Die Geister, die ich rief
In Eiswüsten, auf Berggipfeln und sogar in der Tiefsee lassen sich vom Menschen geschaffene Substanzen nachweisen. Nach und nach werden die Folgen deutlich, die solche Stoffe für die Umwelt haben können.Die Landwirtschaft nutzt unzählige Sorten synthetischer Dünger und Pestizide - nicht immer sind die Folgen kontrollierbar.
Aussaat mit Folgen
Imker und Behörden ermittelten die Ursache des Bienentodes indes rasch: Im April bereits waren Bienenzüchtern rosa Wolken auf den Feldern der Bauern aufgefallen. Bei der Maissaat setzten die Landwirte in jenem Jahr Körner ein, die mit einem neuartigen Insektizid gebeizt waren: Der Wirkstoff Clothianidin sollte Schädlinge von den Pflanzen fernhalten. Nach dem Verlegen der Saat blieben auf vielen Feldern kleine rosa Kügelchen der Chemikalie liegen; Abriebstaub legte sich über große Teile der Landschaft. Der Verdacht, dass der giftige Stoff für das Bienensterben verantwortlich sei, bestätigte sich bald. Untersuchungen des Julius-Kühn-Instituts in Braunschweig kamen zu dem eindeutigen Schluss, dass die Bienen durch Kontakt mit Clothianidin vergiften wurden.
US-Soldaten demonstrieren, wie DDT zum Entlausen eingesetzt wird. (Bild vermutlich aus den 1950er Jahren)
Seit Jahrzehnten sind synthetische Dünger und Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft im Einsatz. Und fast genauso lange schon stehen sie im Verdacht, schädliche Auswirkungen auf die Umwelt und auf Organismen zu haben. Selten aber traten Schäden so offensichtlich und zeitnah auf wie im Frühjahr 2008. Im Fall von Dichlordiphenyltrichlorethan - besser bekannt unter seinem Kürzel DDT - war das anders: Dass dessen Vorteile einen Preis hatten, machte sich erst bemerkbar, als das Insektizid schon viele Jahre im Einsatz war.
Brüchige Eier
Seit Anfang der 1940er Jahre erfreute sich DDT großer Beliebtheit als Insektengift, weil es hohe Wirksamkeit gegen Schädlinge zeigte und weil es einfach herzustellen war. Dann, nach 1950, gingen auf der Nordhalbkugel der Erde die Greifvogelbestände zurück. Der Wanderfalke etwa starb in vielen Ländern Europas aus; in den USA war plötzlich das Wappentier, der Weißkopfseeadler, bedroht. Der Ursache auf die Spur kamen Wissenschaftler, als sie immer häufiger zerbrochene Gelege in den Nestern der Greifvögel fanden. Aus irgendeinem Grund hatten sich die Eierschalen verdünnt und zerbrachen daher leicht. Der Grund hieß: DDT. Die Chemikalie gelangte aus dem Boden in die Nahrung und über die Nahrungskette bis in den Organismus der Greifvögel. Brüchige Eier - vermutlich stört DDT die Calcium-Einlagerung in der Eierschale - und der Rückgang der Bestände waren die Folge.
Vom Wind verweht
So wie DDT "wandern" viele Stoffe die Nahrungskette entlang und reichern sich in Organismen - Pflanzen wie Tieren - an. Möglich wird das durch ihre Robustheit: Die meisten synthetischen Stoffe sind in der Natur nicht abbaubar; weder Licht noch Hitze noch Verwitterung noch Mikroorganismen können ihnen etwas anhaben. Ihre Dauerhaftigkeit führt auch dazu, dass die Chemikalien um den Erdball wandern. Sie werden vom Wind verweht, gelangen mit Luftströmungen, in Gewässern und per Wolke um die ganze Welt.
Walrosse dösen in der Arktis: Selbst in solch entlegenen Gebieten lassen sich Umweltgifte nachweisen.
Chemikalien, die in den Industriezentren Europas oder Amerikas hergestellt werden, lassen sich inzwischen an den entlegensten Orten nachweisen: Zum Beispiel fanden Wissenschaftler im Lebergewebe grönländischer Eisbären erhöhte Konzentrationen von Perfluorierten Tensiden (PFT), ebenso in Robben, Nerzen, Eisvögeln und Fischen der kanadischen Arktis. PFTs sind Kohlenstoffverbindungen, an deren Gerüst nicht Wasserstoffatome sondern Fluoratome sitzen. In der Natur kommen solche Verbindungen nicht vor. Vom Menschen hergestellt, haben sie allerdings zahlreiche Umweltmedien "erobert": Im Boden, in Flüssen, in den Weltmeeren und sogar in der Tiefsee wurden PFTs nachgewiesen...
