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Bis ins 19. Jahrhundert wusste man weder, warum Zähne krank werden, noch wie man sie heilt oder richtig pflegt. Faulige Beißer, Lücken im Gebiss und schlechten Atem kannten Arme wie Reiche.Bei Zahnweh half der Zahnbrecher. (Bild von John Harris, 18. Jahrhundert)
Haare schneiden, Zähne ziehen
Ein gesundes Gebiss war damals allerdings kein Statussymbol, für die Oberschicht so wenig selbstverständlich wie fürs gemeine Volk. Ausgebildete Zahnärzte, die für die Beißerchen sorgen konnten, suchte man ohnehin vergebens. Wer unter schmerzenden Zähnen litt, ging zum Barbier oder Bader. Zu deren Repertoire gehörte neben Haarschnitt, Rasur und der Versorgung von Wunden das Ziehen der Zähne. Fahrende Zahnbrecher boten auf Märkten ihre Dienste an; ihr Handwerk war ein beliebtes Spektakel.
Wenn der Zahnwurm kommt...
Die Mediziner des Mittelalters interessierten sich kaum für Probleme der Zahnheilkunde - sie verbrachten mehr Zeit in der Bibliothek als mit Patienten. Der Einfluss der Kirche setzte praktischem Forscherdrang Grenzen. Hartnäckig hielt sich stattdessen der Glaube an den Zahnwurm, der sich im Innern des Zahns einnistet und sich an Mark und Wurzel gütlich tut. Das Volk wusste sich auf seine Weise zu helfen: Wenn der Zahn schmerze, solle man "dreimal um die Kirche laufen und nicht an den Fuchs denken". Oder man rieb den Zahn mit Tinkturen aus tierischen Exkrementen ein, begleitet von Beschwörungsformeln. Wem das nichts half, erbat Beistand von Apollonia, Schutzpatronin der Zahnkranken und -heiler.
Schwefelsäure und Gold
Die Renaissance brachte im 16. Jahrhundert den medizinischen Fortschritt voran. Leonardo da Vinci zeichnete anatomische Darstellungen des Zahns, der Buchdruck machte es möglich, neue Erkenntnisse rascher zu verbreiten. Auf dem Gebiet der Zahnheilkunde führend waren Chirurgen im italienischen Padua, die erste Methoden zur Behandlung kariöser Zähne erprobten: Mit Schwefelsäure brannten sie faule Stellen aus und verschlossen anschließend die Löcher mit Füllungen aus Gold.
Kostspielige Behandlung
Eine solche kostspielige Behandlung blieb der Oberschicht vorbehalten. Schlechte Zähne waren Arm und Reich gemein, konnten aber gerade Folge und somit auch Anzeichen von besonderem Wohlstand sein: Als begeisterte Genießer der im Zuge des Kolonialhandels in Mode gekommenen Süßspeisen litten gerade Wohlhabende häufig unter Zahnfäule. Aber auch die rasche Verbreitung der Kartoffel als neues Grundnahrungsmittel ließ die Zahl der Karieserkrankungen ansteigen.
Muss ein kranker Zahn ersetzt werden, gibt es heutzutage eine große Auswahl
an Prothesen.
an Prothesen.
Zahnmedizin im Aufwind
Seit dem späten 19. Jahrhundert erhielt die Zahnmedizin wichtige Impulse aus den USA. Dort betäubten Zahnärzte ihre Patienten mit Lachgas und setzten erstmals Zahnbohrer ein. Willoughby Dyton Miller erklärte 1896 Karies als chemischen Prozess. Auch in der Prophylaxe waren die Amerikaner vorbildlich: Schulkinder lernten den richtigen Umgang mit der Zahnbürste, seit den 1960er Jahren versetzte man das Leitungswasser mit Fluor.
Strahlendes Lächeln für alle
Sozialgesetze sorgten in Deutschland dafür, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung in den Genuss einer regelmäßigen Versorgung durch Zahnärzte kam. Die Menschen nahmen sich mehr Zeit für die Pflege ihrer Zähne. Die konnte man dann auch vorzeigen: Zur Schau gestelltes Lächeln kam besonders seit den 1950er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Mode, wiederum als Einfluss der US-Kultur. Heutzutage ist ein strahlend weißes Lächeln Statussymbol. Zahnkliniken und Dentallabors werben mit allerlei kosmetischen Korrekturen, die zum Gebiss nach Wunsch verhelfen sollen: Bleichende Gels, hauchdünne Schalen aus Keramik, Kunststoffimplantate oder auch Korrekturen des Zahnfleischs per Laser bietet das Arsenal der Gebissveredler.
Mit richtiger Pflege bleiben die Zähne lange gesund. Bewusste Ernährung gehört dazu.
Nicht mehr nur die Behandlung von Zahnweh und die Reparatur des Gebisses, sondern auch die Pflege des schönen Scheins ist Aufgabe der Zahnärzte. Ein perfektes Gebiss - nun Privileg der Wohlhabenden? Kann in Zukunft gar Arm und Reich am Zustand der Zähne unterschieden werden, wie manche während der Debatte um den Zahnersatz behaupteten? Das mag stimmen, jedoch nicht im Hinblick auf den Gesundheitszustand. Den herzustellen und zu wahren, ist Aufgabe der gesetzlichen Kassen; sie werden nur bezahlen, was sie für medizinisch notwendig halten. Für Kosmetik lässt sich der Griff in die eigene Tasche nicht vermeiden; Perfektion wird sich nicht jeder erlauben können.
