Ein uraltes Rätsel
Seit langem schon forschen Wissenschaftler nach dem Ursprung der Sprache: Wie, wann und warum ist sie entstanden? Trotz moderner Methoden sind bis heute viele Fragen unbeantwortet.Die Fähigkeit zu sprechen ist in den Genen verankert. Aber das reicht nicht, um dem Menschen die Sprache zu geben.
Doch diese Erklärung über den Ursprung der menschlichen Sprache ist nichts weiter als eine Vermutung, denn trotz der seit der Aufklärung am Ende des 18. Jahrhunderts währenden Sprachforschung gibt es noch viele weiße Flecken.
Am Anfang war das Wort
Für überzeugte Christen ist die Entstehung der Sprache kein Geheimnis. Für sie gilt: "Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort." Mit dieser Erklärung geben sich Linguisten, Hirnforscher, Informatiker und Molekularbiologen aber nicht zufrieden. Mit Hilfe neuester Technik wollen sie Schritt für Schritt den Geheimnissen der Sprache auf den Grund gehen.
Stimmen aus der Steinzeit
"Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache; um aber Sprache zu erfinden, musste er schon Mensch sein", so beschrieb Wilhelm von Humboldt 1820 das Dilemma der Sprachforscher, den Ursprung der Sprache zu finden. Mit viel Neugier und Enthusiasmus waren junge Wissenschaftler im Geiste der Aufklärung auf die Suche gegangen - und hatten doch wenig herausgefunden. Letztendlich untersagte 1866 die Société de Linguitique de Paris per Statut das Fabulieren über Stimmen aus der Steinzeit.
Sprache entstand, weil sie für den Erfolg bei der Jagd notwendig war - lautet eine These der Sprachforscher. (Höhlenmalerei in Valtorta, Spanien, etwa 13.000 Jahre alt)
Mit dem Verbot ist es inzwischen vorbei: Naturwissenschaftler und Informatiker haben in den vergangenen Jahren viele interessante Erkenntnisse gewonnen. Zwar scheint eine umfassende Theorie über die Entstehung der Sprache noch verfrüht, aber bereits die ersten Entdeckungen klingen vielversprechend.
Jagd in der Savanne
Um Sprache entstehen zu lassen, bedarf es laut Expertenmeinung verschiedener Voraussetzungen. Dazu gehört die Notwendigkeit, überhaupt miteinander zu sprechen, und die muss entstanden sein, als der Mensch sich auf Beutesuche in den Weiten der Savanne mit seinen Artgenossen über Jagdstrategien unterhielt.
Um sprechen zu können, bringt der Mensch aber bereits etwas Ureigenes mit: "ein genetisch angeborenes Sprachtalent". So beschreibt es der britische Molekularbiologe Anthony Monaco, der 2001 auf eine für den Sprachinstinkt notwendige Gensequenz gestoßen war.
Klänge aus der Kehle
Ein wichtiger Schritt hin zur niveauvollen Kommunikation war der aufrechte Gang, der sich vor mehr als sechs Millionen Jahren zu entwickeln begann. Die einschneidende Veränderung im Körperbau des Menschen war Grundlage für die Bildung komplizierter Laute: Der Rachenraum vergrößerte sich im Laufe der Entwicklung. Diese neue Freiheit ermöglichte es dem Menschen, mit seinen Stimmbändern Klänge zu erzeugen. Auch die Atmung veränderte sich, wodurch differenzierte Grunzlaute ausgestoßen werden konnten.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass vor rund 1,8 Millionen Jahren der Homo erectus die ersten Wörter sprach. Allerdings blieb es wohl lange Zeit bei wenigen Wörtern, denn seine bescheidene Gehirnleistung ermöglichte es unserem Urahn nicht, mehrere Wörter aneinander zu reihen. Erst mit der Vergrößerung des Gehirns - sie verdreifachte sich mit dem Übergang zum Homo sapiens - scheint es dem Menschen möglich gewesen sein, komplizierte Sätze zu formen. Als der Homo sapiens vor fünfzigtausend Jahren begann, die Welt zu erobern, soll er bereits über eine komplette Sprache mit Wörtern und Grammatik verfügt haben.
