Ketzer und Inquisitoren
Überall wurden und werden Menschen allein ihres unbequemen Denkens wegen verfolgt. Wie unter dem Zeichen des Eigentums die Inquisition entstand, darum geht es hier.Dominikanermönche bei der Inquisition: Ausschnitt aus einem Gemälde von Pedro Berreguete. (Museo del Prado, um 1490)
Der Grund ist leicht einzusehen, liest man Berichte aus dieser Zeit: Bitter arm waren die meisten Bewohner Europas, nur Hoffnung auf ein besseres Jenseits hielt sie am Leben.
Ohne irdische Güter
Die Kirche aber ging den Weg zum irdischen Reichtum. Päpste, Kardinäle und mancher Bischof standen weltlichen Herrschern kaum nach in puncto Glamour und Macht. Jesus jedoch, so sagt es deutlich die Bibel, war ohne irdische Güter! Der Widerspruch, für jedermann sichtbar, barg soziales Dynamit.
Von den frühen Ketzern im Geiste der Armut wissen wir wenig. Und was wir wissen, stammt aus den Archiven der Inquisition. Es ist die Sicht der Sieger. Was wir wissen, hört sich so an: Vom Beginn des 11. bis noch ins 14. Jahrhundert erschütterten Revolten das Abendland. Katharer nannte man die wichtigste Rebellengruppe. Sie stellte, vor allem im Süden Frankreichs, die Ordnung auf den Kopf.
Abgeleitet ist das Wort vom griechischen katharoi, "die Reinen". Ohne privates Eigentum zu leben, das war, in klarem Gegensatz zur mächtigen römischen Glaubenskonkurrenz, ihr Ideal. Andere Gruppen schlossen sich an: Albigenser, Waldenser - die Zahl der Namen ist groß.
Männer in mönchischen Kutten
Städte kamen unter ihren Einfluss, Burgen wurden besetzt und Kirchen-Ländereien. Die Antwort der Kirche lag im Totalangriff. Im Bund mit weltlichen Mächten begann sie 1208 den Kreuzzug nach Südfrankreich. In diesem Krieg, er dauerte bis 1229, töteten Kreuzfahrer im Languedoc über eine Million Menschen, legten blühende Städte und Dörfer in Trümmer. Die Katharer wurden ausradiert.
Nach den Panzerreitern des Papstes und der Fürsten kamen Männer in mönchischen Kutten. Sie waren die ersten Inquisitoren. Ihre Stärke lag nicht im Schwertarm, sondern in der richtigen Frage am richtigen Ort. Und in dem richtigen, verächtlich machenden Wort: Aus Katharern wurden Ketzer.
Letzter großer Zufluchtsort der Katharer war die Burg Montsegur. 1244 musste sie kapitulieren.
Was aber wären Sieger wert, die sich bloß auf das Schwert und auf Standgerichte verließen? Weit subtiler und wirksamer ist es doch, den Besiegten ihre Idee zu rauben, sie aufzunehmen, zu verwässern und dann umzukehren. Schlauerweise traten die erfolgreichsten päpstlichen Abgesandten selbst als arme Wanderprediger auf.
Mit von der Partie war auch ein gewisser Dominikus, Begleiter des Bischofs von Osma. Dominikus gefiel es im Languedoc, er begann, eine Gemeinschaft päpstlich-loyaler Prediger zu organisieren. So entstand, im Jahr 1216, der Orden der Dominikaner. Und Dominikaner wurden, über Jahrhunderte hinweg, die Hauptstützen der Inquisition.
Interpol gegen Ketzer?
Inquisitoren, meist in der schlichten Kutte des Heiligen Dominikus, schwärmten bald über die wichtigsten Länder Europas aus. Eine Art Interpol gegen Ketzer? Ganz abwegig ist der Vergleich nicht, sollte sich doch kein Ketzer mehr sicher fühlen, wohin er zu Fuß oder zu Pferd auch gelangen konnte.
Weil die Informationswege noch anfällig waren, bedurfte es eines straff geleiteten Amtes im Hintergrund, natürlich in Rom. Es war Papst Gregor IX., der von 1231 bis 1233 die Ketzerverfolgungen streng zentralisierte. So genannte Bettelorden, vor allem unsere Dominikaner, eigneten sich wegen ihrer materiellen Abhängigkeit von der Kurie bestens als Instrument...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Aberglaube | ![]() |
Infobox
Berühmt und berüchtigt
Energisch, listenreich, grausam - so stellen wir uns den typischen Inquisitor vor. Nicht immer traf das zu. Doch oft handelte es sich tatsächlich um Prachtexemplare brutaler Verschlagenheit. Hier eine Auswahl:
Robert le Bourge, Dominikaner, wurde 1233 ernannt. Er war zunächst Katharer und wechselte dann die Seite. "Ketzerhammer" genannt, galt seine Blutgier als einmalig. Weil wegen seiner Grausamkeit Aufstände drohten, setzten ihn seine Oberen ab und verurteilten ihn zu lebenslanger Haft.
Bernard Gui, auch er Dominikaner, war der Theoretiker der Inquisition und seit 1306 Inquisitor von Toulouse. Er schrieb ein Handbuch mit "Kunstgriffen", um Befragte zum Eingeständnis ihrer Schuld zu bringen.
Thomas de Torquemada, ab 1480 Spaniens Großinquisitor, richtete innerhalb von lediglich 18 Jahren über Hunderttausend Menschen. Mehrere tausend Autodafés hat er veranstaltet. Thomas de Torquemada ist das historische Vorbild für Dostojewskis literarische Figur des Großinquisitors.
Energisch, listenreich, grausam - so stellen wir uns den typischen Inquisitor vor. Nicht immer traf das zu. Doch oft handelte es sich tatsächlich um Prachtexemplare brutaler Verschlagenheit. Hier eine Auswahl:
Robert le Bourge, Dominikaner, wurde 1233 ernannt. Er war zunächst Katharer und wechselte dann die Seite. "Ketzerhammer" genannt, galt seine Blutgier als einmalig. Weil wegen seiner Grausamkeit Aufstände drohten, setzten ihn seine Oberen ab und verurteilten ihn zu lebenslanger Haft.
Bernard Gui, auch er Dominikaner, war der Theoretiker der Inquisition und seit 1306 Inquisitor von Toulouse. Er schrieb ein Handbuch mit "Kunstgriffen", um Befragte zum Eingeständnis ihrer Schuld zu bringen.
Thomas de Torquemada, ab 1480 Spaniens Großinquisitor, richtete innerhalb von lediglich 18 Jahren über Hunderttausend Menschen. Mehrere tausend Autodafés hat er veranstaltet. Thomas de Torquemada ist das historische Vorbild für Dostojewskis literarische Figur des Großinquisitors.



