1958 erstmals formuliert. Sein Buch Eat Fat and Grow Slim - basierend auf Erfahrungen des Verfassers an einer Klinik für Fettsucht und Allergien - inspirierte den deutschen Ernährungsphysiologen Walther L. Voegtlin 1975 zu der treffenden Wortschöpfung Steinzeitdiät. Statt bloß hinter die Geschmacksund sonstigen Verirrungen des Industriezeitalters geht man lieber gleich hinter die Neolithische Revolution zurück. Das Internet gab der Sache ab Mitte der 1990er Jahre zusätzlichen Schub. Seither machen Rezepte die Runde, die den Anspruch erheben, schon dem Neandertaler bekömmlich gewesen zu sein. Syndrom X oder ein Mammut auf dem Teller - Mit Steinzeitdiät aus der Ernährungsfalle heißt das jüngste Buch zum Thema. Autor ist Nicolai Worm.
Gut geeignet für Steinzeitkostler: Solche Suppenschildkröten gab es bereits lange vor der Neolithischen Revolution.
Omnivoren sind flexibel!
Nicht nur wegen des Ekelfaktors, der mit steigender Authentizität wächst, sind Zweifel erlaubt: Woher wollen die Urkost-Theoretiker eigentlich wissen, welche Leckerbissen in grauer Vorzeit auf dem Speisezettel standen? Knapp 100.000 Generationen von Jägern und Sammlern in unterschiedlichen Weltregionen kannten gewiss kein Einheitsmenü. Und wer am Fluss lebte, oder am Meer, aß wahrscheinlich anders (und anderes) als der Fallensteller in der Savanne. Genau dies ist der springende Punkt: Der Mensch ist ein Omnivore, ein Allesfresser! Flexibilität verschaffte ihm den entscheidenden Evolutionsvorteil gegenüber anderen Säugetierarten.
Satt in der Nische
"Die Vorfahren des Menschen haben es gerade wegen ihrer flexiblen Ernährungsstrategie verstanden, Umweltzwängen aus dem Wege zu gehen", schreibt der Ernährungsökologe Tobias Lechler. "Vermutlich war es für die Entstehung des Menschen ein Glücksfall, dass die Vorläufer des Homo sapiens ökologische Nischen erschlossen, die im saisonalen Wechsel ein Spektrum an Nahrungsquellen boten, dessen Verwertung ihr Überleben sicherte und die Expansion des Gehirns erlaubte." Lechler verweist auch darauf, dass Naturvölker zum Teil "große Protein- oder Fettmengen konsumieren, die keine Ernährungsorganisation in den modernen Industriestaaten für eine gesunde Ernährung empfehlen würde."
Das Wie entscheidet
Ausschlaggebend ist eben weniger, was dem Menschen als Ernährungsgrundlage dient, sondern wie er Nahrung erzeugt und zu sich nimmt: Sind die Inhaltsstoffe ausbalanciert - oder verbrauchen Menschen mit vorwiegend sitzender Lebensweise gewohnheitsmäßig hoch verarbeitete, fett- und zuckerhaltige Produkte? Ist Essen noch soziales Ritual - oder prägen einsame Fastfood-Esser das Bild? Da könnte das gemeinschaftliche Vertilgen des Mammuts in der Urhorde sogar Vorbild sein. Kurz: Dem Konsumenten diesseits aller alternativen Ernährungskonzepte bleibt nur bewusstes Einkaufen und Essen. Und der Gedanke, dass es die eine und einzige "artgerechte Menschennahrung" nicht gibt. Auswege aus der Ernährungsfalle müssen wir jedenfalls in der Zukunft, statt in der Steinzeit, suchen.
Michael Schmittbetz (15.12.2008)
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Infobox
Fleisch, Milch (einschließlich Käse), Eier jeder Art, Gelatine, Honig - all dies ist in der veganen Küche verboten. Leder- und Wollkleidung ist tabu, ebenso Gegenstände des Alltags (etwa Reinigungsmittel), so weit sie Tierprodukte enthalten.
Veganer sind auch, jedoch nicht vorwiegend, durch das Streben nach gesunder Ernährung motiviert. Wesentlicher sind oft herrschaftskritische Aspekte: Die Gewalt des Menschen über andere Spezies wird abgelehnt. Ausbeutung und Leid, das der Mensch anderen Lebewesen zufüge, spiegele sich, so die Theorie, schließlich in den Beziehungen der Menschen zueinander wider.