Anhand von Gehirnströmen untersuchen Forscher, wie Spracherwerb funktioniert.
Wie die Sprachentwicklung Schritt für Schritt ablief, beobachten Forscher heute bei Kindern. Denn die lassen - mit Hilfe des angeborenen Sprachsinns - Sprache in sich wachsen. Babys können Sprache bereits am Klangmuster erkennen und darauf reagieren.
Im Alter von ein bis anderthalb Jahren schnappen Kinder dann einzelne Wörter auf. Zwischen 18 und 24 Monaten können sie Wörter bereits zusammenfügen. Mit zwei Jahren beschleunigt sich die Sprachentwicklung enorm: Da das Gehirn rapide wächst und viele neue synaptische Verbindungen bildet, werden die gesprochenen Sätze immer länger.
6,4 Billionen Sätze
Mit der Zeit begreifen Kinder auch die Struktur der Grammatik. Blitzschnell nimmt das Gehirn Grammatik wahr und wendet sich dann dem Redeinhalt zu. Die Sprache ermöglicht es Erwachsenen, im Durchschnitt über zehntausend Hauptwörter und viertausend Verben zu nutzen, aus denen sie mit Hilfe der Grammatik 6,4 Billionen Sätze mit einer Länge von fünf Wörtern bilden könnten. Diese Rechnung gilt, nach Forschungsergebnissen des US-amerikanischen Linguisten Steven Pinker, für einen Durchschnittsdeutschen - und sicher auch für Angehörige anderer Sprachkulturen.
Christiane Nienhold (aktualisiert 30.08.2011)
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Wenn Babys mit den Händen reden
Im Alter von wenigen Monaten benutzen Kinder bereits Gesten, um sich mitzuteilen: Will ein Kind auf den Arm genommen werden, reckt es die Hände in die Höhe, und auch das "Winke-winke" zum Abschied beherrschen Babys bereits. Viele Eltern machen sich darüber nicht weiter Gedanken.
Welches Potenzial hinter den Babygesten steckt, erforschten in den 1980er Jahren die US-Psychologinnen Linda Acredolo und Susan Goodwyn. Die Wissenschaftlerinnen entwickelten eine Zeichensprache für Babys, mit der sich die Kleinen ab dem siebten Lebensmonat verständlich machen können: Schnuller, Flasche, warm, kalt, Hunger, baden, spielen - schon mit ein paar Dutzend Gesten sind Babys für die wichtigsten Situationen in ihrem Alltag gewappnet.
Die Babyzeichensprache wurde in den USA schnell zum Erfolg; heute bringen rund achtzig Prozent der Eltern dort ihren Babys das Sprechen mit den Händen bei. Auch in Europa werden die Babyzeichen immer beliebter. Die Vorteile liegen auf der Hand: Schon Kleinkinder wissen, was sie wollen. Weil sie ihre Bedürfnisse noch nicht in Worte fassen können, bleibt ihnen häufig keine andere Form der Mitteilung als das Schreien. Zeichensprache nimmt Eltern und Kindern den Frust, weil präzise Kommunikation möglich wird.
Jedoch gibt es auch Eltern, die der Kommunikation per Handzeichen skeptisch gegenüber stehen. Sie fürchten, dass ihr Kind nur zögerlich das Sprechen lernen wird, wenn es sich mit Gesten verständlich machen kann. Wissenschaftlich belegen lassen sich solche Ängste nicht; das Gegenteil könnte der Fall sein: Studien von Acredolo und Goodwyn deuten sogar auf eine beschleunigte Sprachentwicklung hin.
Als Gründe vermuten Wissenschaftler, dass mit Gesten kommunizierende Babys schon über Sprache und über einen Wortschatz verfügten, was das Lernen des Sprechens vereinfache. Auch würden die Kleinen die Vorzüge kennen, die Sprache mit sich bringe, und seien darum motiviert, sich auch verbal auszudrücken.
Einige Psychologen führen das bessere Sprachvermögen schlicht darauf zurück, dass diese Babys mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung von ihren Eltern erhalten hätten - das habe sich positiv auf die Entwicklung ausgewirkt.