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Wenn Chemie krank macht
Parfüm, Lösungsmitteldämpfe, Autoabgase, Zigarettenrauch - täglich kommen Menschen mit allen möglichen, in der Luft herumschwebenden Stoffen in Berührung. Den meisten Menschen macht das nichts aus; manche aber reagieren empfindlich auf Chemikalien, bekommen Kopfschmerzen, Atemnot, Schwindel, Hautprobleme oder diffuse Schmerzen. Ärzte bezeichnen solche Beschwerden als Multiple Chemikalienunverträglichkeit (englisch: Multiple Chemical Sensitivity), kurz: MCS.
Auslöser einer MCS kann eine Vergiftung mit Chemikalien sein, zum Beispiel durch falsches Anwenden von Insektenspray. Symptome können aber auch nach längerem Kontakt mit geringen Mengen von Chemikalien auftreten. Ein Merkmal von MCS ist, dass Betroffene nicht nur auf eine Sorte, sondern auf eine Vielzahl von nicht miteinander verwandten Substanzen reagieren. Auch nimmt die Empfindlichkeit im Laufe der Zeit zu: Auf immer geringere Dosen von Chemikalien reagiert der Körper. In wenigen, besonders schlimmen Fällen wird ein normales Leben unmöglich, weil Betroffene auf alles reagieren, sogar auf Haarwaschmittel oder die Druckerschwärze der Zeitung. Menschen mit schwerer MCS leben in speziell angefertigten, chemikalienfreien Häusern und sind vom sozialen Leben weitgehend isoliert.
Über die Ursachen von multipler Chemikalienunverträglichkeit ist wenig bekannt. Ärzte vermuten ein Zusammenspiel aus biologischen und psychischen Ursachen: Der Kontakt mit giftigen Stoffen führe zu einer kurzzeitigen, umkehrbaren körperlichen Reaktion. Ausgelöst würden die Beschwerden durch Schädigungen des Nervensystems oder des Stoffwechsels. Durch psychische Faktoren wie Stress oder Angst und bei längerem Kontakt mit Giften aber könnten die Beschwerden chronisch werden. Schätzungsweise ein halbes Prozent der Menschen in Deutschland ist von MCS betroffen (die meisten davon aber nicht schwerwiegend); in Schweden, in Japan und in den USA leiden fast vier Prozent an multipler Chemikalienunverträglichkeit.
Parfüm, Lösungsmitteldämpfe, Autoabgase, Zigarettenrauch - täglich kommen Menschen mit allen möglichen, in der Luft herumschwebenden Stoffen in Berührung. Den meisten Menschen macht das nichts aus; manche aber reagieren empfindlich auf Chemikalien, bekommen Kopfschmerzen, Atemnot, Schwindel, Hautprobleme oder diffuse Schmerzen. Ärzte bezeichnen solche Beschwerden als Multiple Chemikalienunverträglichkeit (englisch: Multiple Chemical Sensitivity), kurz: MCS.
Auslöser einer MCS kann eine Vergiftung mit Chemikalien sein, zum Beispiel durch falsches Anwenden von Insektenspray. Symptome können aber auch nach längerem Kontakt mit geringen Mengen von Chemikalien auftreten. Ein Merkmal von MCS ist, dass Betroffene nicht nur auf eine Sorte, sondern auf eine Vielzahl von nicht miteinander verwandten Substanzen reagieren. Auch nimmt die Empfindlichkeit im Laufe der Zeit zu: Auf immer geringere Dosen von Chemikalien reagiert der Körper. In wenigen, besonders schlimmen Fällen wird ein normales Leben unmöglich, weil Betroffene auf alles reagieren, sogar auf Haarwaschmittel oder die Druckerschwärze der Zeitung. Menschen mit schwerer MCS leben in speziell angefertigten, chemikalienfreien Häusern und sind vom sozialen Leben weitgehend isoliert.
Über die Ursachen von multipler Chemikalienunverträglichkeit ist wenig bekannt. Ärzte vermuten ein Zusammenspiel aus biologischen und psychischen Ursachen: Der Kontakt mit giftigen Stoffen führe zu einer kurzzeitigen, umkehrbaren körperlichen Reaktion. Ausgelöst würden die Beschwerden durch Schädigungen des Nervensystems oder des Stoffwechsels. Durch psychische Faktoren wie Stress oder Angst und bei längerem Kontakt mit Giften aber könnten die Beschwerden chronisch werden. Schätzungsweise ein halbes Prozent der Menschen in Deutschland ist von MCS betroffen (die meisten davon aber nicht schwerwiegend); in Schweden, in Japan und in den USA leiden fast vier Prozent an multipler Chemikalienunverträglichkeit.