Gesundheit statt Perfektion
Gesunde Zähne sind selten von Natur aus perfekt - aber für wenig Geld zu haben. Nach wie vor können bewusste Ernährung und gründliche Mundpflege dafür sorgen, dass der Besuch beim Zahnarzt, der vielen Unbehagen bereitet, kurz und schmerzlos verläuft. Gesunde Zähne kann man benutzen, und sie sehen in der Regel gut aus. Unterwirft man sich nicht dem Ideal der Perfektion, lässt sich mit kleinen Makeln wohl leben.
Thomas Tschepke (18.04.2005)
Infobox
Dentalphobie
Angst vorm Zahnarzt haben viele Bundesbürger. Ungefähr ein Zehntel leidet an einer ausgeprägten Dentalphobie und vermeidet sogar jeglichen Zahnarztbesuch, oftmals über Jahre hinweg. Diese Menschen haben in vielen Fällen nicht nur unter ihren schlechten Zähnen, sondern auch unter Folgekrankheiten und der Verarmung sozialer Kontakte zu leiden.
Auslöser einer Dentalphobie kann eine traumatische Erfahrung, wie etwa eine als Kind erlebte schmerzhafte Behandlung, oder auch die Übertragung der Angst von einer Bezugsperson sein. Hinzu kommt das Gefühl, dem Arzt hilflos ausgeliefert zu sein. Gerüche und Geräusche verstärken den Stress.
Mit einer Gesprächs- und Verhaltenstherapie oder mit dem Einsatz von Hypnose kann den Betroffenen geholfen werden, ihre Angst zu überwinden. Schwierige Fälle behandeln Zahnärzte auch unter Narkose.
Angst vorm Zahnarzt haben viele Bundesbürger. Ungefähr ein Zehntel leidet an einer ausgeprägten Dentalphobie und vermeidet sogar jeglichen Zahnarztbesuch, oftmals über Jahre hinweg. Diese Menschen haben in vielen Fällen nicht nur unter ihren schlechten Zähnen, sondern auch unter Folgekrankheiten und der Verarmung sozialer Kontakte zu leiden.
Auslöser einer Dentalphobie kann eine traumatische Erfahrung, wie etwa eine als Kind erlebte schmerzhafte Behandlung, oder auch die Übertragung der Angst von einer Bezugsperson sein. Hinzu kommt das Gefühl, dem Arzt hilflos ausgeliefert zu sein. Gerüche und Geräusche verstärken den Stress.
Mit einer Gesprächs- und Verhaltenstherapie oder mit dem Einsatz von Hypnose kann den Betroffenen geholfen werden, ihre Angst zu überwinden. Schwierige Fälle behandeln Zahnärzte auch unter Narkose.
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Zahnkaries, Gingivitis und Parodontitis...
sind die häufigsten Zahnerkrankungen. An diesen Zivilisationskrankheiten leiden ca. 90 Prozent der Bevölkerung in den westlichen Industrienationen. Ursachen sind bakterielle Zahnbeläge (Plaque) und Säuren, die beim Abbau von Kohlenhydraten wie Zucker und Stärke entstehen, die in Speiseresten enthalten sind.
Karies zerstört den Zahnschmelz, die mineralische Substanz des Zahns. Immer mehr Kleinkinder sind betroffen, ausgelöst durch den Genuss zuckerhaltiger Getränke. Dies kann bis zum vorzeitigen Verlust der Milchzähne führen.
Als Gingivitis bezeichnet man eine Entzündung des Zahnfleischs, die ohne Behandlung auf den Kieferknochen übergreifen und sich zur Parodontitis entwickeln kann. Als Folge geht das Zahnfleisch zurück, Zähne werden locker. Parodontitis erhöht zudem das Risiko von Frühgeburten und von Herz- und Gefäßkrankheiten.
sind die häufigsten Zahnerkrankungen. An diesen Zivilisationskrankheiten leiden ca. 90 Prozent der Bevölkerung in den westlichen Industrienationen. Ursachen sind bakterielle Zahnbeläge (Plaque) und Säuren, die beim Abbau von Kohlenhydraten wie Zucker und Stärke entstehen, die in Speiseresten enthalten sind.
Karies zerstört den Zahnschmelz, die mineralische Substanz des Zahns. Immer mehr Kleinkinder sind betroffen, ausgelöst durch den Genuss zuckerhaltiger Getränke. Dies kann bis zum vorzeitigen Verlust der Milchzähne führen.
Als Gingivitis bezeichnet man eine Entzündung des Zahnfleischs, die ohne Behandlung auf den Kieferknochen übergreifen und sich zur Parodontitis entwickeln kann. Als Folge geht das Zahnfleisch zurück, Zähne werden locker. Parodontitis erhöht zudem das Risiko von Frühgeburten und von Herz- und Gefäßkrankheiten.


