Köpfe und Entwürfe
Wie kommt die Welt in den Kopf? Die Erklärung, die einige Philosophen schon vor über zwei Jahrhunderten gaben, ist einfach - und außerdem überraschend.Zeitgenössisches Porträt des Philosophen David Hume (1711 bis 1776): Hume stellte den naiven Realismus, das Verstehen des Bewusstseins als Abbild der Außenwelt, in Frage. (Scan: The McGill University)
Die Protokolle der Vernehmungen könnten unterschiedlicher nicht sein, gerade wo es entscheidende Sekunden und Meter betrifft. Den Beamten der Mordkommission wäre es lieber, ein paar Zeugen weniger zu haben. Klarheit wird wohl erst die Verhandlung, vor Gericht, erbringen.
Noch einmal: Raum und Zeit
Keineswegs nur Kriminalisten haben mit dem Problem der Wahrnehmung ihre Probleme. Physikern geht es fast noch ärger: Je genauer sie den Ort eines Elementarteilchens im Raum zu messen vermögen, um so weniger kennen sie dafür Impuls und Geschwindigkeit, diese Funktionen der Zeit. Das als Heisenbergsche Unschärferelation bekannte Phänomen ist aus "normaler" Wahrnehmung nicht erklärbar. Erst "Kopfgeburten", hier die (einander widersprechenden) Modelle von Teilchen und Welle, bieten Deutungen an.
Naiver Realismus
Unzählige populärwissenschaftliche Bücher leben von den Paradoxien der Wahrnehmung und des Denkens. Sie verblüffen mit vermeintlich überraschenden, spektakulären Forschungsresultaten, etwa zur Subjektivität des Zeitempfindens, des Sehens von Farbe und Form, des Raumempfindens und vielem mehr. Dabei setzen die Autoren gewöhnlich auf ein Konzept von Wahrnehmung in den Auffassungen ihrer Leser, das man als naiven Realismus bezeichnen könnte: Bewusstsein, das Denken überhaupt, wird begriffen als mehr oder weniger klarer Spiegel einer feststehenden "objektiven" Realität. "Wie kommt die Welt in den Kopf?", lautet die typische Frage. Mehr noch: "Wie kommt sie so in den Kopf, dass ein authentisches, ´wahres´ Abbild entsteht."
Taschenspielertricks?
Wenn solcher Denkansatz bald an logischen Ungereimtheiten scheitert, die Sache mit dem Spiegel und "wahr" und "falsch" eben doch nicht so einfach ist, dann ist rasch von den Geheimnissen des Gehirns, des menschlichen Bewusstseins die Rede, die uns auf ewig beschäftigen werden... Vielleicht wäre es nicht ganz irrig, da auch ein paar Taschenspielertricks zu vermuten.
Hinter den Sinnen
Denken über das Denken, die Philosophen nennen es Erkenntnistheorie, hat eine jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendelange Geschichte. So können wir den gedanklichen Schritt zurück ins 18. Jahrhundert getrost als kurz betrachten.
"Gesunder Menschenverstand"
Der schottische Philosoph David Hume, als Weltbürger und Diplomat erklärter Anhänger des "gesunden Menschenverstands", verwies damals, im beginnenden Zeitalter der Aufklärung, auf das Kernproblem: Was ist eigentlich Erfahrung? Wie können wir aus dem Strom von Sinneseindrücken, die wir empfangen, auf eine Realität (vom Gehirn aus betrachtet) hinter den Sinnen schließen? Was - da wir hinter die Sinne ja nicht blicken, vielmehr auf die Signale unserer Sinnesorgane beschränkt bleiben - gibt uns den Grund, im Denken das Abbild eines Draußen zu sehen?
Scheinfrage! (sagt Hume)
Wie kommt die Welt in den Kopf? Hume hätte diese Frage als Scheinfrage zurückgewiesen. Nichts begründe, meinte der geniale Schotte, zum Beispiel die Vermutung, Ursache und Wirkung, ihr Verhältnis zueinander, existiere außerhalb des Denkens. Lediglich alltägliche Gewohnheit, so Hume, formiere die Eindrücke der Sinne, bringe sie in eine wie auch immer geartete Ordnung. Umfassende Skepsis, oft anzutreffen bei Leuten mit "gesundem Menschenverstand", war das Resultat.
