John Stephens und Frederick Catherwood finden ein Maya-Relief. (Zeichnung von Catherwood, 1843)
Der "Untergang"
Im Jahr 1839 streiften zwei wissbegierige junge Männer durch den Regenwald auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán: John Stephens, ein reicher US-amerikanischer Anwalt, und Frederick Catherwood, englischer Architekt mit Zeichentalent, entdeckten als Abgesandte der europäischen Zivilisation die Ruinenstädte der Maya. Bis 1841 erkundeten Stephens und Catherwood 44 Fundstätten - und zeigten sich begeistert: "Die Stadt lag vor uns wie ein zerschmettertes Schiff auf dem Meer, ohne Mast, mit verblasstem Namen... Niemand konnte sagen, woher es gekommen war, wem es gehörte, und was einst zu seiner Zerstörung führte. Da waren die Überreste eines kultivierten, sonderbaren Volkes, das sein goldenes Zeitalter erreichte, und dann verschwunden war", schreibt Stephens in seinem Reisebericht, der zum Bestseller wurde.Es gibt sie noch!
Die angeblich im 10. Jahrhundert "verschwundenen" Maya taugen gerade heute als Thema, das zu Spekulationen reizt und der Fantasie Flügel verleiht. Dabei ist dieses geheimnisumwitterte Indianervolk, dessen "goldenes Zeitalter" vom 5. bis ins 9. Jahrhundert reichte, keineswegs verschwunden, bis heute nicht: Weniger romantisch gestimmte und weniger auf überwucherte Ruinen fixierte Geister als Stephens und Catherwood hätten in nahe gelegenen Dörfern leicht direkten Nachkommen der alten Maya begegnen können. Hilfreich wäre auch ein Blick in Chroniken des 16. und 17. Jahrhunderts gewesen.
Ein Glaubenseiferer
Denn noch zu jener Zeit schlug den Konquistadoren, die das Gebiet ab 1527 ernsthaft zu erobern begannen, der Widerstand einer durchaus intakten Kultur entgegen: Erst 1697 unterwarfen die Spanier das letzte Maya-Fürstentum. Weit mehr als unbekanntes Schicksal führte der unglaubliche Vandalismus des spanischen Bischofs Diego de Landa, zum Verschwinden authentischer Maya-Überlieferung aus den Geschichtsbüchern: De Landa residierte zwischen 1549 und 1578 auf Yucatán und verbrannte in seinem Bekehrungseifer massenhaft alte Schriften.
Siedlungsgebiet der Maya: Es reichte von der Halbinsel Yucatán bis in den Norden des heutigen Guatemala.
Verlässt man das Feld der Spekulationen, ergibt sich ein klar konturiertes Bild: Die Maya sind ein Volk, das Aufschwünge und Rückschläge, Glanzzeiten und Katastrophen erlebte wie andere Völker auch. Moderne Forscher sprechen deshalb längst nicht mehr vom "Untergang" der Maya, obwohl die Befunde unterschiedliche Interpretationen erlauben: Indizien wecken den Verdacht, dass die Maya-Gesellschaft im 9. und 10. Jahrhundert tatsächlich eine Art Kollaps erlitten haben könnte. Städte wurden verlassen, Inschriften wurden selten, die Bevölkerungszahl ging zurück - jedoch nicht im gesamten Siedlungsgebiet, nicht gleichzeitig und schlagartig, sondern in einem sich über viele Jahrzehnte hinziehenden Prozess. Auf einige jener verlassenen Städte stießen 1839 Stephens und Catherwood.
Worauf deutet das hin?
Aus den Indizien weitreichende Schlüsse zu ziehen, bereitet seriösen Wissenschaftlern indes Kopfzerbrechen: Wenn Inschriften auf Stelen und Türstürzen, die ausschließlich große Taten von Herrschern und Adligen schildern, irgendwann selten werden, was könnte das beweisen? Wenn religiöse Kulte an Stellenwert verlieren, Tempel und Paläste verfallen, worauf deutet das hin? "Wir müssen vorsichtig sein mit wertenden Folgerungen", meint etwa der renommierte Maya-Forscher Berthold Riese. "Der Niedergang in manchen Bereichen wurde vermutlich durch technische Verbesserungen auf anderen Gebieten und durch Erleichterungen gesellschaftlicher Art kompensiert. Es kann also sein, dass die Bevölkerung den Verlust der Kulturleistungen gar nicht als Minderung von Lebensqualität empfand."...
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Kurze Maya-Geschichte
Erste dauerhafte Siedlungen errichten die Maya in der so genannten frühen Präklassik, etwa zwischen 3000 und 900 v. Chr. Damals entwickelt sich die ursprüngliche Jägergesellschaft zu einem auf Landwirtschaft beruhenden Gemeinwesen.
Doch erst in der mittleren Präklassik, von 900 bis 400 v. Chr., entstehen nachweisbar Städte, die untereinander Warenaustausch betreiben. Tempel in Form von Pyramiden werden gebaut, darunter die Pyramide von El Mirador im heutigen Guatemala.
Während der späten Präklassik, zwischen 400 v. Chr. und 250 n. Chr., ist ein starkes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen. In den größeren Zentren kommt es zur Herausbildung stabiler Herrschereliten: Lokale Könige und Adlige übernehmen staatliche und religiöse Funktionen.
Die frühe Klassik datieren Historiker von ungefähr 250 bis 600 n. Chr. Aus dieser Periode stammen die ältesten beschrifteten Stelen, deren Entstehungszeitpunkt sich dank entschlüsselter Kalenderangaben feststellen lässt. Solche Stelen berichten zum Beispiel vom großen Krieg zwischen den Mayastädten Calakmul und Tikal im Jahr 562.
Die späte Klassik, von etwa 600 bis 900 n. Chr., kennzeichnen voll entwickelte Stadtstaaten mit jeweils eigenem Herrscher und streng hierarchischen Verwaltungsstrukturen. Die Maya sind jetzt über die gesamte Halbinsel Yucatán verbreitet.
In der so genannten "goldenen Zeit" gibt es Städtebünde, die mehrere zehntausend Bewohner umfassen, Binnenhandel, der von einer speziellen Schicht von Kaufleuten getragen wird, sowie regen Import von Luxusgütern. Dammstraßen zwischen den Städten sowie Bewässerungssysteme gehören zu den beeindruckenden kulturellen Leistungen.
In der nachklassischen Zeit, ab etwa 900 n. Chr. bis 1511, sind starke toltekische Einflüsse nachgewiesen. Die Tolteken dringen als fremde Eroberer in Teile des Maya-Territoriums vor. Einzelne Maya-Zentren im südlichen Tiefland von Yucatán werden aufgegeben. Eine Wanderungsbewegung Richtung Norden setzt ein. Ab Mitte des 10. Jahrhunderts werden im gesamten Maya-Territorium keine Steinstelen mit Inschriften mehr errichtet. Viele Städte und Bewässerungssysteme verfallen.
Die Kolonialzeit beginnt 1511 mit der Landung von 13 spanischen Schiffbrüchigen auf Yucatán. Zwei der Gelandeten überleben. Einer von ihnen, der Soldat Gonzalo Guerrero, kämpft später auf Seiten der Maya gegen seine Landsleute.
Den Konquistadoren, anfangs sind es rund vierhundert Mann unter dem Cortés-Veteranen Francisco de Montejo, stehen zehntausende Maya-Krieger gegenüber, die jedoch untereinander zerstritten sind. Ende des 17. Jahrhunderts herrschen die Spanier über eine durch Krieg und Seuchen weitgehend entvölkerte Region.



