In bester Absicht
Häufig ergeben sich witzige Situationen aus dem Kampf des Clowns mit der Tücke des Objekts. Auch Monsieur Hulot, Protagonist in den Filmen Jacques Tatis, tritt den Tücken der modernen Welt auf seine Weise gegenüber.Szene aus Jacques Tatis Film Playtime (1968): Monsieur Hulot (links) inmitten von Beton- und Glasfassaden.
Hemmungsloser Individualismus
Orientierungslos irrt Hulot durch das Labyrinth aus modernen Hochhäusern mit spiegelglatten Oberflächen. Er kommt offenbar von einem anderen Stern, aus einer anderen Zeit. Jede seiner Bewegungen in ihm fremder Umgebung wird zum unfreiwilligen Kampf gegen den Fortschritt. Immer wieder gerät Hulot durch seinen hemmungslosen Individualismus - der sich nicht nur in seiner komischen Kleidung ausdrückt - in Konflikt mit der automatisierten Welt.
Unvermeidliche Katastrophen
Hulot ist das Alter Ego des französischen Filmemachers Jacques Tati (1907 bis 1982). Liebevoll und poetisch inszenierte der in seinen Filmen die naive Hilflosigkeit, mit der Hulot Chaos und Verwirrung unter seinen Mitmenschen stiftet - wie zum Beispiel im Film Playtime, der 1968 in die französischen Kinos kam. Zwar von besten Absichten geleitet, löst der Außenseiter doch wieder und wieder technische Kettenreaktionen aus, die sich schließlich zur unvermeidlichen Katastrophe steigern. Was auch immer er anfasst - stets sieht er sich konfrontiert mit der Tücke des Objekts.
Vollautomatische Garagentore, nutzlose Küchentechnik, unsinnige Verkehrssysteme - Hulot kämpft unfreiwillig mit den Widrigkeiten der Moderne, Tati kämpfte ganz bewusst gegen sie. Der messerscharfe Beobachter und Chronist seiner Zeit übte in seinen Filmen stets leidenschaftliche Zivilisationskritik. In seinen fünf zwischen 1949 und 1971 entstandenen Meisterwerken subtilen Humors widersetzte sich Tati aber nicht nur inhaltlich der Technisierung des Lebens.
Am Stummfilm orientiert
In ihrer Konzeption widersprachen Tatis Filme allen damaligen Regeln der Filmkunst. Stets am Puls der Zeit thematisierten sie zwar modische Trends, orientierten sich technisch und stilistisch aber deutlich am Stummfilm. Bewusst sparsam eingesetzt, wurde der Ton dennoch zum Hauptmerkmal der Tati-Filme: Klänge aus der Natur, Industrielärm und Dialoge, meist nur als Stimmengewirr im Hintergrund wahrnehmbar - allesamt präzise eingesetzte Geräuscheffekte.
Der Mann, der nie lachte: Buster Keaton als gelangweilter Millionär Rollo Treadway im Film The Navigator aus dem Jahr 1924.
Sanfte Rebellion
Dabei repräsentiert gerade das von Hulot angerichtete Chaos - als eine Art menschlicher Reaktion auf die rationelle Ordnung - Tatis Hang zum Konservatismus, zum Festhalten am Althergebrachten und damit am Humanen. Denn für den Filmemacher blieb jegliche zwischenmenschliche Beziehung auf der Strecke; nicht nur Hulot, auch alle anderen Protagonisten scheinen in seinen Filmen isoliert.
Kampf um Nähe und Wärme
In Tatis/Hulots sanfter Rebellion gegen die kritiklose Anpassung der Menschen an Fortschritt und Automation kommt es deutlich zum Vorschein, das Wesen des Clowns: Inmitten entfremdeter und entfremdender Lebensbedingungen gilt der Kampf dem Erhalt menschlicher Nähe und Wärme. Das ist im Grunde nicht komisch, das ist höchst sympathisch.
Ulrike Wolf (10.02.2005)
Infobox
Buster Keaton
Auch seine Komik resultiert aus dem fast aussichtslos scheinenden Kampf mit den Tücken der Alltagswelt und Naturgewalten: Stummfilmstar und Meister des Slapsticks Buster Keaton (1895 bis 1966). Keatons Markenzeichen ist sein versteinertes, melancholisches Gesicht. The Great Stone Face, wie er deshalb auch genannt wird, kennt keine Gefühle - er ist einzig und allein darauf konzentriert, die Probleme zu bewältigen, welche ständig auf ihn einstürzen.
Im Unterschied zu Tatis Monsieur Hulot wollen sich Keatons Figuren unbedingt anpassen, sich den Zwängen und Anforderungen ihrer Umwelt entsprechend verhalten. Aber all die vergeblichen Versuche führen sie schließlich von einer tragisch-komischen Situation in die nächste. Quell der Keatonschen Komik sind die Ungleichheit des Kampfes, zum Beispiel gegen Maschinen, und die unnachahmliche und verquere Art und Weise, mit welcher er die Konflikte zu lösen vermag.
Zwar steht er am Ende als Sieger da, doch genügt der Erfolg nicht, die Trauer aus seinem Gesicht zu verbannen. Denn er weiß: Sich anzupassen, bedeutet einen mühseligen Kampf - ohne wirkliches Ende.
Auch seine Komik resultiert aus dem fast aussichtslos scheinenden Kampf mit den Tücken der Alltagswelt und Naturgewalten: Stummfilmstar und Meister des Slapsticks Buster Keaton (1895 bis 1966). Keatons Markenzeichen ist sein versteinertes, melancholisches Gesicht. The Great Stone Face, wie er deshalb auch genannt wird, kennt keine Gefühle - er ist einzig und allein darauf konzentriert, die Probleme zu bewältigen, welche ständig auf ihn einstürzen.
Im Unterschied zu Tatis Monsieur Hulot wollen sich Keatons Figuren unbedingt anpassen, sich den Zwängen und Anforderungen ihrer Umwelt entsprechend verhalten. Aber all die vergeblichen Versuche führen sie schließlich von einer tragisch-komischen Situation in die nächste. Quell der Keatonschen Komik sind die Ungleichheit des Kampfes, zum Beispiel gegen Maschinen, und die unnachahmliche und verquere Art und Weise, mit welcher er die Konflikte zu lösen vermag.
Zwar steht er am Ende als Sieger da, doch genügt der Erfolg nicht, die Trauer aus seinem Gesicht zu verbannen. Denn er weiß: Sich anzupassen, bedeutet einen mühseligen Kampf - ohne wirkliches Ende.


