Das System Gropius
Wie setzt sich ein Baustil weltweit durch? Er muss augenfällig sein und eine öffentliche Debatte anregen. Bei letzterem kann man geschickt nachhelfen, wie der "Bauhausvater" bewies.Schachspiel im Bauhausstil: Wie man zähe Gegner matt setzt, das war auch für das Bauhaus eine wichtige Frage. (Bild: Kent Wang, CreativeCommons)
Während der Weimarer Bauhaus-Zeit, 1919 bis 1925, entwickelte sich ein wilder Haufen expressionistischer Künstler zu einer Forschungsgruppe zwischen Kunst und Technik. Doch die Architektur, wofür das Bauhaus überwiegend bekannt ist, sollte erst in Dessau zur Blüte kommen: Als der Umzug nach Sachsen-Anhalt amtlich war, bekam Walter Gropius die Bauaufträge für die Bildungs- und Werkeinrichtungen seiner Schule. Überdies wurde ihm die Planung der Wohnhäuser seiner Meister übertragen. Diese Bauten sind bis heute das Gesicht des deutschen Bauhauses.
Zwischen Kunst und Technik
Die Leitung der modernen Schule übernahm Hannes Meyer. Nach dessen Rücktritt fiel das Amt ab 1930 an Ludwig Mies van der Rohe. Als langjähriger Freund aus dem Deutschen Werkbund und als Gründer der Architekten-Vereinigung Der Ring, welcher auch Gropius angehörte, war van der Rohe dem Bauhausgründer ein würdiger Nachfolger.
Weißenhofsiedlung, um 1927: Umstritten ist diese Stuttgarter Siedlung bis heute. (Bild: shaqspeare, CreativeCommons)
Aufgabe dieser Gesellschaft war es, der Wohnungsnot mit Ideen rationaler, effizienter und nachhaltiger Bauweise zu begegnen. Neben vielen namhaften Politikern, Wissenschaftlern, dazu den Architekten Ernst May und Bruno Taut, war auch Walter Gropius Gründungsmitglied.
Der Konkurrent
Als 1925 die Planung für das große Bauprojekt der Stuttgarter Weißenhofsiedlung begann, wurde die Selbstbezogenheit des Architekten deutlich. Neben zahlreichen Bekannten aus dem Bauhaus-Dunstkreis bewarb sich auch der Stuttgarter Architekt Paul Schmitthenner um einen Auftrag bei der Reichsforschungsgesellschaft. Aus dem Arbeitsrat für Kunst, den Gropius gründete, war ihm der Stuttgarter bereits bekannt.
Die Gartenstadt Staaken: Praktisch statt künstlerisch dachte der Siedlungsbauer Paul Schmitthenner, nutzte aber moderne Mittel. (Bild: Karl Kiem, CreativeCommons)
Fabriziertes Fachwerk
Waren Gropius' bisherige Konzepte nur mit Kran und erheblichem Mehraufwand realisierbar, meisterte Schmitthenner alle wirtschaftlichen Hürden, indem er sich auf das Prinzip fabrizierten Fachwerks besann, sein patentiertes FaFa-System. Der Wegbereiter der Stuttgarter Schule begeisterte die Forscher, als er mit bloßen Manneskräften binnen sechs Tagen ein mehrgeschossiges Haus aus vorgefertigten Bauteilen errichten ließ.
Nur Gropius hatte Einwände: Schmitthenners Programm widerspreche seinem Prinzip der "Laboratoriumsarbeit". Dem Bauhausvater war die künstlerische Avantgarde das Laboratorium der Industrie. Der Stuttgarter jedoch war kein Künstler. So zeigte sich am Fall Schmitthenner, dass die Idee des sozialen Wohnungsbaues ins Hintertreffen geriet, sobald das Erscheinungsbild nicht den Grundsätzen der Neuen Sachlichkeit entsprach. Gropius wollte - mehr als die Funktion - die moderne Form...