Babygebärden sind übrigens nicht nur für Kleinkinder und Eltern interessant: Die Wissenschaft erforscht diese Art der frühkindlichen Kommunikation und erhofft sich davon neue Erkenntnisse über den Spracherwerb bei Kindern und über die Entstehung der Sprache an sich. Embodiment heißt eine junge Theorie, die davon ausgeht, dass sich kognitive Fähigkeiten aus Körpererfahrungen entwickeln.
Die Tatsache, dass Babys im gleichen Rhythmus brabbeln und ihre Arme und Beine bewegen, sehen Wissenschaftler als Indiz für diese Theorie an. Auf die Entstehung von Sprache während der menschlichen Evolution bezogen, könnte das bedeuten: Die menschliche Sprache ist aus der Gestik entstanden.
Im Alter von wenigen Monaten benutzen Kinder bereits Gesten, um sich mitzuteilen: Will ein Kind auf den Arm genommen werden, reckt es die Hände in die Höhe, und auch das "Winke-winke" zum Abschied beherrschen Babys bereits. Viele Eltern machen sich darüber nicht weiter Gedanken.
Welches Potenzial hinter den Babygesten steckt, erforschten in den 1980er Jahren die US-Psychologinnen Linda Acredolo und Susan Goodwyn. Die Wissenschaftlerinnen entwickelten eine Zeichensprache für Babys, mit der sich die Kleinen ab dem siebten Lebensmonat verständlich machen können: Schnuller, Flasche, warm, kalt, Hunger, baden, spielen - schon mit ein paar Dutzend Gesten sind Babys für die wichtigsten Situationen in ihrem Alltag gewappnet.
Die Babyzeichensprache wurde in den USA schnell zum Erfolg; heute bringen rund achtzig Prozent der Eltern dort ihren Babys das Sprechen mit den Händen bei. Auch in Europa werden die Babyzeichen immer beliebter. Die Vorteile liegen auf der Hand: Schon Kleinkinder wissen, was sie wollen. Weil sie ihre Bedürfnisse noch nicht in Worte fassen können, bleibt ihnen häufig keine andere Form der Mitteilung als das Schreien. Zeichensprache nimmt Eltern und Kindern den Frust, weil präzise Kommunikation möglich wird.
Jedoch gibt es auch Eltern, die der Kommunikation per Handzeichen skeptisch gegenüber stehen. Sie fürchten, dass ihr Kind nur zögerlich das Sprechen lernen wird, wenn es sich mit Gesten verständlich machen kann. Wissenschaftlich belegen lassen sich solche Ängste nicht; das Gegenteil könnte der Fall sein: Studien von Acredolo und Goodwyn deuten sogar auf eine beschleunigte Sprachentwicklung hin.
Als Gründe vermuten Wissenschaftler, dass mit Gesten kommunizierende Babys schon über Sprache und über einen Wortschatz verfügten, was das Lernen des Sprechens vereinfache. Auch würden die Kleinen die Vorzüge kennen, die Sprache mit sich bringe, und seien darum motiviert, sich auch verbal auszudrücken.
Einige Psychologen führen das bessere Sprachvermögen schlicht darauf zurück, dass diese Babys mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung von ihren Eltern erhalten hätten - das habe sich positiv auf die Entwicklung ausgewirkt.
Babygebärden sind übrigens nicht nur für Kleinkinder und Eltern interessant: Die Wissenschaft erforscht diese Art der frühkindlichen Kommunikation und erhofft sich davon neue Erkenntnisse über den Spracherwerb bei Kindern und über die Entstehung der Sprache an sich. Embodiment heißt eine junge Theorie, die davon ausgeht, dass sich kognitive Fähigkeiten aus Körpererfahrungen entwickeln.
Die Tatsache, dass Babys im gleichen Rhythmus brabbeln und ihre Arme und Beine bewegen, sehen Wissenschaftler als Indiz für diese Theorie an. Auf die Entstehung von Sprache während der menschlichen Evolution bezogen, könnte das bedeuten: Die menschliche Sprache ist aus der Gestik entstanden.



