Kleines Glück im Unglück
Schwermütige Klänge, stolze Posen, glühende Blicke - weltweit schätzen Millionen Glamour und Eleganz des Tangos. Dabei sind die Ursprünge des südamerikanischen Tanzes alles andere als glamourös.Die Zeit steht still; ein Augenblick, ins Unendliche gedehnt. Bewegungslos fixieren sich ihre Blicke, in diesem Moment gibt es nur sie: Ein Mann und eine Frau umkreisen sich lauernd, lassen ihre Körper einander ertasten; stoßen sich ab, um nur einen Atemzug später wieder miteinander zu verschmelzen. Sie verstehen sich ohne Worte; ihre Sprache ist der Welt sinnlichster Tanz: Tango.
Im Tango vereinen sich Leidenschaft und Begehren, Melancholie und Wut. Der Tango ist ein Spiel, Duell zweier Seelen und zweier Willen. Doch es geht nicht nur um Macht, um Beherrschung und Unterwerfung; vielmehr prägen Erotik, Liebe und Hingabe den Tango. Und die Einsamkeit und Sehnsucht von Menschen, die einst von einem besseren Leben träumten.
An den Ufern des Rio de la Plata
Der Tango, jenes tief wurzelnde Lebensgefühl, entsteht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Südamerika: in Buenos Aires und in den Hafenstädten am Rio de la Plata. Hier treffen sie aufeinander: Indianer, Kreolen und europäische Einwanderer. Letztere sind den wirtschaftlichen und sozialen Problemen ihrer Heimat entflohen, wollen in der Neuen Welt Land besiedeln, ihr Glück machen.
Rund sechzigtausend Immigranten, meist einfache Leute, kommen jährlich nach Argentinien; bis zum Ersten Weltkrieg vervierfacht sich die Bevölkerungszahl. Doch werden die Hoffnungen der Glücksuchenden schon bald enttäuscht. Was sie nicht wussten: Das Land teilen sich wenige Großgrundbesitzer; noch freie Parzellen sind unbezahlbar.
Also bleiben sie in den Städten, siedeln hier im Arrabal, am Stadtrand. Die Mischung aus Völkern und Kulturen ist explosiv, Feindseligkeiten und Kriminalität sind an der Tagesordnung.
Auf Tuchfühlung
Vereint werden die einfachen Leute nur in der Ausgrenzung und Diskriminierung durch die Gente Decente, die "gute Gesellschaft". Zum sozialen Elend gesellt sich Einsamkeit: Die meist männlichen Immigranten sind alleinstehend oder mussten ihre Familien in Europa lassen. In dieser Atmosphäre entsteht der Tango: als Ausdruck von Entbehrung, Sehnsucht und Schicksal. Im Tanz kann der einsame, verlassene Mann mit den wenigen Frauen, oft Prostituierte, auf Tuchfühlung gehen, sich seiner Leidenschaft hingeben.
Die Oberschicht lehnt den Tanz aus den Armenvierteln und Freudenhäusern als verkommen und verrucht ab. Es ist aber nicht nur die Herkunft des Tango - vor allem sein wichtigstes Charakteristikum ruft Missbilligung hervor: Der enge Körperkontakt, die leidenschaftliche Umarmung der Tänzer, ist zu jener Zeit Tabu.
Umweg über Europa
Gesellschaftsfähig wird der Tango in Argentinien erst nach einem Umweg über Europa. Hier erobert er ab 1912 die feinen Salons von Paris, Berlin und London. Und da man in Buenos Aires schon immer nach Europa schielte, gewährt die feine Gesellschaft dem Tango schließlich Einzug in ihre Kreise. Einiger anrüchiger Posen beraubt, wird der Tanz eleganter, glamouröser - und im Laufe der nächsten Jahrzehnte zur Massenbewegung.
Bis Mitte des letzten Jahrhunderts erfährt Argentinien einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Die neu entstandene Mittelschicht vergnügt sich beim Tanz in unzähligen Cafés, Bars und Salons. Auch das Radio erhöht die Popularität des Tango. Doch während Argentinien die "goldene Ära des Tango" erlebt, verebbt der Boom in Europa wieder. Erst die großen Bühnenshows mit professionellen Tänzern läuten hier um 1970 eine Renaissance des Tango ein.
Rock 'n' Roll statt Tango
Um 1955 hat der Tango allerdings auch in Argentinien ausgedient; die politische und wirtschaftliche Lage des Landes verschlechtert sich - mit Auswirkungen auf Gesellschaftsleben und Musik: Öffentliche Veranstaltungen sind unter der neuen Militärdiktatur verboten - wobei Geld für Vergnügungen sowieso kaum übrig ist. Und die Jugend steht zu dieser Zeit mehr auf Rock 'n' Roll als auf den Tanz der alten Generation.
Nie aber war der Tango in Argentinien ganz vergessen, empfinden ihn viele hier doch als nationales Erbe. In den letzten Jahren steigt seine Bedeutung sogar wieder: In Zeiten wirtschaftlicher Krisen wirkt das raffinierte Spiel der Körper im Rhythmus wehmütiger Melodien wie eh und je als geeignetes Mittel: um Gemeinschaft zu stiften, um der Realität zu entfliehen und um dem Leben ein wenig Glück einzuhauchen.
