Der Zwergstaat
Ein gern Flüchtender scheint Goethe gewesen zu sein: aus mancher Beziehung, wenn sie eng zu werden drohte, und aus dem "tätigen Leben". Die frühe Weimarer Zeit (1776 bis 1786) zeigt einen vielseitigen Goethe.Ist alles, was ein Großer tut, groß? Es zeugt nicht von Mangel an Respekt, dies rundweg zu verneinen. Doch den wirklich Großen zeichnet aus, dass auch das Kleine, was er tut, Anstoß zu Größerem geben kann. Der Politiker Goethe - im Herzogtum Weimar - ist so ein Fall.
Wir haben die Jahre von 1776 bis 1786 im Blick - Goethes eigentliche, praktische Ministerzeit. Der Posten ist, modern gesprochen, ein Job, die erste feste Stelle für den jungen Mann, der bis dahin dem vermögenden Vater auf der Tasche lag. Denn, obwohl schon als Verfasser des Götz von Berlichingen und des Werther berühmt, vom Schreiben, von Honoraren existieren kann im 18. Jahrhundert in Deutschland niemand, auch ein Goethe nicht.
Gefunden auf der "Tour"
Den Job bekommt der 26jährige Dr. jur. auf die damals übliche Weise: Kaum erwachsene Erbprinzen aus der deutschen Kleinstaaterei absolvieren üblicherweise eine Bildungsreise, die "Tour" - Richtung Westen, an den Hof zu Versailles. Ein Zweck der "Tour" ist, sich nach geeigneten Leuten umzusehen für gehobene Verwaltungsstellen zuhause. Erbprinz Carl August von Sachsen-Weimar findet am Dr. jur. Goethe - auf der Durchreise in Frankfurt - Gefallen. Das Arrangement wird, der Erbprinz ist da schon Herzog, Monate später bekräftigt. Am 9. November 1775 trifft der Frankfurter Bürgersohn Goethe im beschaulichen Residenzdorf Weimar ein.
Überschaubar und abgebrannt
Wenn es eine Stellenbeschreibung für Goethes neue Arbeit gibt, dann lautet die: Favorit. Der Dichter und trotz Doktor nur oberflächlich studierte Jurist fungiert als bezahlter Kumpel (pardon: Freund), und in Maßen als Erzieher des acht Jahre jüngeren "Landesvaters". Im Nest Weimar darf man die Verhältnisse getrost überschaubar nennen: Das Schloss, es bedeckte ein Drittel des Stadtgebiets, ist vor zwei Jahren abgebrannt, "abgebrannt" ist auch der Herzog selber; die maßgeblichen Leute, zwei Dutzend etwa, in Cliquen zerfallen und mit pompösen Titeln geschmückt, halten sich mühsam über Wasser. Balken faulen im Ausweichdomizil des Herzogs und der Herzogin Luise, bald bricht das Dach herunter.
"Vergnügungs-Ergreifungsfähigkeit"
Dennoch, Zweck des Ganzen - bei permanent leeren Kassen - ist Amüsement. Der knabenhafte Herzog zeigt am Regieren wenig Interesse, bestimmt nicht an öden Verwaltungsdetails. In Goethes Korrespondenz taucht das leicht gezwungene Wort "Vergnügungs-Ergreifungsfähigkeit" auf - weil, mit echt höfischem Spaß ist es bei der Gesellschaft nicht weit her. Praktisch spielt man wilde Sau, galoppiert über die Dörfer, drangsaliert Bauern (und Bäuerinnen) sowie manchen Gastwirt, der sich der "Durchlaucht" nicht erwehren kann. Goethe ist eifrig mit von der Partie.
Aussichtsloser Kampf
Bei Licht besehen ist Goethes Dasein bequem - üppig ist es keinesfalls: An der Ilm gehört ihm, Geschenk des Herzogs, das bekannte Gartenhaus. Dort übernachtet er mit Diener Seidel in derselben Kammer. Von dort spinnt er die Fäden zu Charlotte von Stein, die dem jungen Genie Manieren zu lehren versucht: geistig-erotische Liaison. Überhaupt sind Anna Amalia, die Herzogsmutter, Charlotte und Herzogin Luise das höfische Dreigestirn an jenem Hof, und auf Etikette bedacht - ein oft aussichtsloser Kampf gegen das tolle Treiben der Herren...
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Infobox
9. November 1775: Goethe zieht auf Einladung Carl Augusts nach Weimar. Hier entscheidet er sich für das "tätige Leben" und publiziert im folgenden Jahrzehnt so gut wie nichts Literarisches mehr.
25. Juni 1776: Amtseinführung Goethes als Mitglied des herzoglichen Conseils.
1782: Der Herzog vermietet Goethe das repräsentative Haus am Frauenplan.
April 1782: Carl August besorgt Goethe ein Adelsdiplom. Von nun an muss der Geheimrat bei offiziellen Gelegenheiten nicht mehr am Katzentisch essen.
Anfang 1786: Resignation macht sich breit - einerseits wegen der Resultate des "tätigen Lebens", andererseits wegen der immer angespannteren Beziehung zu Frau von Stein.
September 1786: Goethe flieht heimlich nach Italien. Dort wird er zwei Jahre bleiben (der Herzog zahlt weiter volles Gehalt), und sich der Kunst, den Naturwissenschaften und der Liebe widmen. 1788 kehrt Goethe wieder nach Weimar zurück.
