Don Karlos, 4. Akt, 16. Auftritt, Marquis de Posa: Der Prinz ist Ihr Gefangener... (Bild: Schillers Werke, Berlin, um 1900 )
Optimistische Perspektive
Das Studium des Königsberger Philosophen prägte den Dichter (und Historiker) gerade in jener Lebensphase. Schillers Schrift, sie bezieht sich auf die Bücher Mose des Alten Testaments, trägt den Untertitel Übergang des Menschen zur Freiheit und Humanität: Aus der Abhängigkeit von Instinkten heraus sei der Mensch ausgezogen zum Erlangen von "Selbstherrschaft", und vom "Paradies der Unwissenheit" zu einem "Paradies der Erkenntnis und Freiheit".
Wie naiver Fortschrittsglaube mag uns heute dieser aufklärerische, wertende Ansatz erscheinen. Tatsächlich hat schon wenig später, 1810, Heinrich von Kleists brillanter Essay Über das Marionettentheater derart Fortschrittsillusion in Frage gestellt, die Vertreibung aus dem "Paradies der Knechtschaft" nicht als Aufbruch zur Mündigkeit sondern als Sturz in neue Unfreiheit und Entfremdung gedeutet. Wichtiger jedoch als Schillers optimistische, heitere Perspektive könnte der innere Bezug zu Kants Erkenntnistheorie sein.
Formen des Denkens
Freiheit und Tyrannei - das Begriffspaar begegnet uns in Schillers Texten immer wieder. Dabei sind selbst jene, die im Sinne der Freiheit agieren, sei es als Protagonisten der Dramen oder Hauptpersonen der Geschichtswerke, keine Idealgestalten. So entsteht nirgends Polarität von Gut und Böse, alle Figuren, sogar der "finstere" Philipp von Spanien im Don Karlos, bleiben psychologischer Einfühlung offen. Schiller verurteilt nicht, wo er wertet.
Don Karlos, 1. Akt, 5. Auftritt: Rasender! Zu welcher Kühnheit führt Sie meine Gnade... (Bild: Schillers Werke, um 1900)
Zurückhaltung und Bescheidenheit auf der einen, und Wertung auf der anderen Seite schließen sich eben nicht aus, wenn der "philosophische Geist" die Wurzel seiner Deutungen kennt: das eigene Bewusstsein - als Teil eines kollektiven, intersubjektiven Bewusstseins im Kantschen Sinn: A priori gegebene Formen des Denkens - etwa in den Vorstellungen von Ursache und Wirkung - ordnen die Eindrücke der Sinnesorgane, und ordnen die Daten der Geschichte, geben ihnen Zusammenhang und Wert.
Auf der Seite der Freiheit
Anders geht der Dogmatiker vor: Als Tyrann auf dem Feld der Ideen liegt für ihn der Zusammenhang in den Dingen selber, als gälte es ihn nur aufzudecken - und ein für allemal festzuschreiben. So, als ob es wertfreie Darstellung gäbe, als ob man das "Richtige" aus den "Fakten" saugen könne, wie Bienen den Nektar aus Blüten. Freiheit und Tyrannei - auf diese Ebene des Erkennens übertragen, steht Schillers Methode auf der Seite der Freiheit: Geschichte ist nie endgültige Wahrheit, sie ist immer Konstruktion, und verkommt ohne Freiheit des Entwurfs zur Ideologie.
Damit lenkt Schillers Weg zur Geschichte den Blick auf spätere Denker: Max Weber, Thomas Kuhn, Karl Popper. Was Schiller betrifft, bleibt nur anzumerken, dass die Scheidung in "freien" Künstler und ans "Faktische" gebundenen Historiker wohl selbst eine künstliche ist.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 30.10.2009)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Schiller | ![]() |
Infobox
Schillers historische Schriften (Auswahl)
| 1788 | Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung. Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt, im Jahr 1547. |
| 1789 | Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Uebersicht des Zustands von Europa zur Zeit des ersten Kreuzzugs. |
| 1790 | Geschichte des Dreißigjährigen Krieges (bis 1792). Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde. Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon. Die Sendung Moses. Ueber Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter. Universalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs I. |
| 1792 | Geschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen. |
| 1798 | Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Marschalls von Vieilleville. |



