Ende der Vielfalt?
Rund sechseinhalbtausend Sprachen gibt es weltweit. Die Ausbreitung der Weltsprache Englisch, so die Befürchtung mancher, könnte kleine Sprachen in Gefahr bringen.Während des Hellenismus war Griechisch überregional bedeutsam: diese Inschrift stammt aus Ägypten. (2. Jahrhundert v. Chr.)
Und nicht nur hierzulande ist man besorgt angesichts englischen Neusprechs. Frankreichs Nationalversammlung verabschiedete 1994 ein Gesetz zum Schutz der Sprache. Seitdem heißt der Walkman baladeur (Spaziergänger) und englische Werbesprüche werden mit französischer Übersetzung versehen.
Englisch weltweit
"Es kursieren geradezu apokalyptische Vorstellungen über ein Massensterben unserer Sprachen, die angeblich alle dem Druck des Englischen zum Opfer fallen", fasst der Linguist Harald Haarmann die allgemeine Stimmung zusammen. Dass Englisch die global am weitesten verbreitete Sprache ist, daran besteht kein Zweifel.
Nach Angaben des British Council spricht und versteht jeder vierte Erdbewohner wenigstens ein paar Brocken; mehr als zwei Milliarden Menschen leben in Ländern, in denen Englisch offiziellen Status hat. Bei internationalen Organisationen, in der Wirtschaft, im Tourismus, in Wissenschaft und Technik, in den Massenmedien, der Werbung, der Popmusik und im Sport gibt Englisch weltweit den Ton an.
Akkadisch, Griechisch, Römisch
Muss dieser Zustand Anlass zur Sorge sein? Immerhin ist Englisch bei weitem nicht die erste Sprache, die über Ländergrenzen hinweg Bedeutung erlangte: Ein Blick in die Geschichte macht deutlich, dass es immer wieder Sprachen gab, die in bestimmten Epochen und Regionen dominierten. Von Vorderasien bis Ägypten tauschten sich Gelehrte einst in der akkadischen Sprache aus, im östlichen Mittelmeer war während des Hellenismus das Griechische dominant, im Römischen Reich das Lateinische.
Für Verständigung und Austausch
Solche Lingua franca genannten Verkehrssprachen vereinfachen das Miteinander der Menschen, sie erleichtern den Handel sowie den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch. Kurz: sie erfüllen ein Bedürfnis nach Verständigung. Und dieses Bedürfnis ist heute vielleicht größer denn je - denn in keiner Epoche bestanden so viele und so enge Kontakte zwischen den Völkern, migrierten so viele Menschen rund um den Erdball, stand man vor Aufgaben wie dem Klimawandel, die gemeinsames Handeln erfordern.
1492 erreicht Kolumbus die Neue Welt: der Kolonialisierung werden Hunderte Sprachen zum Opfer fallen.
Die Dominanz einer Sprache hat aber auch Schattenseiten, wie ein erneuter Blick in die Geschichte zeigt: In vielen Fällen ging die Ausbreitung einer Sprache mit dem Verschwinden anderer, kleinerer Sprachen und Kulturen einher. Das Lateinische verdrängte einst die keltischen Sprachen vom europäischen Festland. Und durch die Kolonisierung Nord- und Südamerikas, Afrikas und Australiens starben in den letzten fünfhundert Jahren mehr als dreihundert Sprachen aus.
Gewalt spielte beim Sprachensterben während der Besiedlung fremder Kontinente häufig die wichtigste Rolle: In einigen Kolonien war es schlichtweg verboten, einheimische Sprachen zu sprechen, oder Gemeinschaften wurden auseinander gerissen, weshalb sie ihre Sprache nicht mehr pflegen konnten und vergaßen. Mitunter wurden auch ganze Stämme ausgerottet durch Krankheiten, die Besatzer eingeschleppt hatten, oder durch Sklavenarbeit - mit den Menschen ging die Sprache unter.
Sprachen in Gefahr
Auch heute ist das Sprachensterben Realität. Die Hälfte der weltweit etwa 6.500 Sprachen ist bedroht, schätzt die UNESCO - am Ende des 21. Jahrhunderts könnten bis zu neunzig Prozent von ihnen verschwunden sein! Vor allem Zwergsprachen und Sprachen von Minderheiten sind in Gefahr. Denn meist sind es nur noch die Alten in einer Gemeinschaft, die die Sprache am Leben erhalten. Wenn sie sterben, ist die Sprache verloren.
