Der Mensch als Baukasten
Auch in fremder Umgebung können die Nieren ihren Dienst gewissenhaft verrichten. Wie kamen Mediziner auf diese Idee? Welche Hindernisse galt es zu überwinden?Anatomie einer Frau: Menschliche Neugier entzaubert den Körper.
(Skizze von Leonardo da Vinci, um 1507)
(Skizze von Leonardo da Vinci, um 1507)
Zum Glück ist das nur die Handlung eines berühmten Films: Der Spuk endet beim Verlassen des Kinos. Gehirne kann die moderne Medizin noch nicht transplantieren - aber sie ist auf dem besten Weg.
Neues Wissenschaftsverständnis
In ihren Anfängen schien die Transplantationsmedizin allerdings wirklich einem Schauermärchen zu entstammen. Lange Zeit war die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem menschlichen Körper tabu. Der Vorschlag, Gewebe oder Organe aus einem Menschen zu entnehmen und einem anderen einzupflanzen, hätte direkt auf den Scheiterhaufen geführt.
Mit Beginn der Neuzeit wird der Grundstein für das heutige Wissenschaftsverständnis gelegt. Der Mensch will den Dingen auf den Grund gehen, sachlich, gründlich, analytisch und ohne jede Voreingenommenheit. Grenzen sieht er dabei keine mehr.
Für die Medizin brachte das ein neues Forschungsgebiet. Das Auftragen von Salben, die Bestimmung von Heilkräutern oder das Schienen gebrochener Knochen traten zurück hinter die Erforschung des menschlichen Körpers. Die Disziplin Anatomie entstand und klassifizierte den Menschen nach Gesichtspunkten, wie sie vorher nur für Tiere gegolten hatten. An Leichnamen wurde das Innere des Menschen erforscht.
Entzauberung des Körpers
Die Vorstellung vom Menschen als Ganzheit trat zurück hinter pragmatischere Sichtweisen. Blinddarm: kann rausoperiert werden. Milz: keine erkennbaren vitalen Funktionen. Der Mensch war nun schlicht die Summe seiner Teile.
Mit diesen Erfahrungen lag der nächste Schritt nicht fern: Wenn der Mensch nur aus Teilen zusammengesetzt ist, können dann nicht einzelne Teile ersetzt werden? Warum sollte man leiden oder gar sterben müssen, nur weil ein kleines Rädchen im Getriebe versagt?
Im 17. Jahrhundert gab es erste Versuche, zerstörte menschliche Haut durch Gewebe von Tieren zu ersetzen. Aus dem 18. und späten 19. Jahrhundert sind Berichte über Experimente überliefert, in denen versucht wurde, Schilddrüsengewebe zu ersetzen. Aber erst im letzten Jahrhundert entwickelte sich die Transplantationsmedizin mit Riesenschritten.
Erste Versuche mit Tieren
1900 entdeckte Karl Landsteiner in Wien das erste menschliche Blutgruppensystem. Es ermöglichte Bluttransfusionen. 1902 gelang, ebenfalls in Wien, die erste Transplantation einer Niere an einem Hund.
Beim Menschen bereitete den Medizinern bei der Verpflanzung von Organen die Abstoßungsreaktion große Probleme: In den meisten Fällen akzeptierte der Körper das neu eingepflanzte Organ nicht. Daraus schloss die Medizin keineswegs, dass solche Unterfangen für den Menschen nicht geeignet seien. Schließlich lautet das Credo der modernen Wissenschaft: Es gibt kaum etwas, was man nicht durch Forschen und Experimentieren in den Griff bekommen könnte.
Ein Teil des Rätsels wurde 1954 gelöst. Die erste, vom amerikanischen Chirurgen Joseph Murray durchgeführte Nierentransplantation zwischen eineiigen Zwillingen verlief erfolgreich. Acht Jahre später starb der Empfänger der Niere an einem Herzinfarkt. Der Eingriff zeigte den Medizinern allerdings, dass bei nicht-identischen Gewebemerkmalen eine Transplantation nur mit Unterdrückung der Abstoßungsreaktionen möglich ist.
In Paris gelang es 1959 erstmals, eine Niere zwischen zweieiigen, also genetisch unterschiedlichen Zwillingen zu verpflanzen. Die nachfolgende Abstoßung begrenzte man mit Hilfe von Bestrahlung. Andere Chirurgen versuchten zeitgleich Transplantationen von Leber und Lunge.