Ulrike Wolf (aktualisiert 23.04.2010)
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Finnischer Tango
Ein ganzes Land im Tango-Fieber: Seit 1985 treffen sich in der finnischen Stadt Seinäjoki jährlich mehr als hunderttausend Tanzfans zum Tangomarkt. Das Festival ist das größte seiner Art in Europa. Die ganze Stadt wird dabei zur Tanzfläche; das staatliche Fernsehen überträgt die Veranstaltung und zweieinhalb Millionen Finnen schauen zu.
Tango und Finnland - der sinnliche Tanz und die eher zurückhaltenden Nordeuropäer, es scheint nicht wirklich zusammenzupassen. Tatsache ist aber: Finnland ist die europäische Tangonation. Die Finnen lieben eben sentimentale, melancholische Musik. Der Tango trifft da genau den Nerv.
Ihre Art, Tango zu tanzen, unterscheidet sich jedoch deutlich von jener der Argentinier: Die Skandinavier verlangsamten den Tanz, was es den finnischen Männern erlaubt, auf elegante Posen zu verzichten und stattdessen mit der Partnerin eher gemächlich über die Tanzfläche zu schreiten.
Dafür sind die Texte der Lieder umso pathetischer: Sie handeln meist von Trennungsschmerz, von persönlichen Schicksalen oder vom Tod.
Ein ganzes Land im Tango-Fieber: Seit 1985 treffen sich in der finnischen Stadt Seinäjoki jährlich mehr als hunderttausend Tanzfans zum Tangomarkt. Das Festival ist das größte seiner Art in Europa. Die ganze Stadt wird dabei zur Tanzfläche; das staatliche Fernsehen überträgt die Veranstaltung und zweieinhalb Millionen Finnen schauen zu.
Tango und Finnland - der sinnliche Tanz und die eher zurückhaltenden Nordeuropäer, es scheint nicht wirklich zusammenzupassen. Tatsache ist aber: Finnland ist die europäische Tangonation. Die Finnen lieben eben sentimentale, melancholische Musik. Der Tango trifft da genau den Nerv.
Ihre Art, Tango zu tanzen, unterscheidet sich jedoch deutlich von jener der Argentinier: Die Skandinavier verlangsamten den Tanz, was es den finnischen Männern erlaubt, auf elegante Posen zu verzichten und stattdessen mit der Partnerin eher gemächlich über die Tanzfläche zu schreiten.
Dafür sind die Texte der Lieder umso pathetischer: Sie handeln meist von Trennungsschmerz, von persönlichen Schicksalen oder vom Tod.
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Virtuose am Bandoneon
Dein Klang ist wie die Liebe, die nicht kam / wie der Himmel, den wir uns einst erträumt / und wie er unterging, der gute Freund / ächzend im Schiffbruch der Leidenschaft, heißt es in einem Lied über die Seele des argentinischen Tango: das Bandoneon. Benannt ist das Instrument nach dem Musiklehrer Heinrich Band, der es 1840 aus der Konzertina entwickelte.
72 Tasten erzeugen 144 Töne - Töne, die sich zu einer melancholischen Klangfarbe verbinden und im argentinischen Tango ihren tiefsten Ausdruck finden. Hier gehört das Bandoneon zum Grundinstrument der Tanzkapellen.
Ein Virtuose des Bandoneon-Spiels war Astor Piazzolla (1921 bis 1992). Der Argentinier verband seine Liebe zum Jazz mit dem Tango. So entwickelte Piazzolla den traditionellen Tango weiter, was ihm in seiner Heimat anfangs noch verübelt wurde; Anklang fand der Tango nuevo zunächst nur in Europa.
Doch gegen Ende seines Lebens galt Piazzolla in Argentinien als Nationalheld. Sein Aufgreifen und Kombinieren diverser Musikrichtungen machte den Komponisten zur musikalischen Persönlichkeit, ebenso sein unverkennbarer Stil: schwermütige Musik, die gleichwohl voller Energie, Sinnlichkeit und Lebenslust steckt.
Dein Klang ist wie die Liebe, die nicht kam / wie der Himmel, den wir uns einst erträumt / und wie er unterging, der gute Freund / ächzend im Schiffbruch der Leidenschaft, heißt es in einem Lied über die Seele des argentinischen Tango: das Bandoneon. Benannt ist das Instrument nach dem Musiklehrer Heinrich Band, der es 1840 aus der Konzertina entwickelte.
72 Tasten erzeugen 144 Töne - Töne, die sich zu einer melancholischen Klangfarbe verbinden und im argentinischen Tango ihren tiefsten Ausdruck finden. Hier gehört das Bandoneon zum Grundinstrument der Tanzkapellen.
Ein Virtuose des Bandoneon-Spiels war Astor Piazzolla (1921 bis 1992). Der Argentinier verband seine Liebe zum Jazz mit dem Tango. So entwickelte Piazzolla den traditionellen Tango weiter, was ihm in seiner Heimat anfangs noch verübelt wurde; Anklang fand der Tango nuevo zunächst nur in Europa.
Doch gegen Ende seines Lebens galt Piazzolla in Argentinien als Nationalheld. Sein Aufgreifen und Kombinieren diverser Musikrichtungen machte den Komponisten zur musikalischen Persönlichkeit, ebenso sein unverkennbarer Stil: schwermütige Musik, die gleichwohl voller Energie, Sinnlichkeit und Lebenslust steckt.