Mobilität, Bildung, Reichtum
Die jüngere Generation hingegen wächst häufig mit der Mehrheitssprache auf, denn deren Kenntnis verspricht soziale Mobilität, Bildung und wirtschaftliche Chancen. In vielen mehrsprachigen Ländern ist es ein Zeichen höheren sozialen Status', nicht die Lokal- sondern eine Nationalsprache zu sprechen. Diese Mehrheitssprache ist nicht zwangsläufig Englisch: Zahlreiche Völker Ostafrikas verständigen sich auf Kiswahili, im Nahen Osten und in Nordafrika spricht man Arabisch, in Lateinamerika Spanisch.
Regionale Kontaktsprachen werden wohl in den nächsten Jahrzehnten weiter wachsen. Dabei werden sie kleine Sprachen verdrängen und deren Funktionen im Alltag übernehmen, in Familie, Schule, Beruf, Kultur. Die "Weltsprache" Englisch hingegen dringt in diese Lebensbereiche kaum ein. Vielmehr kommt Harald Haarmann zu dem Schluss, "dass die globale Funktion des Englischen eigentlich nur ein dünner Firnis ist, unter dem sich jeweils lokale kommunikative Interaktionsfelder aufbauen."
Zu den gefährdeten Sprachen zählt auch Hawaiisch - vermutlich gibt es nur noch rund tausend Sprecher.
Solche lokalen Sprachräume zu bewahren, nicht das Englische zu verbannen, sollte Ziel von Sprachpolitik sein. Seit den 1970er Jahren hat sich hierbei einiges getan: mit der zunehmenden Diskussion über Menschenrechte hat sich ein Bewusstsein für sprachliche Minderheiten herausgebildet. Sprache ist eng verbunden mit Kultur, Werten, Traditionen einer Gruppe - sie zu erhalten, ist ein wichtiger Schritt, die Identität und das Selbstverständnis der Sprecher zu wahren.
Kleine Sprachen bekommen darum vermehrt Aufmerksamkeit und Schutz, werden vielerorts zumindest lokal als Unterrichts- und Amtssprache zugelassen. Das Interesse der Wissenschaft hat ebenfalls zugenommen. Linguisten strömen in abgelegene Regenwälder und Gebirgstäler, um Zwergsprachen zu untersuchen und zu dokumentieren. Sogar um das Wiederbeleben ausgestorbener Sprachen bemüht man sich.
"Kenntnislose Aneignung"
Was die deutsche Sprache angeht - als eine der zwölf meist gesprochenen Sprachen der Welt ist sie derzeit wahrlich nicht bedroht, verdrängt zu werden. Sprachpflege und sorgsamer Umgang mit Fremdwörtern sind dennoch angebracht. Schützenswert scheint allerdings weniger das Deutsche als das Englische: vor "kenntnisloser Aneignung zu dekorativen Zwecken", wie sie Jens Jessen von der Wochenzeitung Die Zeit allgegenwärtig sieht. Denn ein englischer Muttersprachler, der in Deutschland mit Handy, Drive-In oder Backshop zu tun hat, wird sich mindestens kaputtlachen - und schlimmstenfalls seine eigene Sprache nicht mehr verstehen.
Urte Paul (aktualisiert 30.08.2011)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Sprache | ![]() |
Infobox
6.417 Sprachen...
zählt der Sprachforscher Harald Haarmann auf der Welt, doch deren Verteilung über die Kontinente ist höchst ungleich. Europa ist die "ärmste" Region, lediglich 143 Sprachen sind hier heimisch - in Asien hingegen sind es 1.906.
Ein besonders sprachenreiches Land ist das Inselreich Papua-Neuguinea: Dessen etwa 5,3 Millionen Bewohner sprechen achthundert verschiedene Sprachen! Die am häufigsten gesprochene Muttersprache der Welt ist Chinesisch, das von etwa einem Fünftel der Weltbevölkerung gesprochen wird.
Wer die zwanzig häufigsten Sprachen der Welt beherrscht, kann sich bereits mit der Hälfte der Menschheit verständigen. Die knapp zweitausend Zwergsprachen (mit Sprecherzahlen zwischen eins und tausend) hingegen kommen auf insgesamt nur etwa eine halbe Million Sprecher. Viele dieser Sprachen werden in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Dass die Welt irgendwann einsprachig sein wird, ist allerdings unwahrscheinlich.
zählt der Sprachforscher Harald Haarmann auf der Welt, doch deren Verteilung über die Kontinente ist höchst ungleich. Europa ist die "ärmste" Region, lediglich 143 Sprachen sind hier heimisch - in Asien hingegen sind es 1.906.
