Narrengesicht
Das Bild des genialen Komponisten ist in ständigem Wandel begriffen. Der "gereinigte" Mozart des 19. Jahrhunderts steckt noch heute in den Köpfen: bieder und edel. Wenn da nur nicht des Meisters Briefe wären!Ein Abbild von einem Abbild - Barbara Krafft nutzte als Vorlage ihres Mozartbilds von 1819 ein Gemälde von Nepomuk della Croce, das Familie Mozart beim Musizieren zeigt.
Wie sah er die Menschen?
Wer war Wolfgang Amadé Mozart? Amadeus hat er sich ja selbst nur scherzhaft-albern in Briefen genannt, in der Kombination Wolfgangus Amadeus Mozartus etwa. Die vollständige Reihe der Vornamen laut Taufverzeichnis, vier insgesamt, wollen wir uns ersparen. Amadé gehört übrigens nicht dazu, er hat es eigenmächtig hinzugetan. Wer also war Wolfgang Mozart, der 1756, anscheinend als Wunderkind, in Salzburg auf die Welt kam und 1791 in Wien verstarb? Wie war sein Charakter, wie sah er die Menschen? Und was hat das alles mit Musik zu tun?
Ätherisch und edel?
Wir wissen es nicht. Wir kennen nur Bilder, von denen die vermutlich authentischeren, ehrlich gesagt, nicht sehr anziehend sind. Derart Unwissen ist tatsächlich verwirrend, denn kaum ein genialer Geist hat so viele Selbstzeugnisse hinterlassen: Mozarts Briefe füllen Bände, was etwas heißen will, da um den Nachruhm besorgte Vertraute einen beachtlichen Teil früh beiseite schafften. Das Genie hatte eben attraktiv zu sein in jeder Beziehung, nicht Anstoß erregend, ästhetisch-ätherisch stattdessen und edel.
Die "Reinigungsmaschine"
Womit wir nun wirklich bei der Mozart-Rezeption des 19. Jahrhunderts wären. Mozarts Biograf Wolfgang Hildesheimer nennt es in seinem lesenswerten Essay "die große Reinigungsmaschine". Hier entstand der Mozart des Biedermeier: ehrbar, gesellschaftlich kommod, fleißig (was er wohl mitunter war), in der Musik seine Sinnlichkeit erschöpfend, glücklich verehelicht gleichwohl, doch sonst ziemlich glücklos im Leben. Alles in allem eine achtbare Gestalt nach den Maßstäben der Zeit - absonderlich höchstens, soweit es zum Dekor, zur Selbstinszenierung des großen Künstlers gehört. Hier entstanden auch die Legenden: hier starb er im Elend und wurde beigesetzt im Armengrab, hier tat ihm die Welt hauptsächlich Böses, bis hin zum mörderischen, minder begabten Rivalen Salieri, der ihm Quecksilber appliziert haben soll.
"Leidenschaftliche Koprolalie"
Derart beschönigende Imagination wirkte bis ins "aufgeklärte" Zwanzigste Jahrhundert. Noch Stefan Zweig äußert 1931 Worte der Verlegenheit, als er die berühmten Bäsle-Briefe - zwecks analytischer Behandlung - dem großen Seelenkenner Sigmund Freud übergibt. Jene Briefe, so Zweig zu Freud, "werfen ein psychologisch sehr merkwürdiges Licht auf seine Erotik, die, stärker als die eines anderen bedeutenden Menschen, Infantilismus und leidenschaftliche Koprolalie zeigt. Es wäre eigentlich eine interessante Studie für einen Ihrer Schüler." ...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Mozart | ![]() |