Das fremde Herz
Die Basis erfolgreicher Transplantationen war damit gelegt. Es galt, erst nach bestimmten Kriterien einen möglichst passenden Spender herauszusuchen und nach der Operation die Abstoßungsreaktionen des Körpers mit Medikamenten zu unterdrücken. Mit diesem Wissen traute sich Dr. Christiaan Barnard 1967 das scheinbar Unmögliche zu: Er nahm am 3. Dezember in Kapstadt die weltweit erste Herztransplantation von Mensch zu Mensch vor. Der Empfänger überlebte - allerdings nur 18 Tage. Dennoch stellte die Operation einen Meilenstein dar: Die Umsetzbarkeit der Idee war bewiesen.
2011 wurden allein in Deutschland 362 Herzen verpflanzt, Nieren- und Lebertransplantationen sind ebenso Routine geworden. Vielen Menschen kann damit ein neues Leben geschenkt werden. Dennoch bleibt immer noch die Gefahr, dass der Körper das Spenderorgan abstößt.
Um das Risiko zu verringern, wurden Datenbanken wie beispielsweise Eurotransplant gegründet, um nur geeignete Spender mit Empfängern zusammenzubringen. Außerdem entwickeln Mediziner immer bessere Medikamente, die eine Abstoßung des fremden Organs verhindern sollen.
Herzen, Nieren - Köpfe?
Obwohl es eigentlich nur die logische Konsequenz der bisherigen Entwicklung gewesen wäre, hätte das Vorhaben des amerikanischen Chirurgen Robert White einem schlechten Horrorstreifen entstammen können: White wollte menschliche Köpfe transplantieren. Allerdings hätte er dabei das durchtrennte Rückenmark nicht wieder zusammenführen können, der operierte Mensch wäre querschnittsgelähmt. Dennoch: Sein Gehirn würde von einem fremden Herz mit Blut versorgt werden, er wäre dem Tod entronnen.
Ein erstes Experiment mit Rhesus-Affen gelang dem Chirurgen bereits in den 1970er Jahren. Später mangelte es an Geld. White, der 2010 starb, antwortete seinen Kritikern zeitlebens: "Worin besteht denn der Unterschied, ob ich einem Menschen während einer Operation Leber, Niere und Herz implantiere oder ob ich ihm gleich einen neuen Körper gebe?"
Niko Switek/Kathleen Postel (21.03.2012)
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Infobox
Neue Regeln für die Organspende
Trotz großer Fortschritte der Medizin bleibt ein Problem bestehen: die mangelnde Verfügbarkeit von Spendern. Patienten müssen oft lange warten, bis sich ein geeigneter Kandidat findet. Für viele ist es ein Wettlauf gegen den Tod: Jährlich sterben in Deutschland etwa eintausend Menschen, weil kein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung steht.
Bislang kommen nur solche Personen als Spender in Frage, die ausdrücklich einer Organentnahme zugestimmt haben. Doch nur wenige besitzen tatsächlich einen Organspendeausweis, obwohl etwa drei Viertel aller Deutschen Organspenden befürworten.
Um die Spendenbereitschaft zu erhöhen, streben Politiker eine Reform des 1997 eingeführten Transplantationsgesetzes an: Geplant ist, dass künftig jeder Erwachsene in regelmäßigen Anschreiben von den gesetzlichen wie privaten Krankenkassen gefragt wird, ob er zur Organspende bereit ist.
Schon in diesem Sommer sollen die Versicherten zum ersten Mal befragt werden: Dabei können sie einer Organspende zustimmen, sie ablehnen oder auch erklären, dass sie zunächst keine Entscheidung treffen wollen.
Außerdem ist es wie bisher möglich, das Einverständnis zur Organspende generell zu erteilen oder aber auf bestimmte Organe einzuschränken. 2014 soll die Bereitschaft der Deutschen erneut geklärt werden. Danach erfolgt die Befragung voraussichtlich im Fünf-Jahres-Rhythmus.
Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland im unteren Drittel liegt, was die Zahl der Spenden betrifft: Auf eine Million Einwohner kommen 14 bis 16 Spender. Bei vielen anderen west- und mitteleuropäischen Ländern wie Spanien, Belgien und Österreich sind es dagegen durchschnittlich 21 Spender pro einer Million Einwohner. Dort gilt allerdings die so genannte Widerspruchsregelung: Jeder ist automatisch ein Organspender, sofern er nicht ausdrücklich widersprochen hat.
Ob sich nach der geplanten Gesetzesreform etwas an der Zahl der Spender in Deutschland ändert, bleibt abzuwarten. Die ersten Umfragen aber ergaben, dass sich zwei Drittel der Deutschen mit einer Organspende einverstanden erklären wollen.