Ein besonders sprachenreiches Land ist das Inselreich Papua-Neuguinea: Dessen etwa 5,3 Millionen Bewohner sprechen achthundert verschiedene Sprachen! Die am häufigsten gesprochene Muttersprache der Welt ist Chinesisch, das von etwa einem Fünftel der Weltbevölkerung gesprochen wird.
Wer die zwanzig häufigsten Sprachen der Welt beherrscht, kann sich bereits mit der Hälfte der Menschheit verständigen. Die knapp zweitausend Zwergsprachen (mit Sprecherzahlen zwischen eins und tausend) hingegen kommen auf insgesamt nur etwa eine halbe Million Sprecher. Viele dieser Sprachen werden in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Dass die Welt irgendwann einsprachig sein wird, ist allerdings unwahrscheinlich.
Infobox
Europäischer Tag der Sprachen
"Die Achtung anderer Sprachen, Kulturen und Identitäten ist die Voraussetzung, um einen Raum des gegenseitigen Respekts und der Zusammenarbeit in Europa zu schaffen", sagte Antonio Milošoski, Außenminister Mazedoniens, anlässlich des Europäischen Tages der Sprachen 2010. Etwa 140 Sprachen werden in Europa gesprochen, darunter Weltsprachen wie Englisch und Französisch sowie Kleinstsprachen wie Saterfriesisch und Zimbrisch.
Diese Sprachvielfalt zu würdigen und zu erhalten sowie die Menschen zum lebenslangen Sprachenlernen zu animieren, ist Ziel des Europäischen Tages der Sprachen. Entstanden ist der Tag auf Initiative des Europarats, seit 2001 wird er alljährlich am 26. September begangen.
Allerdings ist es nicht der Europarat, der Veranstaltungen zum Tag der Sprachen organisiert: Kommunen, Kulturinstitutionen, Vereine und Privatpersonen sind aufgerufen, Programme zu entwerfen. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Filmvorführungen, Ausstellungen, Expertengespräche sind ebenso denkbar wie Aufrufe zum gemeinsamen Singen fremdsprachiger Lieder, Schnupperstunden an Sprachschulen und das Näherbringen von Bräuchen aus anderen Ländern.
Ziel der Sprachpolitik des Europarats ist unter anderem, dass jeder Europäer neben seiner Muttersprache zwei weitere Sprachen beherrscht. "Die beste Art, sprachlicher Intoleranz und Unsicherheit entgegenzuwirken", sagte Milošoski 2010, "sind das Erlernen von Sprachen und interkulturelles Verständnis, understanding auf Englisch, compréhension auf Französisch, skilningur auf Isländisch, mõistmine auf Estisch, tuiscint auf Irisch, zrozumienie auf Polnisch oder razbiranje auf Mazedonisch."
"Die Achtung anderer Sprachen, Kulturen und Identitäten ist die Voraussetzung, um einen Raum des gegenseitigen Respekts und der Zusammenarbeit in Europa zu schaffen", sagte Antonio Milošoski, Außenminister Mazedoniens, anlässlich des Europäischen Tages der Sprachen 2010. Etwa 140 Sprachen werden in Europa gesprochen, darunter Weltsprachen wie Englisch und Französisch sowie Kleinstsprachen wie Saterfriesisch und Zimbrisch.
Diese Sprachvielfalt zu würdigen und zu erhalten sowie die Menschen zum lebenslangen Sprachenlernen zu animieren, ist Ziel des Europäischen Tages der Sprachen. Entstanden ist der Tag auf Initiative des Europarats, seit 2001 wird er alljährlich am 26. September begangen.
Allerdings ist es nicht der Europarat, der Veranstaltungen zum Tag der Sprachen organisiert: Kommunen, Kulturinstitutionen, Vereine und Privatpersonen sind aufgerufen, Programme zu entwerfen. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Filmvorführungen, Ausstellungen, Expertengespräche sind ebenso denkbar wie Aufrufe zum gemeinsamen Singen fremdsprachiger Lieder, Schnupperstunden an Sprachschulen und das Näherbringen von Bräuchen aus anderen Ländern.
Ziel der Sprachpolitik des Europarats ist unter anderem, dass jeder Europäer neben seiner Muttersprache zwei weitere Sprachen beherrscht. "Die beste Art, sprachlicher Intoleranz und Unsicherheit entgegenzuwirken", sagte Milošoski 2010, "sind das Erlernen von Sprachen und interkulturelles Verständnis, understanding auf Englisch, compréhension auf Französisch, skilningur auf Isländisch, mõistmine auf Estisch, tuiscint auf Irisch, zrozumienie auf Polnisch oder razbiranje auf Mazedonisch."
