Vermeidbares Risiko
Etwa 85.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an Herzinfarkt. Neuesten Studien zufolge ist falsche Ernährung ein wichtiger Faktor bei der Entstehung koronarer Herzkrankheiten.Fettiges erhöht das Risiko beträchtlich. (Bild: www.aboutpixel.de/maçka)
Nur ein Bruchteil
Von den rund 280.000 Menschen, die in Deutschland jährlich einen Herzinfarkt bekommen, passt allerdings nur ein Bruchteil ins Schema des kettenrauchenden Karrieremenschen jenseits der fünfzig, der sich jäh an die Brust fasst und dann umkippt. Aber wer denkt bei Beschwerden im Oberbauch, Übelkeit oder Erschöpfung schon an einen Herzinfarkt?
Mangelnde Aufklärung
Eben dies allerdings können Anzeichen eines Herzinfarkts bei Frauen sein. Folge der mangelnden Aufklärung: das Risiko, einen akuten Herzinfarkt vor der Einlieferung ins Krankenhaus nicht zu überleben, ist für Frauen um ein Drittel höher als für Männer. Ist der Weg in die Klinik geschafft, steht der behandelnde Arzt meist vor neuen Problemen: diagnostische und therapeutische Verfahren sind bei weiblichen Patienten weniger erfolgreich, Bypass-Operationen etwa gelten als längst nicht so effektiv wie bei Männern, verabreichte Medikamente erzielen vielfach nicht die gewünschte Wirkung.
Frauen "holen auf"
Noch immer erleiden mehr Männer als Frauen einen Herzinfarkt, doch die Zahl der weiblichen Betroffenen steigt: in den letzten Jahren hat sich das Verhältnis von 5:1 hin zu 2:1 verschoben. Konservative Mediziner waren schnell mit Erklärungen bei der Hand: die zunehmende Berufstätigkeit der Frau, damit verbundener Stress und übermäßiger Nikotinkonsum hätten die einst gesunde Hausfrau zum Risikofall werden lassen.
Zentrum des Lebens: Beim Herzinfarkt stirbt ein Teil des Herzmuskels ab.
Eine im April 2003 veröffentliche Studie zur Wirkung einzelner Risikofaktoren im weiblichen Organismus - wie etwa Rauchen, Diabetes oder Übergewicht - differenzierte das Bild: seit 1997 wurden im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf insgesamt 455 Frauen untersucht; 200 Patientinnen mit neu aufgetretener koronarer Herzkrankheit verglichen die Ärzte mit 255 gesunden Frauen aus der Hamburger Bevölkerung.
Ergebnis überrascht
Überraschendes Ergebnis der Cora-Studie: Faktoren, die einen Infarkt begünstigen, nehmen bei Männern und Frauen nicht den gleichen Stellenwert ein. Auch die Relevanz, die die Medizin den bekannten Risikofaktoren bisher zugewiesen hat, erwies sich als fragwürdig.
Mindestens ein Risikofaktor
Der Einfluss, den solche Risikofaktoren auf das Entstehen eines Herzinfarkts haben, blieb hingegen unbestritten: zumindest einen der bekannten Faktoren wiesen alle Infarktpatientinnen auf; in mehr als 90 Prozent der Fälle lag eine Kombination aus zwei, häufiger drei oder vier Faktoren vor. Ganze zwei Drittel der Frauen litten unter dem so genannten Metabolischen Syndrom - einer Kombination aus erhöhten Blutfettwerten, Bluthochdruck, und erhöhtem Blutzucker - die damit häufigste Risikokonstellation.
Die Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist also kalkulierbar: Ernährung und Lebensweise sind dabei die aussagekräftigsten Indikatoren. Vor allem Art und Anzahl der aufgenommenen Lebensmittel variierte bei Patienten- und Kontrollgruppe: so konsumierten die Infarktpatientinnen der Hamburger Studie im Schnitt weitaus mehr Fleisch, Wurst, Saucen und Desserts als die gesunde Kontrollgruppe. Vitaminreiches kam bei ihnen nur selten auf den Tisch; während der Anteil der Pflanzenkost bei den gesunden Frauen bei circa 113 Gramm lag, verzehrten die in die Studie einbezogenen erkrankten Frauen (Fallgruppe) nur durchschnittlich 96 Gramm Gemüse pro Tag.
