Im Auge des Betrachters
Was als schön empfunden wird, ist nicht an eherne überzeitliche Gesetze gebunden. Schlaue Menschen zerbrechen sich schon seit Jahrhunderten den Kopf darüber, was Schönheit ausmacht.Blass und wohlgenährt - ästhetisches Ideal im 17. Jahrhundert. (Gemälde von Rubens: Die drei Grazien, 1638)
Objektiv oder subjektiv?
1757 formulierte der schottische Erkenntnistheoretiker David Hume kurz und bündig: "Schönheit liegt im Auge des Betrachters." Nun, ganz so einfach kann es wohl doch nicht sein. Immerhin haben sich schon ganze Heerscharen von Philosophen auf die Suche nach einem objektiven Kriterium für Schönheit begeben. Bereits Platon, Aristoteles, Cicero und Augustinus plagten sich mit dem Begriff der Schönheit - jeder auf seinem Gebiet: die schönste Rede, die schönste geometrische Form, der schönste menschliche Körper. Für den Kirchenlehrer Augustinus etwa war ein gleichseitiges Dreieck schöner als ein ungleichseitiges. Vollkommen war für ihn nur der Punkt.
Chancen für die Mona Lisa
Neben die Philosophen traten - natürlich - die Künstler. Genies der Antike wie Polyklet, aber auch spätere Geistesgrößen wie Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer leiteten aus den Proportionen von Gesicht und Körper bestimmte Formeln ab. Leonardos Mona Lisa war nach der geltenden Proportionslehre Ausdruck vollkommener Schönheit. Ob das Modell wohl Chancen bei einer heutigen Misswahl hätte? Noch viel angebrachter ist diesbezüglicher Zweifel bei den Frauengestalten, die für Peter Paul Rubens am Anfang des 17. Jahrhunderts Verkörperungen von Schönheit waren: üppige Rundungen an Bauch, Hüften und Busen, runde blasse Gesichter, Fettpolster, wohin man auch schaut.
Hier stand Schönheit klar in einem sozialen Zusammenhang: Wer dick und blass war, konnte sich genug Essbares leisten und musste nicht bei Wind und Wetter auf den Feldern schuften. Das "Auge des Betrachters", also das, was wir als schön empfinden, scheint über die Zeiten auf recht unterschiedlichen Voraussetzungen zu beruhen: die durchtrainierten Männerkörper der Antike, die Rubens-Frauen, oder das extrem dünne Supermodel Twiggy in den sechziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts. Was ist schön?
Blutiges Geschäft: Knapp 51.000 Männer und Frauen ließen 2008 laserchirurgische Eingriffe im Gesicht vornehmen.
Eine Gemeinsamkeit aber findet sich vielleicht doch. Schönheit hat etwas mit sozialem Erfolg zu tun. Wer jung, mit harmonischen Gesichtszügen und schlank daherkommt, dem werden Eigenschaften wie Gesundheit, Willenskraft und Erfolgsorientiertheit zugeschrieben.
So gesehen hat Schönheit einen Wert, den man in Geld ausdrücken kann. Umgekehrt ist Schönheit heute für Geld zu haben: Schönheitschirurgie hat Konjunktur. Sie lässt Falten und Narben, überflüssiges Fett und sonstige unschöne Körpermerkmale einfach verschwinden.
Die Nase entscheidet
Von Brustoperation über Facelifting und Fettabsaugung bis Ohrkorrektur reicht das Behandlungsspektrum plastischer Chirurgen. Zu den ältesten, und gegenwärtig am häufigsten praktizierten Eingriffen, zählt übrigens die Nasenkorrektur. Kein Wunder, schließlich hat die Gestalt der Nase großen Anteil daran, ob ein Gesicht als schön empfunden wird oder nicht.
Falsche Selbsteinschätzung
Ursache ist hier aber oft die falsche Selbsteinschätzung von Patienten, die einem Ideal nachjagen, ohne die eigene Persönlichkeit ausreichend zu berücksichtigen. "Frauen müssen schön sein, Männer - interessant." Dieser Satz mag veraltet klingen, begeben sich doch auch Männer mehr und mehr unter das Messer des Schönheitschirurgen. Nichtsdestoweniger wirft die Aussage ein Schlaglicht auf die unterschiedliche Weise, in der sich die Geschlechter betrachten.
Aber kann nicht auch ein reifes Frauengesicht ausgesprochen interessant und eben darum schön sein? Gesichter erzählen immer eine Geschichte. Außerdem: "Mit dreißig", so sagte einst ein kluger Mensch, "hat man (noch) das Gesicht, das man von der Natur geschenkt bekam. (Spätestens) mit vierzig hat man das Gesicht, das man verdient."
Michael Schmittbetz (aktualisiert 17.02.2010)
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Was ist ein schönes Gesicht?
