Der Glaube allein
Luthers zentraler Gedanke ist beides: revolutionär und konservativ. Im Kampf gegen das Bestehende wollte der Mönch aus Wittenberg an die Wurzeln des christlichen Bekenntnisses zurück.Heroisch und erhaben: Bild Martin Luthers in einer Bibelausgabe von 1883.
Den Nazi-Ideologen kam dann der Judenhasser Luther zupass. Im Ideologiebetrieb der DDR wiederum war Luther eine Art hoch verehrter Zauderer, anders als der wirkliche Revolutionär Thomas Müntzer leider auf das Bündnis mit den Herrschenden aus.
Von Zweifeln zerrissen
Unzählige Luther-Biografien, verfasst vor allem während der zurückliegenden zweihundert Jahre, geben mehr über die Position des jeweiligen Autors preis, als über den, dessen Leben und Anliegen dargestellt werden soll.
Luther ist eben, wie alle Großen der Geschichte, eine widersprüchliche Gestalt: Dogmenumstürzer und Dogmatiker, Humanist und Menschenverächter, tief greifender Denker und Demagoge. Auf der persönlichen Ebene begegnet uns ein von Zweifeln zerrissener Mensch, der sich immer wieder mit übersteigerter, oft bloß zur Schau getragener Selbstgewissheit aufzuhelfen sucht.
Auch wer sich heute als protestantischer Christ versteht, kommt Luther nicht automatisch näher, hat keinen privilegierten Zugang zu ihm. Das liegt an der Schwierigkeit, uns in die Zeit zu versetzen, die Luthers Zeit war: 1483 geboren, steht Luther an einer Grenze. Offen treten die Widersprüche des Mittelalters zu Tage, sie drängen zur Auflösung, zum Übergang in neue Daseinsformen. Der Glaube, die christliche Religion, bildet dabei den Mittelpunkt, hat einen Stellenwert, den wir nur schwer erahnen können.
1520: Luther verbrennt die Banndrohung der Kurie. Damit ist der Kampf eröffnet. (Gemälde von Adolph Menzel)
"Religion war zugleich Nährboden und Gesetz des Lebens, allgegenwärtig, wahrhaft und zwingend", schreibt die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman mit Blick auf das vorangegangene, das 14. Jahrhundert: Der Vorrang des Lebens der Seele im Jenseits vor dem Hier und Jetzt, dem materiellen Leben auf der Erde, sei Prinzip gewesen.
Andererseits habe die mittelalterliche Gesellschaft dem Weltlichen natürlich nie wirklich entsagt, am wenigsten die Kirche: Geld, Besitz und Fleischeslust - alle diese Bestrebungen des ökonomischen, sinnlichen Menschen standen konträr zum überragenden Ziel: der Gnade teilhaftig zu werden, Eingang ins Himmelreich zu finden.
Es ist dieses Problem der Gnade, des Widerspruchs von Sein und Sollen, das Luther zum Reformator bestimmen und sein Leben lang umtreiben wird: Was ist der rettende Weg, wer hilft? Kann ein sterblicher Mensch, ein Priester, in der Beichte die Absolution erteilen, und den "Sünder" reinwaschen von aller Schuld? Ist es möglich, sich für Geld von der ewig währenden Verdammnis freizukaufen?
Vom Sünder zum Stifter
Wodurch überhaupt lässt sich dem Schicksal der Seele für die Ewigkeit im irdischen Dasein eine Weiche stellen, wo dort doch Sünde und Verfehlung lauern auf Schritt und Tritt? Dem Mönch Luther, dem Bruder Martin, machte das alles zu schaffen.
In seiner engen Zelle ging er umher, suchte die Lösung am Beispiel der anderen - und fand verwerflich, was er sah: Noch heute ist uns ja das Bild des "sündigen" Menschen vertraut, der, irgendwann religiös, vom ergaunerten Reichtum Kirchen stiftet für sein "Seelenheil". Im späten Mittelalter war das gängige Praxis.
Um eine Praxis ging es da, die nicht zuletzt der Institution Kirche die materielle Grundlage gab: Wie auf tragenden Säulen stand sie auf der Macht der Priester, die Sakramente zu geben, profitierte ihre Hierarchie von buchstäblich umgemünzter Höllenangst. Gewiss, mit der immer möglichen Entlastung per Ablass und Beichte blieb Glaube auch lebbar, so ließ es sich mit dem Widerspruch auskommen, ohne dauernde, aufreibende Seelenqual. Dem Selbstquäler, dem bis zur Autoaggression verbissenen Luther schien dies der faule, wichtiger noch, der in die Irre führende Weg.
Luther 1529 - in seiner produktivsten Schaffensperiode. (Porträt von Lucas Cranach d. Ä.)
