Fluchtort Kloster?
Vom weltfernen Dasein im Kloster bis zur aktiven Rolle in der Gesellschaft scheint es ein langer Weg zu sein. Doch tatsächlich waren die Klöster des Abendlandes bereits im Mittelalter viel mehr als bloß Stätten stiller Andacht.Der heilige Martin von Tours teilt seinen Mantel: Das Bild zeigt ihn noch als noblen Weltmann und Soldat.
Komische Heilige
Die ersten Ursprünge des abendländischen Mönchstums liegen in Weltflucht und christlicher Entsagung. Umherschweifende orientalische Wander-Asketen erregten im weströmischen Reich des 3. Jahrhunderts zunächst mehr Abscheu als Bewunderung: Es waren schon komische Heilige in den Augen der tätigen Römer, die da freiwillig allem weltlichen Vergnügen adé sagten - und manchmal übel rochen.
Verdrießlicher Alltag
Bald aber änderten sich die Zeiten: Als Staatsreligion seit Konstantin dem Großen (288 bis 337) zog das Christentum nun die vornehmen Leute an, nicht bloß aus Gründen der Opportunität: Ein wenig wohlhabend muss man ja sein, um dem verdrießlichen Alltag den Rücken kehren zu können. Der Arme, verstrickt in den Kampf ums tägliche Brot, kommt auf die Idee im Allgemeinen nicht so schnell.
Rückzug in die Einsamkeit
Was begüterte Christen Roms am Beginn des 4. Jahrhunderts dazu trieb, aus ihren Villen und Stadtpalästen abgeschiedene Klöster zu machen, war vielleicht ein tiefes Gefühl von Vergeblichkeit: Der Staat - einst kraftvoll und mächtig - schien am Ende, zersetzt von sozialer Spaltung. Von außen drängten fremde Völker, innen gab nur noch der Glaube persönlichen Halt. Teile der gesellschaftlichen Eliten zogen sich in die Einsamkeit von "Flüchtlingsklöstern" zurück.
Berühmte Asketen
Schon in ihrem weltlichen Leben berühmte Männer waren da keine Seltenheit: "Vater des abendländischen Mönchstums" nennt man heute den heiligen Martin von Tours, von Beruf eigentlich Soldat, dann Einsiedler und Bischof. Cassiodor, der einstige Berater des Kaisers Theoderich, stiftete in den Stürmen der Völkerwanderung das kalabrische Kloster Vivarium, als Zufluchtsstätte geistigen Lebens. Protest durch Weltabkehr, irgendwo eine Nische finden: Diese Haltung geistig hochstehender Menschen in der Spätantike mutet uns seltsam modern an.
Weltflucht der Massen
Verführung durch Vorbild und Gelegenheit könnte man darin sehen, dass der Rückzug aus üblem Alltag bald mehr war als nur Sache schmaler Eliten: Als der heilige Martin 397 starb, sollen schon über zweitausend Mönche seinem Sarg gefolgt sein. Weltflucht wurde Massenphänomen - auch demografischer "Streik" und die Reduzierung der Teilnahme am wirtschaftlichen und politischen Leben aufs Notwendigste versetzten der weströmischen Gesellschaft den Todesstoß...


