Bühne des Alters
Ein Projekt in Leipzig hat vier Tänzer und Tänzerinnen im Alter von 65 bis 80 Jahren auf die Bühne zurückgeholt, und beweist, welche Energie und Anmut in "alten" Körpern steckt.Unser Gesprächspartner: der Tänzer Horst Dittmann.
LexiTV: Herr Dittmann, wann haben Sie angefangen zu tanzen?
Horst Dittmann: Durch Zufall bin ich mit 16 zum Tanz gekommen. Ich habe vier Jahre Tanz studiert und war dann bis 1979 an der Oper Leipzig.
LexiTV: Und dann war Schluss?
Horst Dittmann: Ich habe mir überlegt, vom "elitären" Beruf des Tänzers zu etwas "Wahrem", "Irdenem" überzugehen und habe eine Ausbildung zum Töpfer gemacht. In den 1990ern bin ich dann Sozialarbeiter geworden. Als Hilfspfleger habe ich die erste WG in Leipzig für geistig Behinderte gegründet - und darauf war ich wirklich stolz. 2003 bin ich in Rente gegangen.
LexiTV: Haben Sie das Tanzen während dieser Zeit vermisst?
Horst Dittmann: Nein, meine Berufe haben mich immer voll beschäftigt. Ich habe den Tanzberuf ohne Wehmut oder Trauer zurückgelassen, und er hinterließ auch keine großen Lücken. Die Liebe zur Kunst und zum Theater habe ich natürlich nicht aufgegeben.
LexiTV: 2005 kam dann die Choreographin Heike Hennig auf Sie zu mit der Idee zu einem neuen Stück...
Horst Dittmann: Ja, es sollte darum gehen, was Tänzer im Alter machen, wie ihre Lebensgeschichten verlaufen sind, welche Wünsche und Träume sie haben.
Generalprobe im Februar 2006: Ursula Cain, Christa Franze, Horst Dittmann und Siegfried Prölß in Aktion. (Bild: Friedrich U. Minkus)
Horst Dittmann: Ich hätte nicht mitgemacht bei einer Sache, in der es um Verklärung geht, oder um eitle Tänzer, die nochmal auf die Bühne zurückkehren. Heike hingegen wollte uns als Persönlichkeiten darstellen, so wie wir sind, ganz individuell und fernab von jedem Klischee. Ich sagte sofort zu.
LexiTV: Tänzer und Choreographin entwarfen dann gemeinsam das Stück: Zeit - tanzen seit 1927...
Horst Dittmann: Heike hatte in den USA studiert und kam zu uns mit ihrer eigenen choreographischen Sprache. Wir bekamen häufig Lachanfälle, wenn wir hörten, was sie mit unseren alten Körpern alles anstellen wollte. Ich war von vielen Vorschlägen begeistert - aber ich wusste, das schaffen wir nie wieder. Bei der Entwicklung des Stücks mussten wir alle, einschließlich Heike, auf eine neue Sprache hinarbeiten.
LexiTV: Also haben Sie den ursprünglichen Plan über den Haufen geworfen?
Horst Dittmann: Die Choreographin musste wirklich viele Ideen fallen lassen. Sie hatte sich das Stück viel düsterer vorgestellt. Als sie gemerkt hat, wie helle wir noch sind, wie viel Persönlichkeit wir noch in uns tragen, hat sie die Persönlichkeit in jedem einzelnen von uns vieren herausgefordert. Zum Beispiel rezitiert Christa Franze Gedichte, die sie selbst geschrieben hat. So hat sich ein völlig neues Stück entwickelt. Den Klang dazu hat DJ cfm gemacht, Connie Müller: eine wunderbare Collage unter anderem aus Straßenszenen und Vogelgeräuschen, und wir durften alle auch unsere Lieblingsmusiken einreichen.
LexiTV: Es war sicher schwer, nach jahrzehntelanger Pause wieder mit dem Tanzen zu beginnen.
Horst Dittmann: Nein, die Routine kam sehr schnell wieder. Wir haben spielerisch begonnen, aber bald gemerkt, was noch in uns steckt. Das war eine schöne Erfahrung...
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