Giftmorde im Krimi
Sie war die Expertin auf dem Gebiet des Giftmordes: Krimiautorin Agatha Christie. Ihrer Fantasie entsprangen Klassiker, die unser Bild von der Mordwaffe Gift bis heute prägen."Mr. Jeffersons Tod sollte man für eine Folge seiner Herzkrankheit halten. Wie der Superindendent mir sagte, war Digitalis in der Injektionsspritze. Kein Arzt hätte unter den gegebenen Umständen den Eintritt des Todes durch Herzlähmung überraschend gefunden."
Morde aller Couleur
Dank guter Beobachtungs- und Kombinationsgabe der schrulligen alten Jungfer Miss Marple konnte Mr. Jefferson jedoch gerettet werden. Jane Marple deckt in fünfzehn Büchern der Kriminalautorin Agatha Christie (1890 bis 1976) Morde aller Couleur auf. Und allein in acht Fällen wird Gift als Mordwaffe eingesetzt. Chlor, Arsen, Nikotin, Morphin, Thallium, Strychnin, Salz-, Blau- und Oxalsäure: Die Liste der Gifte, die in den Krimis der "Duchess of Death" eine Rolle spielen, ist lang.
Sie schrieb einmal über ihre "unblutigen Werke": "Ich kenne mich nicht aus mit Pistolen und Revolvern, deshalb werden meine Figuren mit einem stumpfen Gegenstand oder, besser noch, mit Gift umgebracht. Außerdem ist Gift raffiniert und sauber und wirklich aufregend... Ich glaube nicht, dass ich einer grässlich entstellten Leiche ins Antlitz schauen könnte."
Gutes fürs Herz
Agatha Christie hatte also eine Vorliebe für schnell wirkende und schwer nachweisbare Substanzen. Wie zum Beispiel Digitalis: der Rote (Digitalis purpurea) und der Wollige Fingerhut (Digitalis lantana) zählen zu den bekanntesten Gift- und Heilpflanzen - ja, auch Heilpflanzen - Mitteleuropas. Beide Arten enthalten in allen Pflanzenteilen hochtoxische herzaktive Glycoside.
Bereits seit dem 6. Jahrhundert, so berichten englische Handschriften, wurden die Pflanzenstoffe des Fingerhuts als Medizin verwendet. 1775 entdeckte der englische Arzt William Withering, wie günstig Glycoside bei Herzmuskelschwäche wirken. Er begründete mit seiner 1785 veröffentlichten Schrift An Account of the Foxglove and some of its Medical Uses... die moderne Digitalisforschung.
"Alle Ding sind Gift..."
Auch hier gilt, wie bei manch anderer Pflanze, der Spruch des Naturforschers Paracelsus (1493 bis 1541): "Alle Ding sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist." Die Forscher mussten also herausfinden, wo die heilsame Dosis endet und die schädliche, vielleicht sogar tödliche Menge beginnt. Aber nicht nur Forscher, auch Kriminelle interessierten sich für diese Frage.
Als Mordwaffe tauchte Digitalis zum ersten Mal 1864 in einem Gerichtsverfahren gegen den Homöopathen Dr. de la Pommerais in Frankreich auf. Er hatte seine schwangere Geliebte durch wiederholtes Verabreichen von kleinen Dosen Digitalis getötet. Es ist anzunehmen, dass Agatha Christie diesen Fall kannte und mit den Symptomen vertraut war. Bei einer Vergiftung mit Digitalis verlangsamt sich zuerst die Herztätigkeit. Dann treten Erbrechen und Übelkeit auf und das Herz beginnt, doppelt so schnell zu schlagen. Wird eine tödliche Dosis eingenommen, steigt der Blutdruck stark an, der Puls fällt ab und das Herz bleibt stehen. Da Digitalis kein gebräuchliches Mordmittel war, tappten die Rechtsmediziner im Fall Pommerais lange im Dunkeln, bevor es ihnen gelang, im Erbrochenen der unglücklichen Arztgeliebten Digitalis-Spuren nachzuweisen.
Die Krimi-Autorin Agatha Christie (1890 bis 1976) wäre eine gute Toxikologin gewesen, glauben Experten.
Nicht nur eine gute Schriftstellerin, sondern auch eine Spitzentoxikologin gewesen zu sein, bescheinigen Agatha Christie heute zwei Gerichtsmediziner: der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin, Professor Volkmar Schneider, und Dr. Benno Rießelmann vom Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Die beiden Toxikologen haben eine wissenschaftliche Studie unter dem Titel Giftmorde in Agatha Christies Romanen verfasst und unter anderem festgestellt, dass in 41 ihrer 73 Romane tödlich wirkende Gifte eingesetzt werden. Sie empfehlen ihren Fachkollegen sogar die Lektüre der Christie-Romane, weil die Autorin sehr genau die Wirkung und Symptome der Gifte beschreibe, einschließlich ärztlicher Fehldiagnosen.
Lebensrettende Lektüre
Das ist nicht aus der Luft gegriffen: 1977 rettete ihr Buch Das fahle Pferd sogar einem Menschen das Leben. Damals wurde ein 19 Monate altes Kind mit einem mysteriösen Krankheitsverlauf in eine Londoner Klinik eingeliefert. Kein Arzt wusste die Symptome richtig zu deuten, bis eine Krankenschwester die Beschreibungen ihrer Lieblingsautorin mit dem Krankheitsfall in Verbindung brachte und den entscheidenden Hinweis gab: Thallium! Doch woher hatte die Autorin ihr Wissen?
Etwas fehlt im Giftschrank
Die Antwort liegt in der Biografie der Schriftstellerin: Agatha Christies Leidenschaft für Gifte wurde während des Ersten Weltkriegs geweckt. In dieser Zeit arbeitete sie als Krankenpflegerin in einem Feldlazarett in Torquay und als Apothekerassistentin. Hier kam ihr auch die Idee zu ihrem ersten Roman Das fehlende Glied in der Kette. Eines Tages verschwand nämlich eine größere Menge Arsen spurlos aus den Giftschränken der Apotheke.
Schimmernde Phiolen
Eines ihrer Gedichte aus dieser Zeit endet mit den Versen: "Von der Zeit der Borgias bis zum heutigen Tag ist ihre Macht erprobt und erwiesen! Blauer Eisenhut, das Aconit, und
Hochtoxische Mixtur: Regelmäßig genossen, sind manche Substanzen bereits in kleinsten Mengen tödlich.
Diskrete Dame
Doch wer hofft, in den weltbekannten Romanen der sachkundigen Britin auf die Anleitung für einen Giftcocktail zu stoßen, wird enttäuscht: Agatha Christie gibt keine Rezepturen an. Die exakte Dosis sei schließlich entscheidend, sagt Toxikologe Benno Rießelmann: "Und das ist der Punkt, bei dem Agatha Christie diskret blieb. Die Dame wusste eben, was sich gehört."
Christiane Nienhold (19.09.2002/aktualisiert am 10.05.2006)
Infobox
Agatha Christies schönste Bücher mit Gift:
Das fehlende Glied in der Kette (mit Strychnin, 1920), Die Pralinenschachtel (mit Blausäure, 1924), 16 Uhr 50 ab Paddington (mit Blauem Eisenhut, 1957), Das fahle Pferd (mit Thallium, 1961).


