Tableau & Tingel-Tangel
Théâtre des varietés, Theater der Buntheiten: So nennen Franzosen diese Art der Unterhaltung. Die "Einheit der Vielfalt" ist dabei das Grundprinzip - eine bunte Mischung aus Akrobatik, Magie, Komik, Tanz und Gesang.Henri de Toulouse-Lautrec, Stammgast des berühmten Moulin Rouge, malte 1891 dieses Plakat für das Pariser Varieté.
Richtig begeistern können sich die Gäste für die Apparatur auf der Bühne, einen so genannten Kinematographen, nicht. Die Geschichte von Flucht und Verfolgung, die ihnen gerade gezeigt wird, kennen sie aus dem Zirkus. Außerdem stört das Flimmern; ständig hüpfen und wackeln die Bilder. Doch was die Berliner da sehen, ist eine Sensation: die erste Kinovorführung der Welt.
Was aus den lebenden Bildern einmal werden würde, ahnte an diesem Abend wohl kaum jemand - und den Anfang vom Ende der Varieté-Kultur hat in dem kleinen Pausenfüller ganz sicher keiner vermutet.
Gesellige Unterhaltung und gemeinsamer Konsum
Das Varieté hat seinen Ursprung in den englischen Pub- and Saloon-Theatres in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In Zeiten zunehmender Industrialisierung und Urbanisierung suchte das aufstrebende Bürgertum einen Ort, an dem es sein Bedürfnis nach Unterhaltung befriedigen konnte. Traditionelle Unterhaltungsformen wie Theater und Tanz waren bis dahin Adel und Militär vorbehalten. Doch immer mehr wurden Kultur und Kunst den Interessen der breiten Masse angepasst.
In den entstehenden Kneipenvarietés verband sich gesellige Unterhaltung mit gemeinsamem Konsum. Hier auftretende Künstler hatten es nicht leicht, wurde doch vom Publikum weder Stillschweigen noch Aufmerksamkeit verlangt. Was zählte, war der Umsatz des Wirtes und die Kommunikation der Gäste. Eintritt musste das Publikum nicht bezahlen, um das bunte Programm aus Akrobaten, Taschenspielern, Balletteusen und Animierdamen zu sehen.
Prunkvolle Paläste
Am beliebtesten waren komische Einlagen, doch bis Ende des 19. Jahrhunderts blieben auch sie mehr eine Zugabe zur Gastronomie. Erst mit der Entstehung prunkvoller Varieté-Paläste begann die Kommerzialisierung des Genres - und damit auch seine Blütezeit.
Die Comedian Harmonists im Jahre 1930: Zu jener Zeit waren sie die Stars auf den Varietébühnen Deutschlands.
Französische Elemente
Seit Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts warben lebende Bilder aus Menschen, so genannte Tableaus, um die Gunst der Zuschauer. Solche luxuriösen Spektakel bestachen mit Hunderten von Tänzerinnen in aufwändigen Kostümen, die vor dem Publikum "Revue passierten". Zentrales Bühnenelement wurde die Showtreppe, über die die exotisch und knapp kostümierten Girls im Gleichschritt herunterkamen.
Besonders im französischen Varieté konnte sich der fast nackte Körper als festes Element der Shows etablieren. Mit Tänzerinnen, deren einzige Bekleidungsstücke beispielsweise drei Muschelschalen aus Metall waren, erlebten Varietés wie das Moulin Rouge, das Casino de Paris oder das Folies Bergère bis in die Mitte der 1930er Jahre ihren Aufschwung.
Die kulturelle Mitte Deutschlands war Berlin. Um 1900 gab es hier etwa dreißig bis vierzig Varietétheater - im Volksmund Tingel-Tangel genannt. Die "Goldenen Zwanziger" verhalfen auch dem Varieté zur wahren Blüte. Programme waren international ausgerichtet, Häuser in London, Paris, Berlin und New York tauschten ihre Stars untereinander aus. Doch schon seit Ende des Ersten Weltkriegs musste sich das Varieté eines neuen Konkurrenten erwehren - des Films.
Völlig ins Aus
Was 1895 mit Max Skladanowskys Apparatur begonnen hatte, entwickelte sich nun zu einer richtigen Industrie. Varietés versuchten, sich der neuen Situation anzupassen: Überall entstanden Kino-Varietés, die neben klassischen Nummern auch Filme zeigten. Doch schnell wurden die Varietéelemente zum bloßen Beiwerk der filmischen Darbietung - bis sie schließlich völlig ins Aus gerieten.
Das Berliner Wintergarten-Varieté zählte zu den schönsten Europas, hier Mitte der 1940er Jahre.
Auch in Deutschland ging die Tradition des Varietés nicht völlig verloren: Bereits 1947 fand der Berliner Friedrichstadtpalast wieder sein nach Amüsement strebendes Publikum. Und seit den 1990er Jahren besinnen sich immer mehr junge Menschen der Varieté-Kultur: So baute der Künstler André Heller 1992 den im Krieg zerstörten Wintergarten wieder auf - zwar an einem neuen Standort, doch in alter Tradition. The show must go on!
