Das "ungeheure Reich"
Man kann die Fluchten Goethes am Ende eben auch Aufbruch nennen: Aufbruch zu Feldern des Geistes, scheinbar ohne Grenzen, wo allein der große Gedanke regiert.Aufbruch bei Nacht und Nebel: Am 3. September 1786 stiehlt sich der Minister Goethe in einer Postkutsche davon, morgens um drei, mit leichtem Gepäck. Den Herzog hat er vorher um Urlaub gebeten, auf unbestimmte Zeit; allein Diener Seidel weiß Goethes neue Adresse - dazu das Pseudonym: Jean Philippe Möller, Maler, Rom. Es ist eine Flucht, eine dreifache sogar: räumlich aus der Weimarer Enge, emotional aus dem "Erziehungsverhältnis" zu Charlotte von Stein, geistig - und darum soll es hier gehen - aus den Zwängen der Amtsexistenz, ihren Unterteilungen und Frustrationen, zu Kunst und Naturwissenschaft.
Inakzeptabel
Goethe und die Naturwissenschaften: Letztere haben den Dichter zurückgewiesen, tun es - meist - noch heute. Seine Metamorphose der Pflanzen (die 1790 erschien und zu der ihm in Italien die entscheidenden Gedanken kamen), seine Farbenlehre (die 1810 im Hauptteil vorlag und zu der das Licht der Campagna, später die römische Malerkolonie, manchen Stoff geliefert haben) - akzeptiert und dann aufgenommen in den strengen Kanon der etablierten Disziplinen wurde das nie. Einzig die Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen, er machte sie 1781, rechnet man ihm als echte Leistung an.
Isaac Newton (1643 bis 1727): Physiker, Philosoph und Mathematiker - und der ungekrönte König neuzeitlichen Denkens.
Der Naturwissenschaftler Goethe wirkt dennoch bis in die Gegenwart. Im "Goetheanismus", zum Umfeld von Anthroposophie und Waldorfpädagogik gehörend, sind seine Herangehensweisen tradiert. Mehr noch: Seit kurzem greifen Biotechnologen und Physiker Goethes Fragestellungen auf, um Zugänge neuer Art zum Verhältnis von Mensch und Wissenschaft zu gewinnen. Woran liegt das? Woraus resultieren Ablehnung und Reiz? Was könnte uns Goethes Pflanzenkunde, was seine abschnittsweise polemische Farbenlehre, zur Stellung des Menschen in der "Wissensgesellschaft" sagen?
Polemik gegen Newton
Selten ist ein Protest, ist eine Polemik absolut originell. Viel öfter ist dergleichen aus dem Bezug auf Zurückliegendes gespeist. Das Gegenwärtige, die anerkannte Haupttendenz der Epoche, gilt solchen Protestlern als Fehlentwicklung. So ein Protestler war auch Goethe: gegen den Grundkonsens neuzeitlicher Naturtheorien, verkörpert für ihn im Denken des Physikers Isaac Newton. Gemeint war da die komplette rationalistische Linie, von Bacon über Kepler, Galilei und Descartes, bis eben zu Newton - ihr Spalten der Wirklichkeit in Materie und Geist, ihr Betonen des Experimentum crucis (des wegweisenden Versuchs), ihr Haften an der Analyse. Goethe stößt intuitiv ab, was er die "Künstlichkeit der Begriffe" nennt: Statt des einzelnen, exakt wiederholbaren Experiments geht es ihm um Gesamtschau, ums Ganze...
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Infobox
Oktober 1781: Goethe entdeckt, im Jenaer Anatomieturm, den Zwischenkieferknochen am menschlichen Schädel.
1790: die Metamorphose der Pflanzen wird fertiggestellt, sowie ein Versuch über die Gestalt der Tiere.
Ab 1790: Goethe unternimmt intensive Studien zur Farbenphysik, festgehalten in den Beiträgen zur Optik (1791/92)
1810: Goethes Abhandlung Zur Farbenlehre kommt auf den Büchermarkt. Diese enthält einen "didaktischen" Teil, die systematische Darstellung, sowie einen "polemischen" Teil, in dem Goethe gegen Newton argumentiert.
1790: die Metamorphose der Pflanzen wird fertiggestellt, sowie ein Versuch über die Gestalt der Tiere.
Ab 1790: Goethe unternimmt intensive Studien zur Farbenphysik, festgehalten in den Beiträgen zur Optik (1791/92)
1810: Goethes Abhandlung Zur Farbenlehre kommt auf den Büchermarkt. Diese enthält einen "didaktischen" Teil, die systematische Darstellung, sowie einen "polemischen" Teil, in dem Goethe gegen Newton argumentiert.