Infobox
Wann ist eine Sprache bedroht?
So einfach diese Frage auch zu beantworten scheint: Die Faktoren, die zum Sterben einer Sprache führen, sind komplex, und der Gefährdungsgrad einer Sprache lässt sich nicht allein anhand der Sprecherzahl bestimmen. Die UNESCO setzte 2002 ein Expertengremium ein, das neun Kriterien für die Dynamik und Überlebensfähigkeit von Sprachen identifizierte:
- Weitergabe der Sprache unter den Generationen: Geben Eltern und Großeltern die Sprache an die jüngste Generation weiter?
- absolute Sprecherzahl
- Anteil der Sprecher in der Gesamtbevölkerung
- Lebensbereiche, in denen die Sprache gebraucht wird: Wird die Sprache nur in der Familie gesprochen oder ist sie auch für Arbeit, Ausbildung, Medien, öffentliche Angelegenheiten relevant?
- Reaktion auf neue Domänen und Medien: Dringt die Sprache in neue Medien wie Internet und Social Media vor?
- Verfügbarkeit von Materialien zum Erlernen der Sprache: Wird die Sprache an der Schule gelehrt, gibt es Grammatik- und Wörterbücher, Literatur und Alltagsmedien?
- Einstellung von Regierungen und Institutionen zur Sprache: Ist die Sprache gesetzlich geschützt? Hat sie offiziellen Status, wird sie für Amtsgeschäfte verwendet?
- Einstellung der Gemeinschaft zu ihrer Sprache: Setzt sich die Gemeinschaft für den Erhalt ihrer Sprache ein?
- Art und Qualität der Dokumentation: Wie umfassend sind Grammatik- und Wörterbücher sowie Audio- und Videoaufnahmen der Sprache?
Die Kriterien der UNESCO-Expertengruppe sind nicht nur nützlich im Bestimmen der Gefährdung einer Sprache, sie geben auch Anregungen, wie eine Sprache geschützt und wieder belebt werden kann: etwa durch das Erstellen von Lehrmaterial, das Gründen von Zeitungen und Fernsehsendern, das Aufwerten zur Unterrichtssprache. Viele Gemeinschaften gehen inzwischen diese Wege, um ihre Sprache am Leben zu erhalten.
So einfach diese Frage auch zu beantworten scheint: Die Faktoren, die zum Sterben einer Sprache führen, sind komplex, und der Gefährdungsgrad einer Sprache lässt sich nicht allein anhand der Sprecherzahl bestimmen. Die UNESCO setzte 2002 ein Expertengremium ein, das neun Kriterien für die Dynamik und Überlebensfähigkeit von Sprachen identifizierte:
- Weitergabe der Sprache unter den Generationen: Geben Eltern und Großeltern die Sprache an die jüngste Generation weiter?
- absolute Sprecherzahl
- Anteil der Sprecher in der Gesamtbevölkerung
- Lebensbereiche, in denen die Sprache gebraucht wird: Wird die Sprache nur in der Familie gesprochen oder ist sie auch für Arbeit, Ausbildung, Medien, öffentliche Angelegenheiten relevant?
- Reaktion auf neue Domänen und Medien: Dringt die Sprache in neue Medien wie Internet und Social Media vor?
- Verfügbarkeit von Materialien zum Erlernen der Sprache: Wird die Sprache an der Schule gelehrt, gibt es Grammatik- und Wörterbücher, Literatur und Alltagsmedien?
- Einstellung von Regierungen und Institutionen zur Sprache: Ist die Sprache gesetzlich geschützt? Hat sie offiziellen Status, wird sie für Amtsgeschäfte verwendet?
- Einstellung der Gemeinschaft zu ihrer Sprache: Setzt sich die Gemeinschaft für den Erhalt ihrer Sprache ein?
- Art und Qualität der Dokumentation: Wie umfassend sind Grammatik- und Wörterbücher sowie Audio- und Videoaufnahmen der Sprache?
Die Kriterien der UNESCO-Expertengruppe sind nicht nur nützlich im Bestimmen der Gefährdung einer Sprache, sie geben auch Anregungen, wie eine Sprache geschützt und wieder belebt werden kann: etwa durch das Erstellen von Lehrmaterial, das Gründen von Zeitungen und Fernsehsendern, das Aufwerten zur Unterrichtssprache. Viele Gemeinschaften gehen inzwischen diese Wege, um ihre Sprache am Leben zu erhalten.