Auf die Verteilung kommt es an
Doch Übergewicht muss nicht zwangsläufig mit einem erhöhten Infarktrisiko einhergehen: so unterschieden sich Fall- und Kontrollgruppe weniger durch ihre Körperfülle oder den so genannten Body-Mass-Index, sondern durch die Fettverteilung und den Zeitpunkt, an dem das Übergewicht erworben wurde. Die überflüssigen Pfunde der Infarktpatientinnen hatten sich vor allem in der Bauchregion angesammelt - und das bereits in jungen Jahren.
Rauchen allein weniger gefährlich
Neben dem Übergewicht galt bislang das Rauchen als einer der Hauptrisikofaktoren. Die Cora-Studie rehabilitierte Raucher zwar nicht restlos, konnte aber glaubhaft machen, dass Zigarettenkonsum wider Erwarten allein keine entscheidende Rolle bei der Entstehung koronarer Herzkrankheiten spielt. Im Zusammenspiel mit einem Metabolischen Syndrom allerdings vergrößert der übermäßig häufige Griff zur Zigarette das ohnehin höhere Risiko.
Hausfrauen weitaus gefährdeter
Sogar den alten Verdacht, die vermehrte Berufstätigkeit der modernen Frau hätte die Zahl der Infarktpatientinnen ansteigen lassen, konnten die Hamburger Wissenschaftler entkräften; so waren die Frauen der Kontrollgruppe öfter und zudem in gehobenerer Stellung beruflich tätig. Das Hausfrauen-Dasein stellt also eine weitaus größere Gefahr dar!
So appetitlich kann Gesundheit sein: auch der tägliche Genuss von Obst und Gemüse verringert das Infarktrisiko.
Nicht nur die Berufstätigkeit, sondern auch die berufliche Stellung, so die Autoren der Studie, habe Einfluss auf das Infarktrisiko; demnach vergrößerten unattraktive Arbeitsplätze ohne Entscheidungsbefugnisse die Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden. Doch nicht jeder sehnt sich nach einem Job mit maximaler Verantwortung. Zu fragen wäre vielleicht, ob der Grund für die leicht höhere Infarktgefahr wirklich in der Tätigkeit zu suchen ist, die die Betroffenen ausüben, oder nicht eher in ihrem Lebensstil - und in mangelnden Kenntnissen über gesunde Ernährung. Denn auch das zeigte Cora: die untersuchten Infarktpatientinnen verfügen meist nur über einen geringen oder gar keinen Bildungsabschluss.
Zweihundert Gramm Grünes
Die Hamburger Untersuchung macht deutlich: die Wirkung fett- und kalorienreicher Speisen ist - auch in Hinblick auf andere Erkrankungen - nicht zu unterschätzen. Einhundert täglich verzehrte Gramm Fleisch- und Wurstwaren erhöhen das koronare Risiko um 150 Prozent. Dabei zeigte die Untersuchung gleichzeitig, dass es gar nicht so schwierig ist, sein persönliches Risiko zu vermindern: zweihundert Gramm Obst und Gemüse - täglich verzehrt - lassen das Infarktrisiko um sechzig Prozent sinken.
Kathleen Niebl (26.01.2006)
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Durch eine Änderung des Lebensstils lässt sich die Infarktgefahr entscheidend beeinflussen. Das muss nicht heißen, dass sich der Risikopatient nun nur noch von Knäckebrot und Rosenkohl ernähren muss. Stellt er seine Ernährung etwa auf die mediterrane Küche um, kann er sich auch nach und nach gesund schlemmen - und das mit ärztlicher Genehmigung. Studien haben ergeben, dass Menschen aus den südeuropäischen Ländern weniger häufig einen Herzinfarkt erleiden als ihre europäischen Nachbarn. Grund ist ihre kohlenhydrat- und vitaminreiche Ernährung sowie der Genuss vorwiegend pflanzlicher Öle. So hat das schmackhafte Olivenöl eine günstige Wirkung auf die Blutfette, senkt also den Cholesterinspiegel und schützt so die Blutgefässe vor Arteriosklerose. Na dann: Buon appetito!