Kritik der praktischen Vernunft, Titelblatt der Erstausgabe aus dem Jahr 1781: Hier formulierte Kant die Ethik der Aufklärung.
Formen der Anschauung
Gewiss, die Sonne scheint; der Stein erwärmt sich: unbestreitbare Wahrnehmungen, aus dem Strom der Sinneseindrücke stammend. Nur der Verstand aber, so Kant, könne solche Wahrnehmungsmomente verbinden: Die Sonne erwärmt den Stein! Die Art und Weise des Verbindens liege nicht in der "Realität", sie hänge nicht ab von den Dingen, sondern allein von der Form unserer Anschauung und unseres Verstandes.
Die Welt als Entwurf
Das Bewusstsein spiegelt nicht die Welt, es entwirft sie mittels von vornherein, vor aller Erfahrung gegebener Formen - Strukturen des Gehirns, in denen etwa die Beziehung von Ursache und Wirkung, die Kausalität, angelegt ist. Seit Kant also ist die Frage "Wie kommt die Welt in den Kopf?" überholt. "Wie entsteht die Welt im Kopf? Wie kommt sie aus dem Kopf heraus?", soll es nun heißen. Raum und Zeit, oder das Denken in Kausalitäten, sind laut Kant Konfigurationen des Bewusstseins, Werkzeuge des Entwerfens, nicht Bestandteile des Entworfenen, der "Realität", selbst.
Gleiche Grundstrukturen
Freilich, die Menschheit zählt viele Köpfe, viele Gehirne, viele Bewusstseine, mit ihren unwiederholbaren Besonderheiten und Eigenarten. Stehen die verschiedenen Entwürfe aus Raum, Zeit und Kausalität nun unvermittelt, zusammenhanglos, nebeneinander? Lebt jeder in seiner eigenen Welt? Diese fatale Konsequenz, andere haben sie gezogen, lehnt Kant ab. Denn eben weil die Grundstrukturen unserer Gehirne sich gleichen, weil wir in denselben Anschauungsformen denken, ist Verständigung, Verhandlung, möglich.
Theorie mit Sprengkraft
Und wo es Verhandlungen, Diskurse, gibt, da steht der Weg zur Wahrheit offen - zu einer spannenden, fließenden Wahrheit allerdings, nicht zur drögen "objektiven" Wahrheit des naiven Realismus. An dieser Stelle bekommt Gehirnforschung, im allerweitesten Sinn, unerwartete Sprengkraft: Sie entlarvt jedes Postulat "objektiver" Wahrheit als das, was es ist - als Anmaßung, als Dogma. An dieser Stelle geht Erkenntnistheorie in Ethik über, werden aus beschreibenden Sätzen Sätze vom Sollen: "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", formuliert Kant das aufklärerische Credo.
Manches "Wunder" der Gehirnforschung mag demnach aus kantianischer Sicht gar keines sein: Unterschiedliche Deutungen von Sinneseindrücken, unterschiedliche Welt-Entwürfe, sind schließlich der Normalfall, das Notwendige sogar. Notwendig sind sie, weil nur so der Prozess der Wahrheitssuche ins Fließen kommt. Wie die Modelle der Physiker sich stoßen, sich streiten, und doch notwendig nebeneinander existieren, agieren die Welten aus unseren Köpfen neben- und miteinander. So groß wie die Zahl der Zeugen ist eben auch die Zahl der Widersprüche. Gott (den sogar Kant irgendwann zuließ) sei Dank!
Michael Schmittbetz (07.09.2005)
Infobox
David Hume (1711 bis 1776), der schottische Philosoph, war weitaus mehr als lediglich Erkenntnistheoretiker. Er verfasste ebenso Schriften zum Geld, zur Politik und Theorie des Sozialen. Sein philosophisches Denken bewegte sich, wie gerade neue Forschungen feststellten, in einer auffallenden Parallelität zu buddhistischen Gedankenzügen: Humes Verwerfen eines konstanten Ich sowie die Betonung des unablässigen Fluktuierens der Vorstellungen deuten darauf hin. Übrigens Dinge, die in der modernen Hirnforschung eine wichtige Rolle spielen.


