Idealismus und Irrtum
Das Buch, welches Knigge berühmt machte, ist keine bloße Sammlung von Benimm-Regeln. Es ist vielmehr eine Psychologie des Alltags. Knigge - das Opfer eines Etikettenschwindels?Mehr angewandte Soziologie denn Buch über gutes Benehmen: Der so genannte Knigge in einer Ausgabe von 1830.
Der wirkliche Knigge
Karrierefaktor Benehmen, Kniggekurs für Kinder, Knigge für Manager: ungezählt sind die Publikationen, die heute den Namen des berühmten Freiherrn missbrauchen. Die Angst vor der Blamage, freundlicher formuliert: das Streben, einen guten Eindruck zu machen, ist dort das große Thema. Knigge, der wirkliche Knigge, meinte es anders. Über den Umgang mit Menschen, im Grunde sagt der Titel seines 1788 erschienenen zweibändigen Werkes schon alles: "Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen Leben Schritte tun, wozu wir den Kopf schütteln müssen", schreibt Knigge. Es wird klar: da weiß jemand, wovon er redet.
Ein Leben reich an Fehlschlägen
Das Leben des verarmten Kleinadligen und Juristen war alles andere als einfach, eher reich an erfahrungsträchtigen Fehlschlägen. Adolph Franz Friedrich Freiherr von Knigge wurde am 14. Februar 1752 in Bredenbeck am Deister geboren. Erziehung durch den Hofmeister, Jurastudium in Göttingen von 1769 bis 1772, die frühen Etappen verliefen standesgemäß. Freilich war das Gut des Vaters hoch verschuldet: Knigge versuchte zeitlebens die Schulden abzuzahlen, was ihm aber nicht gelang.
Wenn sich Adlige begrüßten, hielten sie sich peinlich an strenge Etikette. Der Handkuss war nur ein Teil des Procedere.
Hofjunker und Assessor der Kriegs- und Domänenkasse in Hessen - die Bezeichnung seines ersten Amtes klang bombastisch und nach Geld; letzteres stellte sich als Irrtum heraus. Knigges Amts-Karriere scheiterte, was auch mit den Freizeitinteressen des jungen Mannes zu tun hatte: Nach dem Abschied von der Kasseler Behörde trat er offiziell den Freimaurer-Logen in Göttingen und Kassel bei, zu deren produktivsten Köpfen er bald zählte. Immerhin bot sich hier ein vielversprechender Kontakt: Auf Anregung Goethes, ein engagierter Freimaurer, wurde Knigge Kammerherr in Heidelberg und Hannover.
Wenig passend
Doch ins Korsett des Höflings passte der junge Philosoph ebenso wenig wie in die Strukturen des Kasseler Finanzamts: "Man gestatte einzelnen Personen und Ständen keine Monopole und Privilegien, als zum Vorteile der Fleißigern und Tugendhaftern", befand Kammerherr Knigge und geriet bei seinen aristokratischen Gönnern zwangsläufig ins Zwielicht...
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