Eng verbunden ist das mit einer ökologischen Betrachtungsweise: "Herstellung" und Verbrauch von Fleisch seien ja an den Missbrauch weiterer Ressourcen geknüpft. Sie führen zu Luft- und Wasserverschmutzung, reduzieren den Waldbestand und fördern das Artensterben.
Konsequente Vegetarier - und insofern Wegbereiter des Veganismus - waren zum Beispiel der Philosoph Empedokles (5. Jh. v. Chr.), Richard Wagner (1813 bis 1883) und der Dramatiker George Bernard Shaw (1856 bis 1950).
Veganer sind auch, jedoch nicht vorwiegend, durch das Streben nach gesunder Ernährung motiviert. Wesentlicher sind oft herrschaftskritische Aspekte: Die Gewalt des Menschen über andere Spezies wird abgelehnt. Ausbeutung und Leid, das der Mensch anderen Lebewesen zufüge, spiegele sich, so die Theorie, schließlich in den Beziehungen der Menschen zueinander wider.
Eng verbunden ist das mit einer ökologischen Betrachtungsweise: "Herstellung" und Verbrauch von Fleisch seien ja an den Missbrauch weiterer Ressourcen geknüpft. Sie führen zu Luft- und Wasserverschmutzung, reduzieren den Waldbestand und fördern das Artensterben.
Konsequente Vegetarier - und insofern Wegbereiter des Veganismus - waren zum Beispiel der Philosoph Empedokles (5. Jh. v. Chr.), Richard Wagner (1813 bis 1883) und der Dramatiker George Bernard Shaw (1856 bis 1950).
Infobox
Nahrungstabus existieren wahrscheinlich seit den Anfängen menschlichen Zusammenlebens. Europäer weisen meist das Verspeisen von Würmern und Maden als ekelhaft zurück, viele Asiaten tun das gleiche hinsichtlich des Genusses von Milch und Milchprodukten.
Wissenschaftler begründen den "Ekelfaktor" auf unterschiedliche Weise: Einerseits suchen sie historisch-rationale Erklärungen (das Pferd als wertvolles Nutztier in Landwirtschaft und Krieg), andererseits stellen sie religiöse oder emotionale Aspekte in den Vordergrund (Schoßhündchen isst man nicht!). Fakt ist, dass sich der überwiegende Teil aller Nahrungstabus auf Tiere bezieht. Europäisches Volk mit den wenigsten Nahrungstabus sind die Franzosen ("Froschfresser").
Zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Nahrungstabus gehört übrigens der Genuss von Blut. Im Judentum und im Islam gilt das Verbot heute noch mit unverminderter Schärfe. Aber auch die frühe christliche Kirche hat es einst rigoros durchgesetzt. Überliefert ist das Blutwurst-Verbot des oströmischen Kaisers Leo VI.: "Es ist uns zu Ohren gekommen, dass man Blut in Gedärme, wie in Röcke, einpackt und es so als ganz gewöhnliches Gericht dem Magen zuschickt. Es kann unsere kaiserliche Majestät nicht länger zusehen, dass die Ehre unseres Staates durch eine so frevelhafte Erfindung fresslustiger Menschen geschändet werde. Wer Blut zu Speisen umschafft, der wird hart gegeisselt, bis auf die Haut geschoren und auf ewig aus dem Lande verbannt."
Wissenschaftler begründen den "Ekelfaktor" auf unterschiedliche Weise: Einerseits suchen sie historisch-rationale Erklärungen (das Pferd als wertvolles Nutztier in Landwirtschaft und Krieg), andererseits stellen sie religiöse oder emotionale Aspekte in den Vordergrund (Schoßhündchen isst man nicht!). Fakt ist, dass sich der überwiegende Teil aller Nahrungstabus auf Tiere bezieht. Europäisches Volk mit den wenigsten Nahrungstabus sind die Franzosen ("Froschfresser").
Zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Nahrungstabus gehört übrigens der Genuss von Blut. Im Judentum und im Islam gilt das Verbot heute noch mit unverminderter Schärfe. Aber auch die frühe christliche Kirche hat es einst rigoros durchgesetzt. Überliefert ist das Blutwurst-Verbot des oströmischen Kaisers Leo VI.: "Es ist uns zu Ohren gekommen, dass man Blut in Gedärme, wie in Röcke, einpackt und es so als ganz gewöhnliches Gericht dem Magen zuschickt. Es kann unsere kaiserliche Majestät nicht länger zusehen, dass die Ehre unseres Staates durch eine so frevelhafte Erfindung fresslustiger Menschen geschändet werde. Wer Blut zu Speisen umschafft, der wird hart gegeisselt, bis auf die Haut geschoren und auf ewig aus dem Lande verbannt."



