Bach in Leipzig
Leipzig präsentiert sich heute als Musikstadt von Weltrang. Das verdankt die Stadt nicht nur Bach - bis ins 13. Jahrhundert reicht die Musiktradition hier zurück.1748 schuf E. G. Haussmann eines der bekanntesten Porträts des Komponisten.
Ein hoher Anspruch
Denn lebendige Musikkultur geht über die Pflege von Traditionen hinaus. Attraktive Spielstätten und erstklassige Akteure sind nötig, um das Erbe immer wieder neu mit Leben zu erfüllen. Kurzum: Es gilt, mit und nicht nur von der Geschichte zu leben, auch wenn in Leipzig die Versuchung zum genussvollen Zurücklehnen besonders groß sein mag. Gelingt es immer, diesem hohen Anspruch gerecht zu werden? Unstrittig ist, dass Leipzig einen großen Schatz zu bewahren hat: Zur Musikmetropole Leipzig gehören nämlich nicht nur die Oper, das Gewandhaus, der Thomanerchor oder Bach, sondern ebenso berühmte Musikverlage, das Konservatorium und die unzähligen Straßenmusikanten, die besonders an lauen Sommerabenden die Straßen und Gassen der Innenstadt bevölkern.
Singende Chorknaben
Die Anfänge der Leipziger Musikgeschichte reichen zurück bis ins 13. Jahrhundert, als Markgraf Dietrich dem Augustinerorden Gotteshaus und Schule stiftete. Die Chor-Herren nannten die Institution Thomasstift und ließen dort Knaben im Kirchengesang ausbilden. Daraus entstand später der weltberühmte Thomanerchor, dem man als kirchliche Institution ein großes Pensum an religiösen und weltlichen Dienstleistungen aufbürdete. In einer damals noch recht überschaubaren Stadt gab die Vielzahl von unterschiedlichen Verpflichtungen dem Chorleiter großen Einfluss. Als Thomaskantor wurde er zu einer dominierenden Persönlichkeit des städtischen Musiklebens.
Glücksfall für Leipzig
Für Johann Sebastian Bach bedeutet die Berufung zum Thomaskantor im Jahre 1723 rangmäßig zwar gewiss einen Abstieg - immerhin war er im benachbarten Thüringen Hofkapellmeister und Kompositeur -, aber die rasch wachsende Handels-, Universitäts- und Messestadt eröffnet ihm gleichzeitig neue Perspektiven. Ihre Kultur ist ihm Quell der Inspiration, obwohl die Tätigkeit als Kantor bisweilen viel Routinearbeit einschließt. Interessant am Rande: Bach bekam die vakante Stelle mit viel Glück, nur Absagen des berühmten Georg Phillip Telemann und des Komponisten Johann Christoph Graupner verschafften ihm die Zustimmung des Leipziger Stadtrates. Auch im Nachhinein ist das wohl ein Glücksfall, denn Leipzig und Sachsen ohne Bach, das wäre doch nun wirklich undenkbar!
Bach wirkte bis zu seinem Tode 1750 als Thomaskantor und hatte in dieser Funktion eine beachtliche Fülle von Aufgaben: Neben Gottesdiensten und kirchlichen Feierlichkeiten, für die er musikalisch verantwortlich zeichnete, war er städtischer Musikdirektor und als solcher auch für die musikalische Umrahmung weltlicher Veranstaltungen in der Pflicht. Bei alldem fand er noch Zeit zum Komponieren: Zum Genuss der Musikfreunde aus aller Welt entstehen in Leipzig Johannes- und Matthäuspassion, Weihnachtsoratorium und manches andere mehr.
Noten, Instrumente, Verlage
Der Aufschwung der Musikkultur hängt aber nicht nur mit dem Ausnahmekomponisten Bach, sondern auch mit der Rolle Leipzigs als Messe- und Verlagsstadt zusammen. Die Stadt ist im 17. und 18. Jahrhundert Treffpunkt des musikalischen Europa, es wird mit Noten und Instrumenten gehandelt und viele Kompositionen werden bei Leipziger Verlagen erstmalig veröffentlicht. Auch die berühmte Neue Zeitschrift für Musik und andere Journale werden in Leipzig herausgegeben.
