Der Großinquisitor
Jesus, Gottes Sohn, schenkte den Menschen die Freiheit. So glaubten und glauben es viele. Doch die blanke Logik der Macht lässt von Freiheit oft wenig übrig.Tomàs de Torquemada, der Meister der Inquisitoren, lebte von 1420 bis 1498.
Vor dem Dom erkennen ihn Menschen, jubeln ihm zu. Da betritt ein alter, weißhaariger Mann die Szene. Es ist der Großinquisitor. Kriegsknechte begleiten ihn. Die Menge fällt vor ihm auf den Boden, der Greis lässt Jesus verhaften, in den Kerker werfen und kündigt ihm den Tod auf dem Scheiterhaufen am kommenden Morgen an.
Der Schlüssel-Monolog
In der Nacht drängt es den Großinquisitor, sich vor Gottes Sohn - denn er hat Jesus natürlich ebenfalls erkannt - zu rechtfertigen. Der Monolog des Großinquisitors ist ein Schlüsseltext für jeden, der sich mit der Denkweise der Macht beschäftigen will:
Jeder Mensch sei zwar frei geboren, strebe aber nur danach, diese ungeheure Last endlich in fremde Hände zu legen. Als Jesus den Menschen die Freiheit brachte, habe er ihnen eine Bürde aufgeladen, für die sie zu schwach seien. Erst er, der Großinquisitor - und Seinesgleichen - hätten das Werk des Gottessohns, die Menschen zum Glück zu führen, zu vollenden begonnen - als sie ihnen die Freiheit wieder nahmen. Er fordert von Jesus, dieses gewaltige Projekt nicht zu stören, das erst am Anfang stünde.
Hüter des Geheimnisses
"Und alle werden glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, werden unglücklich sein. Es wird Tausende von Millionen glücklicher Kinder geben und hunderttausend Dulder... Still werden sie sterben... und jenseits des Grabes nur den Tod finden. Aber das werden wir geheim halten und werden die Menschen zu ihrem Glück durch die Verheißung einer ewigen, himmlischen Belohnung locken. Denn selbst wenn es etwas im Jenseits gäbe, so würde es doch sicherlich nicht für solche wie sie sein..."
Der Kuss Jesus'
"Und wir, die wir um ihres Glückes willen ihre Sünde auf uns genommen haben, wir werden vor Dich hintreten und zu Dir sagen: 'Verurteile uns, wenn Du das kannst und wagst!' Wisse, dass auch ich in der Wüste war, dass auch ich die Freiheit segnete..."
Jesus küsst ihn auf die Stirn. Der Greis erschrickt und entlässt seinen Gefangenen in die Nacht: "Geh weg und komme nicht mehr wieder, niemals, niemals..."
Michael Schmittbetz (30.10.2003)