25. Juni 1776: Amtseinführung Goethes als Mitglied des herzoglichen Conseils.
1782: Der Herzog vermietet Goethe das repräsentative Haus am Frauenplan.
April 1782: Carl August besorgt Goethe ein Adelsdiplom. Von nun an muss der Geheimrat bei offiziellen Gelegenheiten nicht mehr am Katzentisch essen.
Anfang 1786: Resignation macht sich breit - einerseits wegen der Resultate des "tätigen Lebens", andererseits wegen der immer angespannteren Beziehung zu Frau von Stein.
September 1786: Goethe flieht heimlich nach Italien. Dort wird er zwei Jahre bleiben (der Herzog zahlt weiter volles Gehalt), und sich der Kunst, den Naturwissenschaften und der Liebe widmen. 1788 kehrt Goethe wieder nach Weimar zurück.
Infobox
Goethe und die Frauen
Goethes Leben ist durchzogen von amourösen Verwicklungen, die nicht selten Spuren in seinen Werken hinterlassen haben. Bereits in jungen Jahren, als 16-jähriger Student in Leipzig, erobert Goethe das Herz der Gastwirtstochter Anna Katherina Schönkopf. Den Kampf um die Zuneigung des drei Jahre älteren "Käthchens" beschreibt er in den so genannten Annettenliedern (1767). Doch die Verbindung hat keine Zukunft; Standesunterschiede, Pläne der Eltern und Eifersucht führen 1768 zur Trennung.
Eine kurze aber heftige Liebschaft erlebt Goethe während seines Jurastudiums in Straßburg mit der Pfarrerstochter Friederike Brion, die den Dichter zu den Sesenheimer Liedern (1771) inspiriert. Im Sommer 1772 tritt Charlotte Buff in Goethes Leben. Stürmisch, aber leider aussichtslos, umwirbt der Dichter die bereits mit einem anderen Mann verlobte - und setzt ihr mit den Leiden des jungen Werthers (1774) ein literarisches Denkmal.
Nur ein halbes Jahr hält schließlich die Verlobung mit Anna Elisabeth Schönemann, der Tochter eines reichen Frankfurter Bankiers - vergessen aber wird er "Lili" nie, wie Goethe später in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit schreibt. 1775 geht der Dichter nach Weimar, wo er Charlotte von Stein kennenlernt. Zur - verheirateten - Hofdame der Herzogin Anna Amalia fühlt sich Goethe zwar leidenschaftlich hingezogen, dennoch soll ihre Beziehung nie über eine tiefe Freundschaft hinausgegangen sein.
Die jedoch erkaltet, als Goethe ohne Abschied nach Italien aufbricht und zerbricht schließlich nach Bekanntwerden der Affäre mit Christiane Vulpius. Seit 1788 lebt die junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen mit dem Dichter in "wilder Ehe", bereits 1789 wird Sohn August, einzig überlebendes von insgesamt fünf Kindern, geboren. Fast zwei Jahrzehnte, bis zur Hochzeit 1806, sind Mutter und Sohn den naserümpfenden Anfeindungen des Weimarer Hofes und der Gesellschaft ausgesetzt.
Goethes Leben ist durchzogen von amourösen Verwicklungen, die nicht selten Spuren in seinen Werken hinterlassen haben. Bereits in jungen Jahren, als 16-jähriger Student in Leipzig, erobert Goethe das Herz der Gastwirtstochter Anna Katherina Schönkopf. Den Kampf um die Zuneigung des drei Jahre älteren "Käthchens" beschreibt er in den so genannten Annettenliedern (1767). Doch die Verbindung hat keine Zukunft; Standesunterschiede, Pläne der Eltern und Eifersucht führen 1768 zur Trennung.
Eine kurze aber heftige Liebschaft erlebt Goethe während seines Jurastudiums in Straßburg mit der Pfarrerstochter Friederike Brion, die den Dichter zu den Sesenheimer Liedern (1771) inspiriert. Im Sommer 1772 tritt Charlotte Buff in Goethes Leben. Stürmisch, aber leider aussichtslos, umwirbt der Dichter die bereits mit einem anderen Mann verlobte - und setzt ihr mit den Leiden des jungen Werthers (1774) ein literarisches Denkmal.
Nur ein halbes Jahr hält schließlich die Verlobung mit Anna Elisabeth Schönemann, der Tochter eines reichen Frankfurter Bankiers - vergessen aber wird er "Lili" nie, wie Goethe später in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit schreibt. 1775 geht der Dichter nach Weimar, wo er Charlotte von Stein kennenlernt. Zur - verheirateten - Hofdame der Herzogin Anna Amalia fühlt sich Goethe zwar leidenschaftlich hingezogen, dennoch soll ihre Beziehung nie über eine tiefe Freundschaft hinausgegangen sein.
Die jedoch erkaltet, als Goethe ohne Abschied nach Italien aufbricht und zerbricht schließlich nach Bekanntwerden der Affäre mit Christiane Vulpius. Seit 1788 lebt die junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen mit dem Dichter in "wilder Ehe", bereits 1789 wird Sohn August, einzig überlebendes von insgesamt fünf Kindern, geboren. Fast zwei Jahrzehnte, bis zur Hochzeit 1806, sind Mutter und Sohn den naserümpfenden Anfeindungen des Weimarer Hofes und der Gesellschaft ausgesetzt.