Trotz großer Fortschritte der Medizin bleibt ein Problem bestehen: die mangelnde Verfügbarkeit von Spendern. Patienten müssen oft lange warten, bis sich ein geeigneter Kandidat findet. Für viele ist es ein Wettlauf gegen den Tod: Jährlich sterben in Deutschland etwa eintausend Menschen, weil kein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung steht.
Bislang kommen nur solche Personen als Spender in Frage, die ausdrücklich einer Organentnahme zugestimmt haben. Doch nur wenige besitzen tatsächlich einen Organspendeausweis, obwohl etwa drei Viertel aller Deutschen Organspenden befürworten.
Um die Spendenbereitschaft zu erhöhen, streben Politiker eine Reform des 1997 eingeführten Transplantationsgesetzes an: Geplant ist, dass künftig jeder Erwachsene in regelmäßigen Anschreiben von den gesetzlichen wie privaten Krankenkassen gefragt wird, ob er zur Organspende bereit ist.
Schon in diesem Sommer sollen die Versicherten zum ersten Mal befragt werden: Dabei können sie einer Organspende zustimmen, sie ablehnen oder auch erklären, dass sie zunächst keine Entscheidung treffen wollen.
Außerdem ist es wie bisher möglich, das Einverständnis zur Organspende generell zu erteilen oder aber auf bestimmte Organe einzuschränken. 2014 soll die Bereitschaft der Deutschen erneut geklärt werden. Danach erfolgt die Befragung voraussichtlich im Fünf-Jahres-Rhythmus.
Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland im unteren Drittel liegt, was die Zahl der Spenden betrifft: Auf eine Million Einwohner kommen 14 bis 16 Spender. Bei vielen anderen west- und mitteleuropäischen Ländern wie Spanien, Belgien und Österreich sind es dagegen durchschnittlich 21 Spender pro einer Million Einwohner. Dort gilt allerdings die so genannte Widerspruchsregelung: Jeder ist automatisch ein Organspender, sofern er nicht ausdrücklich widersprochen hat.
Ob sich nach der geplanten Gesetzesreform etwas an der Zahl der Spender in Deutschland ändert, bleibt abzuwarten. Die ersten Umfragen aber ergaben, dass sich zwei Drittel der Deutschen mit einer Organspende einverstanden erklären wollen.
Infobox
Christiaan Barnard...
wurde am 8. November 1922 in Beaufort-West in Südafrika geboren. Nach Abschluss eines Medizinstudiums ging er in die USA, wo er an der Universität von Minnesota die chirurgische Fachausbildung erhielt. In vielen Tierversuchen testete Barnard Operationstechniken, die mit Eingriffen am Herzen verbunden sind.
1958 kehrte er nach Kapstadt zurück. Bis zu seiner ersten Herztransplantation hatte der routinierte Chirurg fast eintausend Herzoperationen vorgenommen. Im Dezember 1967 erhielt der Patient Louis Washkansky in einer fünfstündigen Operation das Herz von Deenise Darvall, die wenige Stunden zuvor verstorben war.
Barnard wurde durch die Transplantation zu einem der populärsten Mediziner seiner Zeit. 1983 musste er seine Operationstätigkeit als Folge einer schweren Arthritis aufgeben. Er kümmerte sich fortan mit der Christiaan-Barnard-Foundation um herzkranke Kinder in aller Welt. Barnard starb am 2. September 2001 auf Zypern.
wurde am 8. November 1922 in Beaufort-West in Südafrika geboren. Nach Abschluss eines Medizinstudiums ging er in die USA, wo er an der Universität von Minnesota die chirurgische Fachausbildung erhielt. In vielen Tierversuchen testete Barnard Operationstechniken, die mit Eingriffen am Herzen verbunden sind.
1958 kehrte er nach Kapstadt zurück. Bis zu seiner ersten Herztransplantation hatte der routinierte Chirurg fast eintausend Herzoperationen vorgenommen. Im Dezember 1967 erhielt der Patient Louis Washkansky in einer fünfstündigen Operation das Herz von Deenise Darvall, die wenige Stunden zuvor verstorben war.
Barnard wurde durch die Transplantation zu einem der populärsten Mediziner seiner Zeit. 1983 musste er seine Operationstätigkeit als Folge einer schweren Arthritis aufgeben. Er kümmerte sich fortan mit der Christiaan-Barnard-Foundation um herzkranke Kinder in aller Welt. Barnard starb am 2. September 2001 auf Zypern.



