Bedeutender Wandel: Erst ab Anfang des 14. Jahrhunderts schien die Rose den Menschen wirklicher als der Name der Rose.
"Sorge um sich"
Wie anders dagegen das Lebensgefühl der Neuzeit: Real ist das Individuum, sein Erfolg, sein "Lebens-Styling". Misserfolg wird zum selbst verschuldeten Versagen; Krankheit und Tod werden zu Katastrophen. Die "Sorge um sich", im weitesten Sinn die Hygiene des einst als nichtig angesehenen Körpers, tritt in den Vordergrund. Und das in einem Ausmaß, welches der mittelalterliche Mensch als abstoßend empfunden hätte. Zwangsläufig erzeugt der moderne Kult des Individuums auch Druck, Unsicherheit und Angst: Man muss investieren, um sich zu erhalten. Schlimm für den, dem die Mittel fehlen. Auf den Punkt bringt diese Sicht der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt: "Unser Leben ist ein Geschäft, das damalige war ein Dasein."
"Leerer Wortschwall"
Aber sogar unser modernes Lebensgefühl ist Produkt des Mittelalters: Zu Beginn des 14. Jahrhunderts nämlich geriet die Überzeugung von der Realität der allgemeinen Begriffe und Ideen - die Gelehrten nannten sie Universalien - ins Wanken. Der Philosoph Wilhelm von Ockham (Züge von ihm trägt die Gestalt des William von Baskerville in Umberto Ecos Roman Der Name der Rose) löste das Problem mit einem Satz: "Die Universalien sind nicht wirklich, sie sind nur vage Symbole der Dinge, im Grunde ein leerer Wortschwall." Der Nominalismus, die Lehre vom Einzigsein der individuellen Dinge, hatte gesiegt. Damit war das Weltbild des Mittelalters auf den Kopf gestellt.
Detailgenau und menschlich
Und dies im Wortsinn: Individualität und Vernunft hieß bald die Devise. Bildhauer und Maler der Renaissance schufen wieder Büsten und Porträts, detailgenau und menschlich, wie ihre antiken Vorbilder. Was um das Jahr 500, in den Wirren der Völkerwanderung, begonnen hatte, ging mit dem ausklingenden 14. Jahrhundert unter neuen Wirren zu Ende: das Mittelalter. Uns bleibt die leise Sehnsucht nach einer Zeit, in der das Leben ein Dasein gewesen sein soll - und das persönliche Ich viel weniger wichtig als wir es uns heute vorstellen können.
Michael Schmittbetz (09.10.2002/aktualisiert 08.08.2006)
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Infobox
Nominalismus: Richtung im so genannten Universalienstreit, die den Allgemeinbegriffen (Universalien) außerhalb des Denkens keine reale Existenz zuschreibt. Die Begriffe seien nur Namen (nomina) oder Zeichen für viele näherungsweise vergleichbare Dinge. Die Universalien sind Ergebnis des Denkens und spiegeln nicht die individuellen Qualitäten der Dinge wider.
Realismus: Während der Nominalismus nur die individuellen Einzeldinge als das wahrhaft Wirkliche zulässt und in den Universalien nur vom Menschen geschaffene Sammelnamen sieht, behauptet der Realismus die selbstständige Existenz der Gattungsbegriffe. Sie sind das eigentlich Reale, an dem die Einzeldinge bloß Anteil haben. Nach Ansicht der Realisten ist zum Beispiel die Farbe Rot Grund für die Realität der roten Dinge.
Wilhelm von Ockham (um 1285 bis etwa 1350): Einer der bedeutendsten Philosophen des späten Mittelalters und Vorbereiter der Moderne. Der englische Scholastiker vertrat im Universalienstreit die nominalistische Position. Sein und Denken waren für ihn von grundsätzlich verschiedener Natur.
Renaissance: Von Italien im 14. Jahrhundert ausgehende, sich in allen Lebens- und Geistesbereichen vollziehende Kulturwende vom Mittelalter zur Neuzeit. Sie entstand mit der Bewusstwerdung der Persönlichkeit und führte zur Ausbildung eines neuen Lebensgefühls unter Rückbesinnung auf die Antike.
Realismus: Während der Nominalismus nur die individuellen Einzeldinge als das wahrhaft Wirkliche zulässt und in den Universalien nur vom Menschen geschaffene Sammelnamen sieht, behauptet der Realismus die selbstständige Existenz der Gattungsbegriffe. Sie sind das eigentlich Reale, an dem die Einzeldinge bloß Anteil haben. Nach Ansicht der Realisten ist zum Beispiel die Farbe Rot Grund für die Realität der roten Dinge.
Wilhelm von Ockham (um 1285 bis etwa 1350): Einer der bedeutendsten Philosophen des späten Mittelalters und Vorbereiter der Moderne. Der englische Scholastiker vertrat im Universalienstreit die nominalistische Position. Sein und Denken waren für ihn von grundsätzlich verschiedener Natur.
Renaissance: Von Italien im 14. Jahrhundert ausgehende, sich in allen Lebens- und Geistesbereichen vollziehende Kulturwende vom Mittelalter zur Neuzeit. Sie entstand mit der Bewusstwerdung der Persönlichkeit und führte zur Ausbildung eines neuen Lebensgefühls unter Rückbesinnung auf die Antike.