Bach-Denkmal vor der Thomaskirche: Hier wirkte der Komponist von 1723 bis 1750.
Da sich das bürgerliche Leipzig durch eine enge Verbindung von Wohlstand und Kunstverständnis auszeichnet, also Interesse und nötige Finanzen vorhanden sind, hält das Musik- und Konzertleben mit der Entwicklung Schritt. Das Leipziger Opernhaus eröffnet 1693 und erlebt unter Georg Phillip Telemann sogleich seine erste Blüte. Nach Eröffnung des Neubaus am Augustusplatz 1868 zählt die Leipziger Oper zu den führenden Häusern in Deutschland, ein Ruf, den sie durch alle Wirren bis heute behaupten konnte.
Bürgerliche Musikkultur
Die ersten "reinen" Konzerte finden 1740 ihr Publikum, und 1781 wird das Gewandhaus, ein ehemaliges Handelsgebäude der Tuchmacher, Spielstätte und Namensgeber der Gewandhauskonzerte. Die alte Opern- und Konzertkultur hat auch im Stadtbild Spuren hinterlassen, wenngleich das imposante Bauensemble von Oper und Neuem Gewandhaus am Augustusplatz jüngeren Datums ist: Finanzieller Aufwand und die repräsentative Erscheinung der Neubauten stehen für den Stellenwert, den auch der Arbeiter- und Bauernstaat DDR der klassischen bürgerlichen Musikkultur beimaß. Gewiss lassen sich noch viele Belege für die Rolle Leipzigs als anerkanntes Zentrum der Musiklandschaft Mitteldeutschland anführen: vom 1843 gegründeten Konservatorium - heute Hochschule für Musik und Theater - bis zum MDR Sinfonieorchester reicht das vielgestaltige Spektrum.
Ein großes Erbe
Nicht zu vergessen wäre das Leipziger Bachfest, das den Komponisten alljährlich um Christi Himmelfahrt in den Mittelpunkt eines zehntägigen Kulturspektakels stellt. Das Motto "Bach und die Zukunft" des Bachfestes 2005 zeigt, wie genau die Leipziger um ihre Verantwortung wissen: Auch das reichste kulturelle Erbe muss ständig neu interpretiert werden. Denn welche Kulturstadt zeigt sich schon gerne im verstaubten Gewand?
Christian Förster (03.05.2005)
Infobox
Thomanerchor Leipzig
Thomas-Alumnat
Hillerstraße 8/10
04109 Leipzig
Telefon: 03 41/98 44 20
www.thomanerchor.de
Was im Jahre 1212 mit einer kleinen Klosterschule begann, in der Knaben auch im liturgischen Gesang ausgebildet wurden, ist seit Johann Sebastian Bach zu einer musikalischen Institution geworden. Bach war von 1723 bis 1750 Thomaskantor und hinterließ ein umfassendes musikalisches Erbe, dessen Pflege im Mittelpunkt der Chortätigkeit steht.
Bei einer so langen Geschichte sind Traditionen wichtig, der regelmäßige Auftritt in der Thomaskirche, der schmucke Konzertanzug, Wohnen im Alumnat. Das alles gehört zum Chorleben und verlangt von den Thomanern viel Disziplin und Eigenverantwortung. Dafür bekommt man Freizeitangebote, Konzertreisen sowie eine exzellente musikalische und schulische Ausbildung. Außerdem gibt es einen Namen, auf den man stolz sein kann - denn Thomaner darf sich nicht jeder nennen.
Nachwuchs wird immer gesucht:Bei einer so langen Geschichte sind Traditionen wichtig, der regelmäßige Auftritt in der Thomaskirche, der schmucke Konzertanzug, Wohnen im Alumnat. Das alles gehört zum Chorleben und verlangt von den Thomanern viel Disziplin und Eigenverantwortung. Dafür bekommt man Freizeitangebote, Konzertreisen sowie eine exzellente musikalische und schulische Ausbildung. Außerdem gibt es einen Namen, auf den man stolz sein kann - denn Thomaner darf sich nicht jeder nennen.
Thomas-Alumnat
Hillerstraße 8/10
04109 Leipzig
Telefon: 03 41/98 44 20
www.thomanerchor.de


