Der Music Manager
Er zeigte Sinn fürs Geschäft, knüpfte Kontakte und Allianzen, schuf seine Werke mit Blick auf den Effekt. Es gibt an Händel - diesem begnadeten Komponisten des Spätbarocks - viele höchst moderne Züge.Spätbarock heißen die fünf Jahrzehnte nach 1720: Perückenzeit. Und Perücke war nicht gleich Perücke: Da existierten kleine, bescheidene Dienstperücken, mittlere Exemplare, und gigantische Lockenwunder, deren Pflege allmorgendlich ein spezialisierter Lakai übernahm. Händels Perücke war beachtlich - wie bei einem Oberhausmitglied, einem reichen Landbesitzer oder einem Höfling. Wenn eine Vorstellung dem Menschen Händel nicht gerecht wird, dann die vom einsam schaffenden, in seiner Klause vergrabenen Kreativen, der die Welt ignoriert. Immer stand dieser Mann im Rampenlicht, inszenierte sich selbst, setzte seine Musik wie seine Erscheinung ein, um kalkulierte Effekte zu erreichen.
Nur die Kasse
Händels Lebensstil wirkt überraschend modern, sein Arbeitsstil ebenso: "Händel komponierte niemals, ohne eine Aufführung direkt zu planen, oder sie gar schon gesichert zu wissen", stellt Christopher Hogwood fest, Händels Biograf. London, wo Händel von 1712 bis zu seinem Tod 1759 fast ununterbrochen lebte, bot in markttaktischer Hinsicht ein heißes Pflaster: politische Rücksichten, die Launen des Publikums, nicht minder launische Stars in den Opernhäusern... "Ich werde nur von der Kasse sprechen, ob das Theater voll oder leer war, denn davon hängt alles ab, sei es gut oder schlecht", schreibt 1729 ein Händel eng verbandelter Kollege.
William Capon malte 1790 das Londoner King's Theatre, in dem Händel erbittert um wirtschaftlichen Erfolg kämpfte.
Kern des Problems ist beinharte Konkurrenz. Berühmt ist die große Opernkrise der 1730er Jahre: Unweit von Händels King's Theatre am Haymarket eröffnet 1733 die Adelsoper in Lincoln's Inn Field. Händel, Finanzchef, künstlerischer Leiter und Marketingboss in einer Person, stellt sich dem ruinösen Wettbewerb. Gekämpft wird mit harten Bandagen: Stars werden abgeworben, Gerüchte gestreut, Partys auf Tage gelegt, an denen im anderen Haus Premiere ist. 1737 sind beide Unternehmen pleite. Händels Gegner sind allerdings etwas mehr pleite als er.
Moses' Song
Händel bekommt seinen ersten Schlaganfall, komponiert aber, nach längerem Kuraufenthalt, weiter. Er entwickelt mitten in der Krise sogar ein neues Produkt: Statt Opern im italienischen Stil sollen bald Oratorien die Kasse füllen - vertonte Bibelpassagen, gesungen in englischer Sprache und gespielt nach dem Geschmack der Londoner Oberschicht. Moses' Song lautet der Arbeitstitel des ersten Projekts. Später wird daraus Saul.
Wer den König meint, prügelt den Händel
Der Sachse Händel - mit seiner Opera seria, deren ernst gemeinte aber triviale Libretti in italienischer Sprache die Spötter reizen - ist in London nicht beliebt. Weite Teile des Publikums reden einer "nationalen Oper" das Wort. Henry Purcell (1659 bis 1695), Englands erste musikalische Größe des 17. Jahrhunderts, ist ihr Idol. Die Abneigung gegen Händel hat aber noch vertracktere Gründe: 1714 wird der Kurfürst von Hannover, Händels einstiger Arbeitgeber, als Georg I. englischer König. Der neue Monarch, kein Geistesriese, weigert sich Englisch zu sprechen und stößt die Aristokratie vor den Kopf. Wer fortan den König aus Hannover meint, prügelt symbolisch den Deutschen Händel. Das ist weniger riskant.
Neue Werke bei Bedarf
Doch Händel ist gewohnt, sich durchzubeißen. 1685 in Halle an der Saale geboren, hat der junge Mann früh gelernt, zu erfassen, wo seine Chancen liegen, wo Stellen frei sind, wo es Opernhäuser mit hochwertigem Personal und guter Ausstattung gibt. Weltoffenheit steht obenan: Hamburg, Jahre im Opernland Italien, Hannover, dann London - das sind die Stationen. Überall knüpft Händel Kontakte, mehr noch, er legt sich aus eigenen wie aus fremden Kompositionen ein Inventar an Versatzstücken zu, woraus er, bei Bedarf, neue Werke generiert. Des Komponisten Verhältnis zum geistigen Eigentum kann man mit modernen Maßstäben nicht messen...
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Georg Friedrich Händel - die Engländer schreiben George Frederic Handel - kommt am 23. Februar 1685 in Halle an der Saale zur Welt.
Um 1683 stellt Vater Georg Händel, ein Chirurg, den begabten Sohn dem Herzog von Weißenfels vor. Der, so die Überlieferung, erkennt das junge Talent, und regt die Ausbildung zum Musiker an.
1697 landet Händel am Brandenburgischen Hof in Berlin. König Friedrich Wilhelm I. bewundert und fördert den Neuzugang.
1702 beginnt Händel ein Studium der Rechte an der Universität Halle und übernimmt im selben Jahr den Organistenposten am Hallenser Dom.
1703 bis 1706 lebt Händel in Hamburg. Dort komponiert er seine ersten abendfüllenden Opern Almira und Nero.
1706 bis 1710 reist der Komponist durch Italien. Hier begründet er seinen Ruhm, insbesondere durch Oratorien. In Venedig übernimmt er die Stelle des Kapellmeisters am Hof des Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover, es treibt ihn aber schon...
1711 nach London. Noch einmal kehrt er kurz nach Hannover zurück, um dann...
ab 1712 für den Rest seines Lebens, mit kurzen Unterbrechungen, in London zu bleiben.
1714 wird der Kurfürst von Hannover, bei dem Händel immer noch offiziell in Diensten steht, als Georg I. zum König von Großbritannien und Irland gekrönt. 1717 entsteht Händels berühmte Wassermusik, ein Auftragswerk für den neuen König.
1719 gründet Händel das Opernhaus Royal Academy of Music im King's Theatre. Dort feiert er seine gelungensten Aufführungen. In der Zeit bis etwa 1727 verdient der Music Manager umgerechnet und auf heutige Preise bezogen rund eine Million Euro pro Jahr.
1728 bis 1737 ist das Jahrzehnt eines relativen wirtschaftlichen Niedergangs, eingeleitet mit dem Ruin der Royal Academy of Music. 1737 erleidet Händel einen Schlaganfall, von dem er sich bald wieder erholt. Es ist jedoch auch das Jahrzehnt der großen Oratorien und künstlerischer Produktivität.
1742 entsteht der Messias, Händels wahrscheinlich berühmtestes Werk. 1752 erblindet der Komponist.
14. April 1759: Georg Friedrich Händel stirbt in London.