Vor allem: Sollte es das gewesen sein, was Jesus wollte? Um Klarheit zu erhalten, so Luther, müsse man nur die Bibel lesen: Dort stehe nichts von geweihten Priestern, von Ablass und Ohrenbeichte. Was Jesus aber fordert - recht deutlich sagt es der Römerbrief des Apostels Paulus - ist wacher, unerschütterlicher Glaube.
Nicht das Haus (die Tat) mache ja den Zimmermann. Denn wie können fehlbare Menschen über Taten von Menschen rechten, sagen, was richtig oder falsch sein soll? Sei aber der Zimmermann gut (stark im Glauben), werden die Taten zweifellos gute Taten sein. Der Glaube allein - das ist der Schlüssel zur ewigen Seligkeit!
Ära des Individuums
Diesen Schlüssel freilich bekommt niemand billig, Lippenbekenntnisse genügen nicht. Lebenslanges Sichprüfen - wie Jesus es, nach Luthers Überzeugung, wollte - macht erst den wahren Christen aus. Funktionieren kann das nur im individuellen Zwiegespräch mit Gott. Der Glaube allein! Nur das Gewissen hilft. Hier ist Luther Revolutionär, trifft mit der eigenen Befreiung seinen Feind, die kirchliche Hierarchie.
So steht der Reformator wirklich am Ausgang einer Zeit: Der Glaube allein - das ist der Glaube an den Wert jedes Menschen, an dessen Kraft, ohne behütende Autorität seinen Weg zu finden. Mit Luther ist das Mittelalter am Ende, mit ihm beginnt die Ära des Individuums.
Michael Schmittbetz (23.10.2004)
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Martin Luder...
(später nennt er sich Luther) wird am 10. November 1483 in Eisleben als Sohn eines Bergmanns (?) geboren. 1501 beginnt Luther das Studium der Juristerei an der Universität Erfurt. Angeblich in einem Gewittersturm - am 2. Juli 1505 - beschließt Luther, als Mönch weiterzuleben. Er tritt dem Orden der Augustiner bei.
1507 weiht man Luther in Erfurt zum Priester, 1512 wird er Doktor der Theologie, 1514 Prediger an der Wittenberger Stadtkirche und Dozent an der Wittenberger Universität. 1516/17 spricht und schreibt Luther gegen den Ablasshandel. Seine 95 Thesen (der Anschlag an der Stadtkirche ist Legende) dienen als Grundlage einer Disputation. 1520/21 grenzt Luther sich immer deutlicher vom Papsttum ab.
In der Bannandrohung von 1520 fordert die Kurie Luther auf, zu widerrufen. Er verbrennt das Dokument. Am 3. Januar 1521 wird der Bannfluch verhängt. Auf dem Reichstag zu Worms, im gleichen Jahr, steht Luther für seine Haltung ein. 1522 bis 1525 lebt er wieder in Wittenberg, nach vorheriger Zuflucht auf der Wartburg. Dort übersetzt Luther das Neue Testament.
1525 heiratet Luther Katharina von Bora. Die folgenden Jahrzehnte bringen zahlreiche Schriften hervor. 1545 erscheint sein radikalstes Werk gegen die römische Kirche. Am 18. Februar 1546 stirbt Martin Luther an seinem Geburtsort Eisleben.
(später nennt er sich Luther) wird am 10. November 1483 in Eisleben als Sohn eines Bergmanns (?) geboren. 1501 beginnt Luther das Studium der Juristerei an der Universität Erfurt. Angeblich in einem Gewittersturm - am 2. Juli 1505 - beschließt Luther, als Mönch weiterzuleben. Er tritt dem Orden der Augustiner bei.
1507 weiht man Luther in Erfurt zum Priester, 1512 wird er Doktor der Theologie, 1514 Prediger an der Wittenberger Stadtkirche und Dozent an der Wittenberger Universität. 1516/17 spricht und schreibt Luther gegen den Ablasshandel. Seine 95 Thesen (der Anschlag an der Stadtkirche ist Legende) dienen als Grundlage einer Disputation. 1520/21 grenzt Luther sich immer deutlicher vom Papsttum ab.
In der Bannandrohung von 1520 fordert die Kurie Luther auf, zu widerrufen. Er verbrennt das Dokument. Am 3. Januar 1521 wird der Bannfluch verhängt. Auf dem Reichstag zu Worms, im gleichen Jahr, steht Luther für seine Haltung ein. 1522 bis 1525 lebt er wieder in Wittenberg, nach vorheriger Zuflucht auf der Wartburg. Dort übersetzt Luther das Neue Testament.
1525 heiratet Luther Katharina von Bora. Die folgenden Jahrzehnte bringen zahlreiche Schriften hervor. 1545 erscheint sein radikalstes Werk gegen die römische Kirche. Am 18. Februar 1546 stirbt Martin Luther an seinem Geburtsort Eisleben.



