Schützende Mauern umschlossen die Städte; das Leben darin war beengt. (Bild: Stadtplan von Erfurt aus dem 13. Jahrhundert.)
Strenger Geruch
"Stadtluft macht frei." So hieß es ab etwa dem 11. Jahrhundert, als die Entwicklung der Städte zu wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geistigen Zentren begann. Zuhauf strömte die ländliche Bevölkerung in die Siedlungen der Händler und Handwerker, um der Leibeigenschaft zu entkommen. Galt ja der Brauch, dass ein in der Stadt lebender Unfreier nach Jahr und Tag nicht mehr von seinem Herrn zurückgefordert werden durfte.Sicherheit und Schutz
Der Duft der Freiheit war verlockend. Mitunter konnte er aber beißend in die Nase kriechen. Nicht jeder, der innerhalb der Stadtmauern lebte, wurde auch in den privilegierten Kreis der Bürger aufgenommen. Zwar bot die städtische Gemeinschaft Sicherheit und Schutz vor Unterdrückung durch den einstigen Herrn - doch volle Bürgerrechte blieben den meisten der Zugewanderten verwehrt, vor sozialer Ungleichheit waren sie auch in der Stadt nicht gefeit.
Jeder hatte seinen Platz
Die Ständeordnung prägte das Leben im Mittelalter. In diesem starren Gefüge besaß jeder seinen, von Geburt an festgelegten, unveränderlichen Platz. Und auch innerhalb der Stände - Erster Stand: Klerus; Zweiter Stand: Adel; Dritter Stand: Bürger und Bauern - hatte nicht jeder die gleiche soziale Stellung. Die Position des Einzelnen hing von verschiedenen Faktoren ab - und war in der städtischen Gemeinschaft beispielsweise ans Bürgerrecht geknüpft, das zu erlangen jedoch Grundbesitz und Wohlstand voraussetzte.
Städtische Elite
Zur dortigen Elite gehörten reiche Kaufleute und freie Grundbesitzer, mit starkem Einfluss auf die Regierung der Stadt. Oft hatten sie im Kampf der Stadtbewohner um eine größere Autonomie gegen fürstliche oder bischöfliche Stadtherren eine wichtige Rolle gespielt und nahmen nun in den neu gegründeten Stadträten entscheidende Positionen ein, stellten Bürgermeister, bekleideten städtische Ehrenämter.
Schutz vor Konkurrenz
Auf der zweithöchsten Stufe der städtischen Hierarchie standen Krämer, Beamte und Handwerker. Letztere waren in Zünften organisiert, welche Preise und Qualität der Waren festlegten und garantierten, außerdem boten sie Schutz vor Konkurrenz, Sicherheit im Alter und fachliche Anerkennung. Zunftordnung und Zunftzwang, also die Pflicht, als Handwerker einer bestimmten Zunft anzugehören, erschwerten es neu Zugezogenen, eine eigene Werkstatt zu eröffnen.
"Ehrliche" und "unehrliche" Berufe
Keine Bürgerrechte zu besitzen, machte es der Masse der Stadtbevölkerung unmöglich, einen Handwerksbetrieb zu führen oder Handel zu betreiben. Und so prägte vor allem die Unterschicht das Straßenbild der Städte. Wer konnte, verdiente seinen Lebensunterhalt "ehrlich" als Magd oder Knecht; anderen blieb nur das Ausüben "unehrlicher" Berufe, etwa Henker, Totengräber oder Abdecker. Bettler umlagerten Kirchen, Märkte und Patrizierhäuser. Armut war in mittelalterlichen Städten ein ernstzunehmendes Problem.
Standardausrüstung Stelzen
Weiteres kam hinzu: Schützende Mauern umschlossen die meisten der Städte; innerhalb der Befestigungen gab es häufig zu wenig Platz für die Neuankömmlinge. Viele hygienische Missstände mittelalterlicher Städte resultierten aus dem immer dichter werdenden Nebeneinanderleben. Ländliche Gewohnheiten widersprachen elementaren hygienischen Anforderungen. Müll und Abwasser landeten auf den Straßen, die mitunter derart verschmutzt gewesen sein sollen, dass in manchen Städten Stelzen zur Ausrüstung jedes Haushalts gehörten.
Strenge Regelungen
Erst ab dem 14. Jahrhundert gelang es den Stadtoberen, durch strenge Regelungen unter Androhung von Strafen gewisse hygienische Standards zu etablieren. Häufig auftretende Seuchen und Epidemien, die besonders in den Städten zahlreiche Opfer forderten, machten den Kampf umso notwendiger. Mit Verschwinden des bestialischen Gestanks, welcher sich anfangs noch zum zweifelhaften Duft der Freiheit gesellte, sollten allmählich sogar die Standesschranken fallen.
Ulrike Wolf (14.08.2006)
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Infobox
Von sozialer Ausgrenzung betroffen waren in den mittelalterlichen Städten auch die jüdischen Gemeinden. Juden bildeten eine eigene Gruppe in der Stadt und hatten einen eigenen Wohnbezirk, außerhalb dessen es ihnen nicht gestattet war, Häuser zu kaufen und zu bewohnen. Von den Handwerkszünften und der städtischen Verwaltung blieben sie ausgeschlossen. Außer Geldverleih waren den Juden sämtliche Berufszweige verwehrt. Obwohl sie in vielen Städten am wirtschaftlichen Aufstieg beteiligt waren, wurde ihnen ihre Sonderstellung in Krisenzeiten häufig zum Verhängnis. Auf der Suche nach einem Sündenbock zogen die Wucherer den Volkszorn auf sich. Sie wurden geächtet, verfolgt, im Extremfall getötet.



