Ab wann ist man eigentlich alt? Christa Franze, Siegfried Prölß, Horst Dittmann, Ursula Cain auf der Bühne. (Bild: Friedrich U. Minkus)
Horst Dittmann: Fast jede Stilrichtung von Mary Wigman über Dore Hoyer und Gret Palucca bis zum Klassischen Ballett ist dabei. Und jeder hat seinen persönlichen Stil eingebracht. Siegfried Prölß zum Beispiel seine bewusste, exakte Ausstrahlung. Ich habe auch eine Referenz vor der Choreographin gezeigt, indem ich mich ihrer modernen Vorstellung von Tanz hingegeben habe. Mit viel Spaß habe ich daraus ein Solo gemacht - obwohl ich darunter körperlich sehr gelitten habe.
LexiTV: Wie das?
Horst Dittmann: Ich habe mich auf den Boden geworfen und bin herumgerollt. Runter ging ja immer gut, aber man kam... nicht mehr hoch. Solche Leiden betrafen natürlich nicht nur mich. Wir alle schrien ständig, Schmerzmittel hier, Schmerzmittel da. (lacht)
LexiTV: Am 25. Februar 2006 hatte das Stück endlich Premiere...
Horst Dittmann: Wir hatten uns während der Monate der Proben immer gefragt: Interessiert das überhaupt jemanden, was wir da machen? Sollte man in dem Alter wirklich nochmal den Schritt wagen? Vor allem glaubten wir in keinster Weise an Erfolg oder eine Existenzberechtigung. Doch die Premierenvorstellung im Kellertheater der Oper Leipzig war ausverkauft. Die Konzentration, die Anspannung waren fast nicht mehr auszuhalten. Wir spürten die Erwartung vom Publikum - und natürlich auch von uns selber. Als das Bühnenlicht nach etwa sechzig Minuten ausging, brach Jubel aus.
LexiTV: Das Publikum war begeistert, alle vierzehn Vorstellungen waren ausverkauft. Was, glauben Sie, ist der Grund?
Horst Dittmann: Das Stück verleitet dazu, über die Problematik des Älterwerdens nachzudenken. Davon existiert es, und darin begründet sich auch sein Erfolg. Und es ist sehr berührend, kein bisschen oberflächlich. Es bedeutet nicht, alte Menschen vorzuführen.
LexiTV: 2007 folgte dann das nächste Projekt, ZeitSprünge. Worum ging es da?
Horst Dittmann: Mit fünf Jungtänzern haben wir ein Stück erarbeitet, das das Zusammenspiel von Jung und Alt in kleinen Szenen darstellt. Es soll die Schönheit im Leben unterstreichen und sie dem Zuschauer deutlich machen. Denn auch im Alter gibt es Schönheit, wenn auch von ganz anderer Qualität. Und wir haben Breakdance, HipHop, Zeitgenössischen Tanz verquickt mit den Formen vorher, und geben daher auch einen Eindruck vom Tanz über Zeitepochen hinweg.
LexiTV: Gibt es schon neue Pläne?
Horst Dittmann: Mit Ursula Cain studiere ich gerade für die Händelfestspiele in Halle eine Oper ein, Alcina. Für mich ist es noch immer eine tolle Erfahrung, mit so einer beseelten Persönlichkeit zu tanzen. Es ist nicht nur Arbeit, sondern richtig pures Vergnügen.
LexiTV: Was motiviert Sie beim Tanzen, außer dem Vergnügen?
Horst Dittmann: Ich hatte und habe wirklich die Thematik des Älterwerdens im Kopf, zu vermitteln, dass im Alter auch ganz viel Energie liegen kann - wenn sie gewollt wird und man sich motiviert. Ich will eine Brücke schlagen zwischen Jungen und Alten, in der Hoffnung, dass Jung und Alt sich mehr tolerieren.
LexiTV: Heißt das, die Jugend soll das Alter mehr tolerieren?
Horst Dittmann: Ich meine, die jungen Leute haben es auch nicht leicht. Die Alten liefern genug Stoff, sie zu verärgern. Die Intoleranz gegenüber der Jugend nimmt im Alter leider zu. Ich versuche, mich an meine Jugend zu erinnern und so die Konflikte und Schwierigkeiten junger Leute nachzuempfinden.
LexiTV: Wann ist man eigentlich alt?
Horst Dittmann: Das biologische Alter tritt sowieso ein, das muss man einplanen. Ich glaube, dass man alt ist, wenn man im Kopf nicht mehr bereit ist, das Alter zu akzeptieren und nachkommende Generationen einzubeziehen. Wenn man beides verliert, ist man alt.
LexiTV: Herr Dittmann, vielen Dank für das Gespräch!
(Das Interview führte Urte Paul, 14.04.2008)
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