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Infobox
Der Weißenhof-Streit
Der Stuttgarter Weißenhof ist das herausragende Siedlungsprojekt der Moderne in Deutschland. Denn während seiner Planungszeit, 1925 bis 1927, trafen die Traditionalisten der Stuttgarter Schule auf die Avantgardisten des Bauhauses. In Stuttgart entbrannte ein Streit über Grundsätze zeitgemäßen Bauens.
1925 veröffentlichte der Deutsche Werkbund eine Weißenhof-Denkschrift: Sie stellte die Rationalisierung und Verbilligung des Baus für "Familien in kleineren und mittleren Verhältnissen" dem baukünstlerischen Inhalt voran. Die Planer erwarteten eine "Fülle neuer Erfahrungen" und "Höchstleistungen" auf diesem Gebiet.
Der Einfluss der Avantgardisten im Werkbund war bereits groß. Die Stuttgarter aber wünschten sich eine Ausstellung von "Werkbundgeist" ohne "Einschlagen einer bestimmten Richtung". Das war nicht im Sinne der Avantgardisten, die begannen, das Projekt unter sich aufzuteilen.
Von den elf beteiligten deutschen Architekten war nur einer nicht im Architektenverband Der Ring. Um die Entwürfe beim Gemeinderat Stuttgarts durchzusetzen, stellte sich Mies van der Rohe auf dem Papier den traditionellen Stuttgarter Architekten Paul Bonatz zur Seite.
Zu Recht sah sich Paul Bonatz als Strohmann missbraucht. Mit vielen Kollegen, unter ihnen auch Paul Schmitthenner, übte Bonatz rege Kritik am Weißenhofprojekt. Doch die Bemühungen liefen ins Leere. Als 1926 der Vorsitz des Deutschen Werkbunds neu gewählt wurde, machte Mies van der Rohe das Rennen. Schmitthenner und Bonatz traten aus dem Werkbund aus. Damit bekam das Weißenhofprojekt doch eine Richtung: künstlerische Avantgarde.
Julius Posener, ein Architekturhistoriker, schrieb rund fünfzig Jahre später: "Wer sich bemüht, der Sache auf den Grund zu gehen, wird heute erkennen, dass das, was die Geister jenes Kreises bewegte, eigentlich die Form war", der soziale Inhalt sei dem gegenüber unbestimmt geblieben.
1925 veröffentlichte der Deutsche Werkbund eine Weißenhof-Denkschrift: Sie stellte die Rationalisierung und Verbilligung des Baus für "Familien in kleineren und mittleren Verhältnissen" dem baukünstlerischen Inhalt voran. Die Planer erwarteten eine "Fülle neuer Erfahrungen" und "Höchstleistungen" auf diesem Gebiet.
Der Einfluss der Avantgardisten im Werkbund war bereits groß. Die Stuttgarter aber wünschten sich eine Ausstellung von "Werkbundgeist" ohne "Einschlagen einer bestimmten Richtung". Das war nicht im Sinne der Avantgardisten, die begannen, das Projekt unter sich aufzuteilen.
Von den elf beteiligten deutschen Architekten war nur einer nicht im Architektenverband Der Ring. Um die Entwürfe beim Gemeinderat Stuttgarts durchzusetzen, stellte sich Mies van der Rohe auf dem Papier den traditionellen Stuttgarter Architekten Paul Bonatz zur Seite.
Zu Recht sah sich Paul Bonatz als Strohmann missbraucht. Mit vielen Kollegen, unter ihnen auch Paul Schmitthenner, übte Bonatz rege Kritik am Weißenhofprojekt. Doch die Bemühungen liefen ins Leere. Als 1926 der Vorsitz des Deutschen Werkbunds neu gewählt wurde, machte Mies van der Rohe das Rennen. Schmitthenner und Bonatz traten aus dem Werkbund aus. Damit bekam das Weißenhofprojekt doch eine Richtung: künstlerische Avantgarde.
Julius Posener, ein Architekturhistoriker, schrieb rund fünfzig Jahre später: "Wer sich bemüht, der Sache auf den Grund zu gehen, wird heute erkennen, dass das, was die Geister jenes Kreises bewegte, eigentlich die Form war", der soziale Inhalt sei dem gegenüber unbestimmt geblieben.




