Das große Sterben
Wie aus dem Nichts tauchte 1918 die so genannte Spanische Grippe auf. Rasend schnell breitete sich über alle Teile der Welt aus und tötete innerhalb von zwei Jahren fast fünfzig Millionen Menschen.Lazarett der U.S.Army im französischen Aix-Les-Bains während der ersten Welle der Spanischen Grippe 1918.
Schnell und unkontrolliert
Jessie Lee Brown Foveaux arbeitete 1918 als Krankenschwester im Camp Funston in Fort Riley, Kansas, wo die Grippe wahrscheinlich zuerst ausbrach. Sie beschreibt den Beginn der Grippewelle so: "Die Krankheit kam schnell und unkontrolliert. An einem Tag arbeiteten wir noch mit jemandem zusammen, dann ging er nach Hause, weil er sich nicht wohl fühlte, und am nächsten Tag war er tot. Jeden Tag haben wir uns gefragt, wer wohl der nächste sein würde."
Ein Virus geht um die Welt
Amerikanische Truppen schleppten die Seuche am Ende des Ersten Weltkrieges nach Europa ein. Unter ihren Soldaten beklagte die US-amerikanische Armee etwa genauso viele Grippeopfer wie durch Kampfhandlungen getötete Männer. Frankreich, Spanien, England, Deutschland - es gab kaum ein Land, das nicht in kürzester Zeit einen heftigen Ausbruch der Krankheit erlebte. Weil es in Spanien keine kriegsbedingte Pressezensur gab, wurden hier die ersten Opfer gemeldet. Deshalb erhielt die Pandemie den Namen Spanische Grippe. Von Europa aus suchte sich das Virus seinen Weg nach Russland und Asien, um 1919 noch einmal in die USA zurückzukehren.
Unbekannte Ursache
Jedesmal, wenn man glaubte, die Grippe würde abflauen, kam eine neue Welle mit verheerender Gewalt. Vielerorts brach Chaos aus. Auf den Straßen brachen Erkrankte zusammen und starben. Allein in New York tötete die Grippe im Herbst 1918 etwa 20.000 Menschen; in Alaska soll sie zur gleichen Zeit ganze Dörfer ausgelöscht haben. Keiner kannte die Ursache für die heftige Infektion - das Grippevirus war noch nicht entdeckt worden. Sogar Giftgasrückstände aus Munitionsbeständen wurden für das Massensterben verantwortlich gemacht.
Rekonstruiertes Virus der Spanischen Grippe. (Bild: United States Department of Health and Human Services, 2005)
Das besonders Heimtückische an dieser Krankheit war, dass sie - eigentlich außergewöhnlich für eine Grippe - vor allem junge Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren in kürzester Zeit dahinraffte. Gefährlich, sprich tödlich, ist das Virus normalerweise für Menschen mit schwachem Immunsystem, also kleine Kinder und Alte. Dem Geheimnis, weshalb nicht sie, sondern gesunde, gut genährte Menschen im "besten Alter" am schwersten von der Epidemie betroffen waren, kam ein japanisch-amerikanisches Forscherteam im Jahr 2007 auf die Spur.
Tödliche Überreaktion
Nach Versuchen an Menschenaffen entdeckte das Team eine Überreaktion des Immunsystems; beim Angriff des körpereigenen Abwehrsystems auf die Influenzaviren, die sich vor allem in den Atemwegen und der Lunge vermehren, wurden nicht nur die Krankheitserreger vernichtet, sondern auch das Lungengewebe zerstört. Bei einem schwächeren Immunsystem fiel die Zerstörung körpereigenen Gewebes dagegen wesentlich geringer aus.
"Normaler" Rhythmus
Bis in die 1920er Jahre hinein kam es weltweit zu weiteren Nachepidemien. Die so genannte Dritte Welle der Spanischen Grippe verlief in den verschiedenen Regionen der Erde aber nicht mehr so einheitlich heftig, allgemein sogar wesentlich schwächer als die Wellen zuvor. In der Folgezeit hielten sich die Grippe-Epidemien dann wieder an den "normalen" Jahreszeitenrhythmus und traten nur noch im Winter - und in gewohntem Ausmaß - auf.
Christiane Nienhold/Ulrike Wolf (04.05.2009)
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Grippe
Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts starben zwischen 1996 und 2006 jährlich 8.000 bis 11.000 Menschen an der Grippe; in der außergewöhnlich heftigen Saison 1995/96 waren es sogar rund 31.000. Grippe wird beim Menschen durch Influenzaviren des Typs A, B oder C ausgelöst.
