Pille statt Apfel?
Gesunde Ernährung sorgt dafür, dass der menschliche Körper allzeit mit den lebensnotwendigen Substanzen versorgt wird. Allerdings greifen immer mehr Menschen zu Vitaminpräparaten."Iss viel Obst und Gemüse, weil da Vitamine drin sind. Und die machen, dass du nicht krank wirst." Jedes Kind weiß: Vitamine sind gesund. Oft genug bekommen es die Kleinen ja zu hören. Doch was sind Vitamine eigentlich?
Laut Brockhaus-Definition sind sie organische Verbindungen, "die für den Stoffwechsel der meisten Tiere und des Menschen unentbehrlich sind, die aber vom tierischen und menschlichen Organismus in der Regel nicht synthetisiert werden können und daher ständig mit der Nahrung zugeführt werden müssen". Sie werden nicht in Energie oder Körperbausteine umgesetzt, sondern sorgen "nur" für störungsfreies Funktionieren diverser Stoffwechselvorgänge.
Weiche Knochen
So ist beispielsweise Vitamin D an der Knochenbildung beteiligt. Mangelt es dem Körper an diesem Vitamin, kann Kalzium aus der Nahrung nicht oder bloß ungenügend in die Knochen eingebaut werden. In der Folge werden die Knochen weich, mitunter auch brüchig; bei Kindern trägt dieses Phänomen den Namen Rachitis, bei Erwachsenen heißt es Osteomalazie.
Geißel der Seefahrt
Bekannter noch ist die Erkrankung, die entsteht, wenn die Versorgung mit Vitamin C nicht ausreicht: Skorbut war jahrhundertelang die Geißel der seefahrenden Nationen. Daran Erkrankten blutet das Zahnfleisch, die Zähne fallen aus, Wunden verheilen langsam. Am Ende ereilt die Unglücklichen der Tod durch Herzschwäche.
Vitamin C ist notwendig, damit der Organismus den Eiweißbaustein Kollagen bilden kann. Er findet sich vor allem im Binde- und Stützgewebe. Wird aber nicht genügend Kollagen produziert, treten die beschriebenen Symptome auf. Abhilfe schaffen Gemüse- und Obstsorten, die viel Vitamin C enthalten, zum Beispiel Sauerkraut oder Zitrusfrüchte. Ärzte verabreichen in schweren Fällen von Skorbut künstlich hergestellte hochdosierte Vitamin C-Präparate.
So genannte freie Radikale können im Körper ungesättigte Fettsäuren und andere Substanzen zerstören. Vitamin E beugt dem vor.
Mittlerweile greifen allerdings immer mehr Menschen auch ohne jede Mangelerscheinung zu so genannten Nahrungsergänzungsmitteln sowie zu Lebensmitteln, die mit Vitaminen angereichert sind. Vitamine, tönt die Werbung, kann man gar nicht genug schlucken. Und die Verbraucher, von Kindesbeinen an mit dieser und ähnlichen Aussagen überhäuft, schenken der Botschaft Glauben.
Das Gewissen beruhigen
Umso mehr, als vielen heutzutage sowohl die Zeit als auch der Wille fehlt, sich bewusst und von frischen Produkten zu ernähren. Stattdessen früh schnell das fettige Butterhörnchen verschlungen, mittags hastig die Currywurst in der Imbissbude und am Abend schließlich die Pizza aus der Tiefkühltruhe - und danach, um das Gewissen zu beruhigen: der Griff zur Multivitamintablette.
Leider wird das, was man den Tag über konsumiert hat, dadurch nicht gesünder. Gerade das aber suggerieren die Werbekampagnen der Hersteller solcher Präparate. Mit Erfolg: Der Gesamtumsatz, der in Deutschland mit Nahrungsergänzungsmitteln erzielt wird, liegt bei über einer Milliarde Euro pro Jahr.
Unnötige Extraportionen
Dabei hätte es ein gesunder Mensch gar nicht nötig, zu den synthetisch erzeugten Vitaminen zu greifen. Bei einer einigermaßen ausgewogenen Ernährung ist hierzulande jeder zu Genüge mit den lebenswichtigen Stoffen versorgt. Lediglich bei Schwangeren, älteren Menschen und Spitzensportlern macht eine zusätzliche Gabe unter Umständen Sinn.
Speziell bei älteren Menschen ist häufig ein Vitamin D-Mangel zu beobachten. Schäden an den Knochen können die Folge sein.
"Noch nie war das Angebot an qualitativ guten Lebensmitteln so reichhaltig und ganzjährig verfügbar wie heutzutage. Sich ausreichend, abwechslungsreich und vollwertig zu ernähren, ist heute einfacher denn je", meint die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), und stellt klar: "Deutschland ist kein Vitaminmangelland." Eine Gefährdung sei ohnehin erst dann gegeben, wenn eine chronische Unterversorgung bestünde.
Vorsicht ist geboten
Doch wie steht es mit der vorbeugenden Wirkung, die zum Beispiel Vitamin C gegen Erkältungen nachgesagt wird? Die Vitaminkombination ACE soll sogar vor Krebs schützen. Allein, wissenschaftlich zweifelsfrei belegt ist all dies nicht. Erst vor kurzem relativierte eine Studie finnischer und australischer Forscher ältere Untersuchungen, welche die Einnahme von Vitamin C zur Abwehr von Erkältungen empfahlen. Und der Anti-Krebs-Effekt der Vitamine A, C und E ist keineswegs feststehende Tatsache.
