Kleine Schlagerkunde
Was zeichnet den Schlager musikalisch und textlich aus? Prof. Dr. Hartmut Fladt von der Universität der Künste Berlin analysiert für LexiTV drei Lieder aus verschiedenen Jahrzehnten.In den folgenden Interviewabschnitten analysiert Prof. Dr. Hartmut Fladt von der Universität der Künste Berlin für LexiTV drei bekannte Schlager aus mehreren Jahrzehnten. Am Ende des Interviews fasst der Musikwissenschaftler charakteristische Merkmale des Genres zusammen.
Lale Anderson: Lili Marleen
Den Text des Lieds schrieb der Schriftsteller Hans Leip im Ersten Weltkrieg: Ein Soldat erinnert sich an die Begegnung mit der Geliebten vor der Kaserne, abseits seiner Welt des Zwangs und Gehorsams. Die Melodie dazu verfasste 1939 der Komponist Norbert Schultze, der für die Nationalsozialisten auch Stücke wie Bomben auf Engeland vertonte. 1941 begann ein Soldatensender in Belgrad, Lili Marleen europaweit zu senden. Es gewann bei den Soldaten aller Nationen an Popularität und wurde in viele Sprachen übersetzt. Der Erfolg des Lieds erklärt sich dadurch, dass es die realen Bedürfnisse der Menschen und Soldaten zu jener Zeit spiegelte. Musikalisch hält es die Balance zwischen Marsch- und lyrischen Elementen; unverwechselbar wird es durch eine unerwartete Dissonanz in der Melodie.
Udo Jürgens: Merci Chérie
Mit dem Lied, das ein Zwischending aus Wiener Walzer, Chanson und Schlager ist, gewann der Österreicher Udo Jürgens 1966 den Grand Prix Eurovision. Merci Chérie handelt vom Abschied von der Geliebten nach der Trennung. Der Text besteht aus permanenten Wiederholungen und bewegt sich an der Grenze zur Debilität. Die Musik aber trägt mit komplizierten Harmonien über diese Löcher und Abgründe hinweg. Udo Jürgens, übrigens klassisch ausgebildeter Komponist und Klavierspieler, zitiert eine Sonate von Franz Schubert, einem der größten österreichischen Komponisten. Für die Melodie gilt das gleich wie für alle Schlager: Sie ist so einfach, dass jeder sie nachsingen kann.
Helene Fischer: Du lässt mich sein, so wie ich bin
Dieses Lied, komponiert, getextet und produziert von Jean Frankfurter, ist eine Mischung aus Pop-Ballade und Schlager. Der Anfang des Stücks lehnt sich an das Beatles-Stück A Day in the Life an. Von Diebstahl zu sprechen, wäre aber übertrieben: Beide Lieder bedienen sich einer allgemeinen musikalischen Form, einer "Grundvokabel" aus drei Tönen, die in allen musikalischen Kulturen dieser Erde zu Hause ist und zum Beispiel in Stille Nacht, in Die Moritat von Mackie Messer und bei Johann Sebastian Bach vorkommt. Der Text zum Lied ist nach der Frauenemanzipation geschrieben: Ganz selbstverständlich sagt die Erzählerin, dass sie nicht bevormundet werden will.
Das Wichtigste: Einfach, aber besonders
Das Wichtigste beim Schlager ist, dass in der Melodie, im Rhythmus und in der Harmonik nicht zu komplizierte Dinge passieren. Die Hörer dürfen nicht verunsichert werden. Andererseits: Ein Schlager, der alle Hörerwartungen erfüllt, ist in der Regel ein schlechter Schlager; etwas Besonderes muss schon dran sein. Das Gleiche gilt für die Gefühle, die die Lieder ansprechen: Der Schlager muss an vertraute Gefühle anknüpfen, diese Gefühle aber wiederum als etwas Besonderes darstellen. Und: Er darf mit Gefühlen auch ironisch verfahren. Die Ironie wird man in volkstümlichen Schlager nie finden, im guten Schlager aber findet man sie ganz selbstverständlich.
Das Interview führte Fernsehautorin Katarina Werneburg, für den Text auf der Website: Urte Paul (10.12.2010)
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Unser Interviewpartner
Hartmut Fladt, geboren 1945 in Detmold, studierte in seiner Heimatstadt Komposition und Tonsatz bei Rudolf Kelterborn und in Berlin Musikwissenschaft bei Carl Dahlhaus. Als Professor für Musiktheorie begann er 1981 an der Universität der Künste Berlin, wo er auch heute tätig ist. Zwischen 1996 und 2000 lehrte Prof. Fladt zudem an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.
Als Komponist verfasste Hartmut Fladt unter anderem Bühnenwerke, Kammer- und Chormusik, Filmmusik und Kinderlieder. Er ist Träger des Karl-Hofer-Preises (1985) und des Carl-Orff-Awards (1994/95). In seinen Schriften widmet sich der Musikwissenschaftler der Musik des 15. bis 21. Jahrhunderts. Für die interessierte Öffentlichkeit kommentiert Hartmut Fladt allwöchentlich im Radio aktuell erfolgreiche Popsongs.
Hartmut Fladt, geboren 1945 in Detmold, studierte in seiner Heimatstadt Komposition und Tonsatz bei Rudolf Kelterborn und in Berlin Musikwissenschaft bei Carl Dahlhaus. Als Professor für Musiktheorie begann er 1981 an der Universität der Künste Berlin, wo er auch heute tätig ist. Zwischen 1996 und 2000 lehrte Prof. Fladt zudem an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.
Als Komponist verfasste Hartmut Fladt unter anderem Bühnenwerke, Kammer- und Chormusik, Filmmusik und Kinderlieder. Er ist Träger des Karl-Hofer-Preises (1985) und des Carl-Orff-Awards (1994/95). In seinen Schriften widmet sich der Musikwissenschaftler der Musik des 15. bis 21. Jahrhunderts. Für die interessierte Öffentlichkeit kommentiert Hartmut Fladt allwöchentlich im Radio aktuell erfolgreiche Popsongs.







