Nutze den Tag!
Lange waren vor allem Sonne und Mond Zeitgeber des Menschen. Erst mechanische Uhren funktionierten unabhängig von der natürlichen Umwelt und wurden Auslöser eines Wandels.Die Erfindung der mechanischen Uhr: Bis heute ist es nicht gelungen, Zeit und Umstände dieses technischen Durchbruchs zu ermitteln. Wahrscheinlich geschah es an der Wende des 13. zum 14. Jahrhundert, und wahrscheinlich in einem Kloster.
Denn nur in Schriften hoch gebildeter Mönche ist damals von Zeitmessung und von Zeitmessgeräten die Rede. Die Beschäftigung mit der Zeit war für das Leben im Kloster wichtig: Täglich galt es ja, mindestens einen Zeitpunkt exakt zu bestimmen.
Vom pünktlichen Weckruf zu den frühmorgendlichen Gebeten hingen alle liturgischen Pflichten der Mönche ab. Ein verlässlicher Klosterbruder war mit dieser Aufgabe betraut und orientierte sich an verschiedenen Dingen: Es gab Hahnenschreie zum Tagesanbruch und den Sternenlauf.
Gehemmte Zeit
Notfalls und bei bedecktem Himmel sang man wiederholt gleich lange Psalmen und behielt so das Zeitgefühl. Wasser- und Sanduhren wurden üblich, oder Uhren, deren Prinzip das Abbrennen von Substanzen ist. Wasseruhren enthielten schon mechanische Elemente, wie Zahngetriebe, Gewichte und Rollen.
Uhren mit mechanischen Komponenten waren also längst erfunden. Dennoch stellte die mechanische Uhr, auch Räderuhr genannt, etwas grundlegend Neues dar. Charakteristisch ist für sie die so genannte Hemmung.
Dabei handelt es sich um einen Mechanismus, der den Ablauf der Antriebsenergie derart bremst und in gleichförmige Bewegungen verwandelt, dass der Zeitfluss in regelmäßige Abstände unterteilt wird, welche gezählt werden können. Fortan rinnt Zeit nicht mehr ungehemmt dahin wie der Sand in der Sanduhr, Zeit tickt!
Die neuen, mechanischen Uhren blieben nicht lange ausschließlich Klöstern vorbehalten. Städte in Italien, Frankreich und England leisteten sich bald solche Uhren und befestigten sie an den Symbolen kommunaler Autonomie, zum Beispiel an Stadtturm und Glockengestell.
Die Zeitmesser schrumpfen
Die zentrale, von überall sichtbare Uhr wurde wichtigstes Ordnungsmittel der Stadt. Sie löste verschieden klingende Glockensignale ab und gestattete allen Bewohnern das einheitliche Strukturieren des Tages. Ab dem Beginn des 15. Jahrhunderts schafften auch wohlhabende Haushalte Räderuhren an. Technisch verwandt mit der Turmuhr, war die Räderuhr deren kleinere Schwester.
Erst die Erfindung von Federzugantrieb und Schnecke am Ende des 15. Jahrhunderts ließ Uhrenentwürfe dramatisch schrumpfen: Schwere, senkrecht hängende Gewichte, die bis dahin die Antriebsenergie lieferten, waren jetzt überflüssig. Moderne Zeitmesser funktionierten nun in nahezu jeder Lage und bedienten das neue Bedürfnis nach Mobilität.
Je kleiner die Uhren sein sollten, um so mehr genossen Uhrmacher den Ruf von Künstlern: Der Nürnberger Peter Henlein (1480 bis 1542), um 1509 noch Meister bei den Nürnberger Schlossern, gehörte zu den Leuten, die der Zunft Ansehen und Einfluss verschafften.
Allerdings war die Uhr niemals Selbstzweck, immer ging es um den Zusammenhang zwischen Zeit und Frömmigkeit: Kirchenordnungen legten ab dem 16. Jahrhundert exakte Zeiten für Gottesdienste, Schulstunden, Hochzeiten und Beerdigungen fest.
Der Diktator und seine Uhren
Es war der Reformator Johannes Calvin (1509 bis 1564), der das Prinzip auf die Spitze trieb: Als religiöser Diktator von Genf schrieb Calvin seinen Untertanen gottgefälliges Nutzen aller Stunden des Tages vor. Zudem wollte Calvin Schlichtheit - daher kommt das Wort Puritanismus - im Kirchengebäude und in der äußeren Erscheinung.
Johannes Calvin: Er erfand nicht die Uhr, aber das Diktat der Zeit. (unbekannter Maler, 16. Jahrhundert)
Fast könnte man sagen, der Genfer Diktator erfand das Diktat der Zeit. Und dieses Diktat entwickelte erstaunliche Eigendynamik, wurde strenger und strenger: Anfangs halbierte, drittelte oder viertelte man die Stunde. Dann kamen der Minuten- und der Sekundenzeiger hinzu.
Nach Minuten und Sekunden bewegt sich der Mensch in der Epoche der Industrie, ab dem 18. Jahrhundert. Vorbild ist der Takt der Maschinen. Unwiderruflich bestimmt von da an eine mächtige Vorschrift das menschliche Leben: Carpe diem! Nutze den Tag! Nutze die Stunde, die Minute und die Sekunde!
