Die schützende Haut
Auch Rollen, die wir nun mal spielen müssen, vor allem im Beruf, haben ihre Kostüme. Kleider-Zwang ist dafür der Begriff. Um die Welt als Bühne, das alltägliche Verkleiden, geht es hier.Warum nicht mal Cowboy sein?
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler
Sie treten auf und gehen wieder ab
Sein Leben lang spielt einer manche Rolle...
Dunkles Jackett, Weste, Krawatte, 200-Euro-Schuhe - noch auf dem Rückflug von der Unternehmens-Pressekonferenz trug Herr X das passende Kostüm. Wieder in Berlin ange- kommen, verschwindet X, etwa Mitte zwanzig, rasch in der Flughafentoilette. Angetan mit Jeans, T-Shirt und Lederjacke erscheint er schließlich runderneuert auf der Bildfläche.
Alle Typen angesagt
Dabei hätte X es wissen können: In der U-Bahn - ein paar Minuten später zwischen Bahnhof Zoo und Schönhauser Allee - sind sowieso alle Typen angesagt: wie auf einer Bühne ohne Leitidee, jeder spielt sein eigenes Stück, ist in seinem eigenen Film. Durch welchen Western reitet eigentlich der Mann uns gegenüber, um die fünfzig, Fransenhosen und Cowboyhut?
Spiderman, Vampir und Troll
Es wäre seltsam, würde der Cowboy mit dem schwarz gekleideten Mädchen, zwei Sitze weiter, ins Gespräch kommen. Aber das tut man in der U-Bahn ja auch nicht. Auf der Straße treffen wir dann nacheinander Spiderman, einen Vampir, zwei Trolle, einen viel beschäftigten Regisseur mit Terminkalender (tatsächlich seit Jahren arbeitslos)... Und nirgendwo ist Karneval, nicht mal in der Bar, wo die elegante, kräftig gebaute Dame mit merkwürdig tiefer Stimme spricht.
Ein "selbst" aus Stücken
Hat der rheinische Karneval in der Hauptstadt deshalb so wenig Fans, weil hier das ganze Jahr über Kostümfest ist? Na ja, in anderen großen Städten geht es wohl kaum anders zu. Wer will schon einfach er selbst sein? Zumal, dies "selbst", was ist das überhaupt? Zusammengesetzt ist es aus lauter Stücken, die im Lauf des Tages, im Lauf des Lebens nahtlos aufeinander folgen. Hinter jedem Stück stecken Erwartung, Zwang, ein ganzes Set von Regeln.
Warum nicht Cowboy sein?
"Hintergrundannahmen" nennen das die Soziologen. "Normal" wäre also, die gerade mal aktuelle Rolle auf den Hintergrund abzustimmen, Normverletzung wird bestraft: Behält etwa der Schuldeneintreiber seinen ruppigen Tonfall auch abends in der Kneipe bei, gibt's wahrscheinlich Konflikte. Und die Lehrerin mit der dozierenden Art braucht nach Feierabend manchmal den verständnisvollen Lebenspartner... All dies kostet Kraft. Warum nicht einfach den ganzen Tag Cowboy sein, Spiderman oder Troll?
Dicke Haut, schräges Kostüm
"Lebende Wesen, die der Luft ausgesetzt sind, bedürfen einer Schutzhaut", schreibt der spanische Schriftsteller und Harvard-Professor George Santayana (1863 bis 1952). Und weiter: Man solle der Haut nicht vorwerfen, dass sie nicht das Herz ist, den Dingen nicht, dass sie nicht die Gefühle sind. Das mag zutreffen. Doch hier beginnt ein Problem: Wird die schützende Haut zu dick, entfernt sich das Kostüm, in Idee und Design, zu sehr von den Realitäten, kann Verstehen unter Menschen schwierig sein. Die Rollen korrespondieren nicht mehr miteinander, werden beliebig in einem Stück, das nirgends existiert: Es ist Kostümfest, alle sind da, doch jeder tanzt auf seiner Fete. Nötig ist dann das extra verfasste Drehbuch, nach Zimmer-Bradley oder Tolkien, weil der reale Hintergrund es nicht mehr tut. Kommt daher die Vorliebe für Rollenspiele, unter Leuten, die sich sonst kaum kennen?
"Passend" von morgens bis abends
Übrigens: Herr X zieht sich jetzt nicht mehr um. Herr X ist umgezogen. In der kleinen rheinischen Stadt, in der X seit Monaten lebt, sind die Irritationen kleiner. Dunkles Jackett, Weste, Krawatte, 200-Euro-Schuhe, das "passt" nun vom Morgen bis zum Abend. Es heißt aber, X leite dort den Karnevalsverein.
Michael Schmittbetz (19.02.2004)
Infobox
Tierische Verkleidung
Auch Fliegen haben Kostüme: Am liebsten nach dem Vorbild von Wespen, Bienen und Hummeln. Mit auffälliger schwarz-gelber Bänderung warnt die Wespe alle möglichen Angreifer nämlich vor ihrem Giftstachel. Das macht sich die Schwebfliege zu nutze - und ahmt einfach nach. Als schwarz-gelbe, sehr gefährliche "Wespe" hat sie nun mal bessere Überlebenschancen.
"Schafe im Wolfspelz" gibt es im Tierreich viele: Harmlose, aber fressbare Schmetterlinge imitieren weniger genießbare Arten, der Augenfleck-Mirakelbarsch, an sich ziemlich wehrlos, ändert sein Aussehen in Sekunden so, dass er der gefährlichen Netzmuräne gleicht. Mimikry nennt man das Phänomen.
Das wird auch in seiner aggressiven Form beobachtet: Tiere etwa, die sich lecker präsentieren, um gefressen zu werden. Von innen greifen sie dann den Räuber an. Solche Täuschungen sind meist erfolgreich. Aber: Übersteigt die Zahl der "kostümierten" Tiere die der Originale, geht Wirkung verloren. Vöglein frisst dann aus Versehen sogar die echte Wespe.
Auch Fliegen haben Kostüme: Am liebsten nach dem Vorbild von Wespen, Bienen und Hummeln. Mit auffälliger schwarz-gelber Bänderung warnt die Wespe alle möglichen Angreifer nämlich vor ihrem Giftstachel. Das macht sich die Schwebfliege zu nutze - und ahmt einfach nach. Als schwarz-gelbe, sehr gefährliche "Wespe" hat sie nun mal bessere Überlebenschancen.
"Schafe im Wolfspelz" gibt es im Tierreich viele: Harmlose, aber fressbare Schmetterlinge imitieren weniger genießbare Arten, der Augenfleck-Mirakelbarsch, an sich ziemlich wehrlos, ändert sein Aussehen in Sekunden so, dass er der gefährlichen Netzmuräne gleicht. Mimikry nennt man das Phänomen.
Das wird auch in seiner aggressiven Form beobachtet: Tiere etwa, die sich lecker präsentieren, um gefressen zu werden. Von innen greifen sie dann den Räuber an. Solche Täuschungen sind meist erfolgreich. Aber: Übersteigt die Zahl der "kostümierten" Tiere die der Originale, geht Wirkung verloren. Vöglein frisst dann aus Versehen sogar die echte Wespe.