Forscher gingen der Sache auf den Grund. Digitale Bildverarbeitung gab ihnen die Mittel an die Hand: Um ein Abbild idealer Proportionen zu erschaffen, reicht es aus, Daten vieler realer Gesichter in den Computer einzugeben. Der rechnet dann, Pixel für Pixel, einfach Durchschnittswerte aus. Regel: Je mehr Gesichter die Datenbasis bilden, desto schöner gerät das Resultat. Lange Nasen, spitze Kinne und Pickel verschwinden wie von Geisterhand. Schönheit ist eben doch nur ein statistischer Mittelwert!
Forscher gingen der Sache auf den Grund. Digitale Bildverarbeitung gab ihnen die Mittel an die Hand: Um ein Abbild idealer Proportionen zu erschaffen, reicht es aus, Daten vieler realer Gesichter in den Computer einzugeben. Der rechnet dann, Pixel für Pixel, einfach Durchschnittswerte aus. Regel: Je mehr Gesichter die Datenbasis bilden, desto schöner gerät das Resultat. Lange Nasen, spitze Kinne und Pickel verschwinden wie von Geisterhand. Schönheit ist eben doch nur ein statistischer Mittelwert!
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Glatte Haut per Injektion
Botox lautet der Name eines umstrittenen Schönheitsprodukts, das aus dem Nervengift Botulinumtoxin hergestellt wird. Unter die Gesichtshaut gespritzt, lähmt es die Muskeln und glättet die Falten darüber. Nach etwa zwei bis sechs Monaten lässt die Wirkung nach. Nicht nur bei Hollywoodstars ist die Prozedur derzeit in Mode; manche deutsche Schönheitsklinik bietet sogar eine "Botox-Flatrate" an. Was hinter dem Wundermittel steckt, ist vielen Patienten jedoch nicht bewusst.
Bei Botulinumtoxin handelt es sich um das stärkste bekannte Gift. Wird es intravenös verabreicht, liegt die tödliche Dosis für einen Menschen bei 0,003 Mikrogramm. Der Name leitet sich ab von den lateinischen Begriffen botulus (= Wurst) und toxin (= Gift). 1895 identifizierte der belgische Mikrobiologe Emile van Ermengem das Bakterium Clostridium botulinum in verdorbenen Fleischkonserven. Dadurch hervorgerufene Nahrungsmittelvergiftungen verlaufen oft tödlich: Das "Wurstgift" blockiert die Signalübertragung vom Nerv zum Muskel - Betroffene sterben qualvoll an Atemlähmung.
Stark verdünnt kann Botulinumtoxin jedoch bei der Behandlung diverser Erkrankungen helfen. So kommt es heute bei über fünfzig Nerven- und Muskelkrankheiten zur Anwendung. Dass das Präparat auch Falten glättet, fanden amerikanische Ärzte Ende der 1980er Jahre heraus. Seitdem wird Botox zunehmend zu kosmetischen Zwecken eingesetzt. Dennoch gilt es weiter als Medikament.
Aus diesem Grund greift bei Botox das Tierversuchsverbot für Kosmetika nicht. Und hinter der Herstellung steckt immenses Tierleid: Weil das Gift so gefährlich ist, muss jede Produktionseinheit auf ihre Sicherheit geprüft werden. Dazu spritzt man Mäusen die Testsubstanz in die Bauchhöhle. Zwischen hundert- und dreihunderttausend Versuchstiere werden so jährlich zu Tode gequält. Wegen der erhöhten Nachfrage steigt diese Zahl in Zukunft sicher noch an.
Bei Botulinumtoxin handelt es sich um das stärkste bekannte Gift. Wird es intravenös verabreicht, liegt die tödliche Dosis für einen Menschen bei 0,003 Mikrogramm. Der Name leitet sich ab von den lateinischen Begriffen botulus (= Wurst) und toxin (= Gift). 1895 identifizierte der belgische Mikrobiologe Emile van Ermengem das Bakterium Clostridium botulinum in verdorbenen Fleischkonserven. Dadurch hervorgerufene Nahrungsmittelvergiftungen verlaufen oft tödlich: Das "Wurstgift" blockiert die Signalübertragung vom Nerv zum Muskel - Betroffene sterben qualvoll an Atemlähmung.
Stark verdünnt kann Botulinumtoxin jedoch bei der Behandlung diverser Erkrankungen helfen. So kommt es heute bei über fünfzig Nerven- und Muskelkrankheiten zur Anwendung. Dass das Präparat auch Falten glättet, fanden amerikanische Ärzte Ende der 1980er Jahre heraus. Seitdem wird Botox zunehmend zu kosmetischen Zwecken eingesetzt. Dennoch gilt es weiter als Medikament.
Aus diesem Grund greift bei Botox das Tierversuchsverbot für Kosmetika nicht. Und hinter der Herstellung steckt immenses Tierleid: Weil das Gift so gefährlich ist, muss jede Produktionseinheit auf ihre Sicherheit geprüft werden. Dazu spritzt man Mäusen die Testsubstanz in die Bauchhöhle. Zwischen hundert- und dreihunderttausend Versuchstiere werden so jährlich zu Tode gequält. Wegen der erhöhten Nachfrage steigt diese Zahl in Zukunft sicher noch an.