Bettina Ruhland (aktualisiert 22.02.2012)
Infobox
Die Weltzeit
Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Europa Unmengen verschiedener Ortszeiten. Das bewirkte Zeitverschiebungen von einer bis zu mehreren Minuten zwischen nur wenige Dutzend Kilometer voneinander entfernten Orten.
Katastrophal wirkte sich das auf die Eisenbahnfahrpläne aus. Jeder Zug nahm seine Ortszeit mit auf die Reise, so dass es auf den Bahnhöfen von verschiedenen Zeiten nur so wimmelte.
Aus diesem Grund führte man 1884 für die ganze Welt eine gemeinsame Zeitorientierung ein und einigte sich auf die Greenwich-Zeit (GMT = Greenwich Mean Time). Zwölf Uhr mittags ist es prinzipiell dann - wenn es in Greenwich zwölf Uhr mittags ist.
Der Ort ist ein Stadtteil von London und liegt auf dem so genannten Nullmeridian. Folglich ist der Meridian von Greenwich Bezugsmeridian der Weltzeit. Relativ zu ihm sind verschiedene Zeitzonen definiert.
Heute ist die Bezeichnung Koordinierte Weltzeit (UTC) an die Stelle des Begriffs Greenwich Mean Time getreten. Auch sie bezieht sich auf den Nullmeridian. Die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) beträgt UTC plus 1 Stunde, die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) UTC plus 2 Stunden.
Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Europa Unmengen verschiedener Ortszeiten. Das bewirkte Zeitverschiebungen von einer bis zu mehreren Minuten zwischen nur wenige Dutzend Kilometer voneinander entfernten Orten.
Katastrophal wirkte sich das auf die Eisenbahnfahrpläne aus. Jeder Zug nahm seine Ortszeit mit auf die Reise, so dass es auf den Bahnhöfen von verschiedenen Zeiten nur so wimmelte.
Aus diesem Grund führte man 1884 für die ganze Welt eine gemeinsame Zeitorientierung ein und einigte sich auf die Greenwich-Zeit (GMT = Greenwich Mean Time). Zwölf Uhr mittags ist es prinzipiell dann - wenn es in Greenwich zwölf Uhr mittags ist.
Der Ort ist ein Stadtteil von London und liegt auf dem so genannten Nullmeridian. Folglich ist der Meridian von Greenwich Bezugsmeridian der Weltzeit. Relativ zu ihm sind verschiedene Zeitzonen definiert.
Heute ist die Bezeichnung Koordinierte Weltzeit (UTC) an die Stelle des Begriffs Greenwich Mean Time getreten. Auch sie bezieht sich auf den Nullmeridian. Die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) beträgt UTC plus 1 Stunde, die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) UTC plus 2 Stunden.
Infobox
Kindheit und Zeit
Bis zur dritten Lebenswoche fehlt beim Menschen jedes Verständnis für die Gliederung von Zeit. Erst in der dritten bis vierten Woche passt sich der Säugling an den 24-Stunden-Tag-Nacht-Zyklus an.
Mit eineinhalb bis zwei Jahren kommt es zum wirklichen Empfinden von zeitlicher Reihenfolge und unterschiedlicher Dauer. Damit entsteht das Bewusstsein von "Jetzt".
Mit drei Jahren beginnt die Gliederung des Tages in Funktionsabschnitte. Mit vier Jahren können Geschehnisse in ein Tageszeitgitter eingegliedert werden.
Mit fünf Jahren prägen Kinder sich schon die Folge und Bedeutung der Wochentage ein. Wenig später wird der Mensch mit der Uhr und ihrer Stundeneinteilung vertraut. Nun begreifen Heranwachsende die Phänomene von Dauer, Gleichzeitigkeit und Reihenfolge.
Mit sechs Jahren erst verstehen Menschen den linearen Charakter der Zeitachse - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Zwischen dem zehnten und zwölften Jahr kommt der Aufbau des Zeitsinns zum Abschluss: Zeit ist erlernt!
Bis zur dritten Lebenswoche fehlt beim Menschen jedes Verständnis für die Gliederung von Zeit. Erst in der dritten bis vierten Woche passt sich der Säugling an den 24-Stunden-Tag-Nacht-Zyklus an.
Mit eineinhalb bis zwei Jahren kommt es zum wirklichen Empfinden von zeitlicher Reihenfolge und unterschiedlicher Dauer. Damit entsteht das Bewusstsein von "Jetzt".
Mit drei Jahren beginnt die Gliederung des Tages in Funktionsabschnitte. Mit vier Jahren können Geschehnisse in ein Tageszeitgitter eingegliedert werden.
Mit fünf Jahren prägen Kinder sich schon die Folge und Bedeutung der Wochentage ein. Wenig später wird der Mensch mit der Uhr und ihrer Stundeneinteilung vertraut. Nun begreifen Heranwachsende die Phänomene von Dauer, Gleichzeitigkeit und Reihenfolge.
Mit sechs Jahren erst verstehen Menschen den linearen Charakter der Zeitachse - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Zwischen dem zehnten und zwölften Jahr kommt der Aufbau des Zeitsinns zum Abschluss: Zeit ist erlernt!