Für deren Aggressivität sind die aus der Virushaut wie Dornen herausragenden Proteine Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N) verantwortlich. Sie sorgen dafür, dass das Virus in eine Wirtszelle (Tier oder Mensch) eindringen kann und sich in ihr tausendfach vermehrt. Binnen zwei Tagen können so in einer Wirtszelle bis zu 100.000 neue Viren entstehen. Übertragen werden sie durch Tröpfcheninfektion: husten, niesen, berühren.
Was das Virus so gefährlich macht, ist seine stetige Veränderung. Leichte Wandlungen an den Genen bezeichnen Experten als drift, starke als shift. Bei Letzterer ist eine Wirtszelle gleichzeitig mit zwei Subtypen des Influenza-Virus-A befallen. Während der Vermehrung kann es zur falschen Zuordnung der Virusbestandteile kommen. Dadurch entsteht ein neuer Virustyp, den das Immunsystem nicht erkennt und der sich deshalb ungehindert seinen Weg bahnt.
Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts starben zwischen 1996 und 2006 jährlich 8.000 bis 11.000 Menschen an der Grippe; in der außergewöhnlich heftigen Saison 1995/96 waren es sogar rund 31.000. Grippe wird beim Menschen durch Influenzaviren des Typs A, B oder C ausgelöst.
Für deren Aggressivität sind die aus der Virushaut wie Dornen herausragenden Proteine Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N) verantwortlich. Sie sorgen dafür, dass das Virus in eine Wirtszelle (Tier oder Mensch) eindringen kann und sich in ihr tausendfach vermehrt. Binnen zwei Tagen können so in einer Wirtszelle bis zu 100.000 neue Viren entstehen. Übertragen werden sie durch Tröpfcheninfektion: husten, niesen, berühren.
Was das Virus so gefährlich macht, ist seine stetige Veränderung. Leichte Wandlungen an den Genen bezeichnen Experten als drift, starke als shift. Bei Letzterer ist eine Wirtszelle gleichzeitig mit zwei Subtypen des Influenza-Virus-A befallen. Während der Vermehrung kann es zur falschen Zuordnung der Virusbestandteile kommen. Dadurch entsteht ein neuer Virustyp, den das Immunsystem nicht erkennt und der sich deshalb ungehindert seinen Weg bahnt.
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Menschen mit Atemschutzmasken
Dieses Bild ist in den Medien unverzichtbar, wenn es um ansteckende Virenerkrankungen geht. Ob SARS, H5N1 oder A/H1N1 - die Atemschutzmaske scheint der persönliche Schutzwall zu sein. Folge: Schutzmaskenlager werden leer gekauft, Behörden verteilen Notfallbestände.
Doch das hat etwas Trügerisches, denn tatsächlich schützt eine solche Stoffmaske den Träger nicht vor Ansteckung. Es sind die gleichen Masken, die Chirurgen bei Operationen tragen - um Patienten auf dem OP-Tisch vor Krankheitserregern zu schützen; beim Ausatmen werden Tröpfchen an Mund und Nase im Stoff festgehalten, ansonsten sind die Masken durchlässig.
Bei Virus-Epidemien sollten also bereits Erkrankte Masken tragen, um Gesunde nicht anzustecken, nicht umgekehrt. Derzeit wird wenig getan, den Sinn von Atemschutzmasken allzu genau zu erklären: Je mehr Menschen in Zentren der Epidemie Masken tragen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass darunter eventuell Erkrankte sind - und die Maske dann Gesunde vor ihnen beschützt.
Dieses Bild ist in den Medien unverzichtbar, wenn es um ansteckende Virenerkrankungen geht. Ob SARS, H5N1 oder A/H1N1 - die Atemschutzmaske scheint der persönliche Schutzwall zu sein. Folge: Schutzmaskenlager werden leer gekauft, Behörden verteilen Notfallbestände.
Doch das hat etwas Trügerisches, denn tatsächlich schützt eine solche Stoffmaske den Träger nicht vor Ansteckung. Es sind die gleichen Masken, die Chirurgen bei Operationen tragen - um Patienten auf dem OP-Tisch vor Krankheitserregern zu schützen; beim Ausatmen werden Tröpfchen an Mund und Nase im Stoff festgehalten, ansonsten sind die Masken durchlässig.
Bei Virus-Epidemien sollten also bereits Erkrankte Masken tragen, um Gesunde nicht anzustecken, nicht umgekehrt. Derzeit wird wenig getan, den Sinn von Atemschutzmasken allzu genau zu erklären: Je mehr Menschen in Zentren der Epidemie Masken tragen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass darunter eventuell Erkrankte sind - und die Maske dann Gesunde vor ihnen beschützt.



