Der Tyrann und die Tiefe
Der Mensch weiß über die Tiefsee weniger als über die Mondoberfläche. Sein Einfluss aber reicht bis auf den Meeresgrund - Fischerei, Müll und Rohstoffhunger gefährden die Welt unter Wasser.Faszinierende Schwämme, bizarre Fische und andere eigenartige Meeresbewohner entdeckten die Forscher der Challenger-Expedition in den 1870er Jahren. (Illustration von 1889)
So sprach Kapitän Nemo, Kommandant des Unterseeboots Nautilus, in Jules Vernes 1870 erschienenem Roman 20.000 Meilen unter dem Meer. Und der Seefahrer hatte Recht: Zwar nutzt der Mensch seit Jahrtausenden das Meer als Seeweg und als Nahrungsquelle. Doch lange Zeit bewegte er sich dabei nur an der Oberfläche - das Reich der Tiefe blieb vom Menschen unbehelligt.
Sporadische Stippvisiten
Seit Jules Vernes Zeiten hat sich jedoch einiges getan: 1872 stach der schottische Naturforscher Charles Wyville Thomson an Bord der Korvette Challenger in See. In dreieinhalb Jahren sammelten er und seine Kollegen mehr als viertausend unbekannte Spezies aus Tiefen bis zu 8.300 Meter. Die umfangreichen Funde beschäftigten die Fachwelt zwei Jahrzehnte lang; fünfzig Bände umfasste die Auswertung der Expedition.
Weitere Forschungsreisen vergrößerten das Wissen über die Tiefsee in den folgenden Jahrzehnten. Sporadisch unternahmen Menschen auch Stippvisiten hinab in die Tiefe: So tauchten die US-Amerikaner William Beebe und Otis Barton 1930 im Innern einer Stahlkugel in eine Tiefe von 435 Meter, um Fische zu beobachten. Der Schweizer Jacques Piccard gelangte 1960 gar bis 10.916 Meter unter die Meeresoberfläche.
Volkszählung in den Weltmeeren
Doch das menschliche Wissen über die Tiefsee blieb trotz aller Reisen und Rekorde der letzten rund 140 Jahre bescheiden. "Wir wissen mehr von der Oberfläche des Mondes als von den Tiefen der Ozeane", sagte der Meeresbiologe Pedro Martínez Arbizu 2006 im Gespräch mit dem Magazin Der Spiegel. Das soll sich ändern: Arbizu ist einer von etwa 1.700 Wissenschaftlern, die sich am internationalen Projekt Census of Marine Life (COML) beteiligen. Nichts Geringeres als die Bestandsaufnahme sämtlichen Lebens in den Weltmeeren ist das Ziel des Megaprojekts, das im Jahr 2000 an den Start ging.
Ein Antarktischer Eisfisch inmitten von Schlangensternen: Die Artenvielfalt der Tiefseefauna versetzt Ozeanforscher in Erstaunen. (Bild: J. Gutt/Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung)
Überall auf der Welt dringen seitdem Forschungsroboter, -netze und Kameras in die Tiefsee vor. Was die Wissenschaftler finden, übertrifft ihre kühnsten Erwartungen: Gärten von Schwämmen, bunt leuchtende Fische, durchsichtige Seegurken, meterlange Röhrenwürmer, weiße Krabben, Tintenfische mit Dumbo-Ohren, Muscheln groß wie Melonen - solche abenteuerliche Kreaturen bevölkern die Tiefsee. Japanischen Forschern gelangen vor ein paar Jahren sogar Aufnahmen von Architeuthis, dem legendären Riesenkraken, dessen Existenz lange Zeit für eine Mär gehalten wurde.
Ein letztes Paradies?
Die schiere Zahl und die außerordentliche Vielfalt von Tiefseebewohnern versetzen die am Meereszensus beteiligten Wissenschaftler in Staunen. Fabelhafte Oasen des Lebens haben sich in den kalten und lichtlosen Weiten der Weltmeere entwickelt; zahllose komplexe und empfindliche Ökosysteme existieren am Meeresgrund. Ist die Tiefsee etwa ein letztes Paradies, ein Hort des Lebens abseits allen menschlichen Einflusses - ganz so wie in der Vorstellung von Kapitän Nemo? ...
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Infobox
Tiefsee - Physik und Geologie
Rund 71 Prozent der Erdoberfläche sind von Meer bedeckt. Tiefsee heißen solche Gebiete, die achthundert Meter und tiefer unter der Meeresoberfläche liegen. In diese Regionen dringt kein Sonnenlicht vor, die Temperaturen liegen zwischen minus eins und plus vier Grad Celsius. Je weiter man in die Tiefe vordringt, umso höher steigt der Druck - pro hundert Meter um das Zehnfache des normalen Luftdrucks. Schon in eintausend Meter Tiefe drückt das Wasser mit einem Gewicht von einhundert Kilogramm pro Quadratzentimeter!
Den größten Teil des Tiefseebodens machen Tiefseebecken aus: schier endlose Flächen voller Schlamm aus organischem Material. Zu den geologisch interessanten Regionen gehören die Mittelozeanischen Rücken - untermeerische Gebirgszüge, die dort entstehen, wo der Ozeanboden aufbricht, weil sich Erdplatten voneinander wegbewegen. Aufsteigendes Magma bildet dort neue Erdkruste. Je langsamer sich der Ozeanboden spreizt, umso höher ragen Mittelozeanische Rücken in die Höhe.
Wenn sich Platten nicht voneinander weg, sondern aufeinander zu bewegen, kommt es zur Subduktion: Eine Platte "taucht" unter die andere ab. Am Meeresboden entsteht dann eine Tiefseerinne. In einer solchen Rinne im Pazifischen Ozean, rund 1.850 Kilometer östlich der Philippinen, liegt der tiefste Punkt der Erde: das Witjastief 1, 11.034 Meter unter dem Meeresspiegel.
Rund 71 Prozent der Erdoberfläche sind von Meer bedeckt. Tiefsee heißen solche Gebiete, die achthundert Meter und tiefer unter der Meeresoberfläche liegen. In diese Regionen dringt kein Sonnenlicht vor, die Temperaturen liegen zwischen minus eins und plus vier Grad Celsius. Je weiter man in die Tiefe vordringt, umso höher steigt der Druck - pro hundert Meter um das Zehnfache des normalen Luftdrucks. Schon in eintausend Meter Tiefe drückt das Wasser mit einem Gewicht von einhundert Kilogramm pro Quadratzentimeter!
Den größten Teil des Tiefseebodens machen Tiefseebecken aus: schier endlose Flächen voller Schlamm aus organischem Material. Zu den geologisch interessanten Regionen gehören die Mittelozeanischen Rücken - untermeerische Gebirgszüge, die dort entstehen, wo der Ozeanboden aufbricht, weil sich Erdplatten voneinander wegbewegen. Aufsteigendes Magma bildet dort neue Erdkruste. Je langsamer sich der Ozeanboden spreizt, umso höher ragen Mittelozeanische Rücken in die Höhe.
Wenn sich Platten nicht voneinander weg, sondern aufeinander zu bewegen, kommt es zur Subduktion: Eine Platte "taucht" unter die andere ab. Am Meeresboden entsteht dann eine Tiefseerinne. In einer solchen Rinne im Pazifischen Ozean, rund 1.850 Kilometer östlich der Philippinen, liegt der tiefste Punkt der Erde: das Witjastief 1, 11.034 Meter unter dem Meeresspiegel.