Ulrike Wolf (aktualisiert 28.03.2012)
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Wichtiges Prestigeobjekt
Am 27. April 1984 wird in Berlin der neue Friedrichstadtpalast in Anwesenheit Erich Honeckers und anderer SED-Prominenz feierlich eingeweiht. Da kann das traditionsreiche Haus schon auf eine über einhundertjährige Geschichte zurückblicken: 1867 öffnete die erste Berliner Markthalle, die sich mit ihren riesigen Dimensionen jedoch als unrentabel erwies.
Daraus entstand ab 1873 eine Zirkusarena mit über fünftausend Plätzen. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ Regisseur Max Reinhardt sie zum Großen Schauspielhaus mit dreitausend Plätzen umbauen. 1924 wurde der Revuespezialist Erik Charell Direktor des Hauses. Von nun an sind atemberaubende Revuen das Markenzeichen des Friedrichstadtpalastes, wie das Varieté seit 1947 heißt.
Bis 1980 machen aufwändige Shows und Auftritte internationaler Stars, wie Louis Armstrong oder Ella Fitzgerald, das Haus über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Dann aber muss der Palast wegen maroder Bausubstanz schließen. Jedoch, als wichtiges Prestigeobjekt der DDR erlebt er vier Jahre später auf der anderen Seite der Friedrichstraße seine Wiederauferstehung.
Düster scheint die Zukunft des Hauses mit der politischen Wende 1989. Doch ein neues Konzept - die Mischung von traditioneller Revue mit modernen Showelementen - sorgt seit Jahren für fast vollständige Auslastung.
Am 27. April 1984 wird in Berlin der neue Friedrichstadtpalast in Anwesenheit Erich Honeckers und anderer SED-Prominenz feierlich eingeweiht. Da kann das traditionsreiche Haus schon auf eine über einhundertjährige Geschichte zurückblicken: 1867 öffnete die erste Berliner Markthalle, die sich mit ihren riesigen Dimensionen jedoch als unrentabel erwies.
Daraus entstand ab 1873 eine Zirkusarena mit über fünftausend Plätzen. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ Regisseur Max Reinhardt sie zum Großen Schauspielhaus mit dreitausend Plätzen umbauen. 1924 wurde der Revuespezialist Erik Charell Direktor des Hauses. Von nun an sind atemberaubende Revuen das Markenzeichen des Friedrichstadtpalastes, wie das Varieté seit 1947 heißt.
Bis 1980 machen aufwändige Shows und Auftritte internationaler Stars, wie Louis Armstrong oder Ella Fitzgerald, das Haus über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Dann aber muss der Palast wegen maroder Bausubstanz schließen. Jedoch, als wichtiges Prestigeobjekt der DDR erlebt er vier Jahre später auf der anderen Seite der Friedrichstraße seine Wiederauferstehung.
Düster scheint die Zukunft des Hauses mit der politischen Wende 1989. Doch ein neues Konzept - die Mischung von traditioneller Revue mit modernen Showelementen - sorgt seit Jahren für fast vollständige Auslastung.
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Die Comedian Harmonists...
waren in den 1920er und 1930er Jahren die Stars deutscher Varieté-Revuen. Was im Jahr 1928 in einer Berliner Mansarde begann, sollte sich schnell zum Geheimtipp entwickeln.
Im Großen Schauspielhaus des Berliner Varieté-Königs Erik Charell hatten Robert Biberti, Ari Leschnikoff, Erwin Bootz, Roman Cycowsky, Harry Frommermann und Walter Nußbaum (der 1929 von Erich Collin ersetzt wurde) ihren ersten Auftritt.
Bald engagierten alle renommierten Häuser Berlins die Gruppe. Es folgten ausgedehnte Konzerttourneen und Filmangebote - und sogar ein Auftritt in der altehrwürdigen Berliner Philharmonie. Doch mit dem Machtantritt der Nazis Januar 1933 begannen die Verbote - drei Mitglieder waren Juden.
Ab Mai 1934 blieb jeglicher Auftritt auf deutschen Bühnen versagt. Nun hielt sich die Gruppe mit Auslandsauftritten über Wasser. 1935 schließlich trennten sich die Comedian Harmonists, die drei jüdischen Mitglieder gingen ins Ausland. Gemeinsame Auftritte gab es niemals wieder.
waren in den 1920er und 1930er Jahren die Stars deutscher Varieté-Revuen. Was im Jahr 1928 in einer Berliner Mansarde begann, sollte sich schnell zum Geheimtipp entwickeln.
Im Großen Schauspielhaus des Berliner Varieté-Königs Erik Charell hatten Robert Biberti, Ari Leschnikoff, Erwin Bootz, Roman Cycowsky, Harry Frommermann und Walter Nußbaum (der 1929 von Erich Collin ersetzt wurde) ihren ersten Auftritt.
Bald engagierten alle renommierten Häuser Berlins die Gruppe. Es folgten ausgedehnte Konzerttourneen und Filmangebote - und sogar ein Auftritt in der altehrwürdigen Berliner Philharmonie. Doch mit dem Machtantritt der Nazis Januar 1933 begannen die Verbote - drei Mitglieder waren Juden.
Ab Mai 1934 blieb jeglicher Auftritt auf deutschen Bühnen versagt. Nun hielt sich die Gruppe mit Auslandsauftritten über Wasser. 1935 schließlich trennten sich die Comedian Harmonists, die drei jüdischen Mitglieder gingen ins Ausland. Gemeinsame Auftritte gab es niemals wieder.



