Die dienende Haut
Von grau und unscheinbar bis bunt und pompös recht die Palette der Theaterkostüme. Bei allem Aufwand, im Vordergrund steht die Verkleidung nicht - sie soll die Inszenierung stützen.Mit Aufführungen in solchen historischen Kostümen brachte es Meiningens Theater Ende des 19. Jahrhunderts zu Weltruhm.
Ästhetischer Selbstzweck
Dieser "Solo-Auftritt" der Kostüme war neu und überforderte das Publikum. Schließlich gelten Kostüme im Theater ja als äußere Zeichen, die auf etwas anderes verweisen: auf die Identität der Figuren. Ein ästhetischer Selbstzweck steht ihnen dabei - so die gängige Meinung - nicht zu. Und doch gab es in der Geschichte des Theaters immer wieder Phasen, in denen das Kostüm, für sich genommen, zum Gegenstand der Bewunderung avancierte.
Inszenierung von Persönlichkeit
Die Kostümschneider des Elisabethanischen Theaters etwa, gegen Ende des 16. Jahrhunderts, verblüfften ihr Publikum gerne durch prächtige und aufwändige Roben. Damit rief man schon damals Kritiker auf den Plan, die dem Theater Oberflächlichkeit und bloßes Spekulieren auf billige Schaulust vorwarfen. Besonders die Kostüme dienten aus solcher Sicht nur der vordergründigen Inszenierung einer Persönlichkeit! Angeblich gaukelten sie dort Authentizität vor, wo es Mangel an Substanz zu überdecken galt. Gern wird dieser Vorwurf - auch noch heute - gegen das Spielen mit modischen Varianten im Allgemeinen erhoben.
Glanz und Würde
Kostüme sind selbstverständlicher Teil von Inszenierungen. Sie dienen dazu, den Schauspieler in seiner Rolle auszuzeichnen, ihn vor den Zuschauern emporzuheben. Kostüme binden die Aufmerksamkeit, übertreiben oder betonen die Statur des Darstellers, ermöglichen Wiedererkennung. Diese Funktion erfüllten sie schon im antiken Theater. Wie die Maske diente das Kostüm ursprünglich der kultischen Vermummung und Verwandlung. Erst später übernahm es auch ästhetische und bühnentechnische Funktionen.
Pantalone, der venezianische Narr, zählte zu den Hauptfiguren der Commedia dell arte.
Aufmerksamkeit weiterleiten
Über Jahrhunderte hinweg hat sich diese dienende Funktion des Kostüms erhalten: Es soll die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht auf sich, sondern auf die Figur weiterleiten, die in ihm steckt. Das Kostüm zeigt Alter, Geschlecht und Beruf eines Charakters und macht dessen individuelle Züge kenntlich. Seit der Renaissance nutzte das Theater Kostüme, um nationale Merkmale hervor zu heben und um - wie in der italienischen Commedia dell'arte - bestimmte Typen zu charakterisieren und festzulegen.
Ein Schattendasein
Trotz ihrer aufwändigen Gestaltung und wichtigen ästhetischen wie erzählerischen Funktion führen Kostüme im Theater sozusagen ein Schattendasein. Zwar sollen sie den Schauspieler unterstützen, haben sich dabei aber diskret im Hintergrund zu halten. Und doch sind Kostüme mehr als einfache Accessoires: Sie dienen dem dramatischen Gehalt des Stückes wie dessen ästhetischer Gesamtwirkung.
Bühne voller Kleider
In den letzten Jahren bekam es das Theaterpublikum nicht nur gelegentlich mit nackten Körpern zu tun - als Kostüme, die nichts verhüllen und auf nichts anderes verweisen als auf sich selbst. Was anfangs noch schockierend war, ist heute fast schon vertraut. Zumindest ergibt ein nackter Körper Sinn, verweist er doch auf seine Materialität und Verletzbarkeit. Doch Kostüme an Körpern ohne visuelles Zusammenspiel lassen sich nicht mehr im Zusammenhang erschließen - was wir sehen, ist bloß eine Bühne voller Kleider. Erst seine individuelle Funktion macht das Kleid - im Theater wie im Alltag - zum Kostüm.
Ulrike Wolf (19.02.2004)