Tabletten moderat gebrauchen
Sicher schadet es nicht, öfter mal ein, zwei Gläser Multivitaminsaft zu trinken, und bei moderatem Gebrauch dürften auch Vitamintabletten kein Problem darstellen. Ein Zuviel an wasserlöslichen Vitaminen wird ohnehin beim nächsten Gang auf die Toilette wieder ausgeschieden. Etwas mehr Vorsicht freilich ist geboten bei ihren fettlöslichen Verwandten, die sich in der Leber anreichern und, wenn in Massen konsumiert, die Gesundheit beeinträchtigen können.
Überflüssiges Risiko
Das Risiko, Schaden zu nehmen, ist zwar ein kleines. Vor allem aber ist es ein überflüssiges, zumal manche Vitaminpräparate zum Teil mit Dosierungen aufwarten, die weit über den Empfehlungen liegen, die Mediziner für die tägliche Vitaminzufuhr geben. Doch auch für Vitamine gilt, was bereits der berühmte Arzt Paracelsus (1493 bis 1541) wusste: "All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist."
Kai Müller (18.11.2005)
Infobox
Entdeckt wurden...
die Vitamine, als der holländische Arzt Christiaan Eijkman Ende des 19. Jahrhunderts auf Java die Nervenerkrankung Beriberi untersuchte. Er erkannte, dass die Krankheit erfolgreich bekämpft werden konnte, wenn man den Patienten ungeschälten braunen Reis statt des geschälten weißen zu essen gab.
Andere Forscher griffen die Erkenntnisse Eijkmans auf und machten sich bald daran, die Substanz zu bestimmen, die offenbar in der Schale von Reiskörnern vorhanden sein musste. 1910 prägte der in Polen geborene Chemiker Casimir Funk die Bezeichnung Vitamine für die rätselhaften Stoffe - "vita" für Leben, "amine", da er vermutete, es handele sich um eine chemische Verbindung mit einer Aminogruppe.
Sein amerikanischer Kollege Elmer Vernon McCollum führte wenige Jahre später die Benennung mit Großbuchstaben ein und unterschied zwischen fett- und wasserlöslichen Vitaminen. In der Folge wurden immer mehr Vitamine entdeckt und ihre Struktur entschlüsselt; heute sind dreizehn bekannt - darunter auch das B1, an dem es den Kranken auf Java mangelte.
die Vitamine, als der holländische Arzt Christiaan Eijkman Ende des 19. Jahrhunderts auf Java die Nervenerkrankung Beriberi untersuchte. Er erkannte, dass die Krankheit erfolgreich bekämpft werden konnte, wenn man den Patienten ungeschälten braunen Reis statt des geschälten weißen zu essen gab.
Andere Forscher griffen die Erkenntnisse Eijkmans auf und machten sich bald daran, die Substanz zu bestimmen, die offenbar in der Schale von Reiskörnern vorhanden sein musste. 1910 prägte der in Polen geborene Chemiker Casimir Funk die Bezeichnung Vitamine für die rätselhaften Stoffe - "vita" für Leben, "amine", da er vermutete, es handele sich um eine chemische Verbindung mit einer Aminogruppe.
Sein amerikanischer Kollege Elmer Vernon McCollum führte wenige Jahre später die Benennung mit Großbuchstaben ein und unterschied zwischen fett- und wasserlöslichen Vitaminen. In der Folge wurden immer mehr Vitamine entdeckt und ihre Struktur entschlüsselt; heute sind dreizehn bekannt - darunter auch das B1, an dem es den Kranken auf Java mangelte.
Infobox
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung...
hat Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr erarbeitet. Jedoch bieten die Werte lediglich Orientierung: Jeder Mensch ist anders - ebenso sein individueller Nährstoffbedarf.
Folgende Referenzwerte empfiehlt die DGE für die tägliche Vitamin-Zufuhr, bezogen auf Erwachsene zwischen 25 und 51 Jahren:
Biotin - 30 bis 60 µg (Mikrogramm);
Folsäure - 400 µg;
Niacin - Männer: 16 mg (Milligramm), Frauen: 13 mg;
Vitamin A - Männer: 1,0 mg, Frauen: 0,8 mg;
Vitamin B1 - Männer: 1,2 mg, Frauen: 1,0 mg;
Vitamin B2 - Männer: 1,4 mg, Frauen: 1,2 mg;
Vitamin B5 - 6 mg;
Vitamin B6 - Männer: 1,5 mg, Frauen: 1,2 mg;
Vitamin B12 - 3,0 µg;
Vitamin C - 100 mg;
Vitamin D - 5 µg;
Vitamin E - Männer: 14 mg, Frauen: 12 mg;
Vitamin K - Männer: 70 mg, Frauen: 60 mg.
hat Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr erarbeitet. Jedoch bieten die Werte lediglich Orientierung: Jeder Mensch ist anders - ebenso sein individueller Nährstoffbedarf.
Folgende Referenzwerte empfiehlt die DGE für die tägliche Vitamin-Zufuhr, bezogen auf Erwachsene zwischen 25 und 51 Jahren:
Biotin - 30 bis 60 µg (Mikrogramm);
Folsäure - 400 µg;
Niacin - Männer: 16 mg (Milligramm), Frauen: 13 mg;
Vitamin A - Männer: 1,0 mg, Frauen: 0,8 mg;
Vitamin B1 - Männer: 1,2 mg, Frauen: 1,0 mg;
Vitamin B2 - Männer: 1,4 mg, Frauen: 1,2 mg;
Vitamin B5 - 6 mg;
Vitamin B6 - Männer: 1,5 mg, Frauen: 1,2 mg;
Vitamin B12 - 3,0 µg;
Vitamin C - 100 mg;
Vitamin D - 5 µg;
Vitamin E - Männer: 14 mg, Frauen: 12 mg;
Vitamin K - Männer: 70 mg, Frauen: 60 mg.


