Der domestizierte Krieger
Raue Krieger in glänzender Rüstung, mit Lanze und Schwert bewaffnet im fairen Zweikampf gegen den Rivalen; bereit, Leib und Leben für König und Papst einzusetzen, wenn die ihn rufen - es ist dieses Bild vom Ritter, das bis in die Gegenwart fasziniert. Gezeichnet wird es in höfischen Romanen, Ritterepen und vielen zeitgenössischen Überlieferungen, wie dem Mittelalterlichen Hausbuch (1480), in dessen Innern sich das Leben der Menschen einer längst vergangenen Zeit entfaltet.Verwüstete Felder
Doch es ist ein verklärtes, ein verzerrtes Bild. Mit den viel beschworenen ritterlichen Tugenden - Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft, Milde, Höflichkeit - war es häufig nicht weit her. Den Idealisierungen stehen Berichte von mordenden, plündernden Rittern gegenüber, Berichte von grausamen Feudalherren, die ihre Bauern unterdrückten und den Besiegten nur wüste Felder und abgebrannte Dörfer hinterließen.
Facetten ritterlichen Lebens
Welches Bild stimmt denn nun - das des edlen Kriegers oder das des barbarischen Leuteschinders? Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Blick auf das gesellschaftliche Gefüge der Zeit hilfreich. Dabei wird schnell deutlich: jede der Darstellungen - das idealisierende wie das eher krasse Bild - ist lediglich eine Facette ritterlichen Lebens. Zusammengenommen erst beschreiben sie eine der wichtigsten Phasen in der Entwicklung der abendländischen Zivilisation: der Soziologe Norbert Elias nennt sie in seinem Buch Über den Prozess der Zivilisation die "Verhöflichung der Krieger".
Vom freien Krieger zum Beamten?
Hierbei handelt es sich aber nicht um einen dramatischen Umbruch, sondern um einen langsamen, Jahrhunderte dauernden Prozess, in dem aus brutalen Feudalherren zivilisierte Höflinge wurden. Was geschah ab dem 11. Jahrhundert, als Rittertum im Adel dominierte und der ritterliche Habitus - die beständige Bereitschaft zum Kampf - die gesellschaftliche Stellung des Ritters markierte? Wie kam es, dass sich dessen Position - vom freien Krieger zum "Beamten" im Dienste des Hofes - grundlegend wandelte?
Raue Krieger in glänzender Rüstung... Vieles am Bild der Ritter ist idealisiert.
Elias beschreibt, wie das Leben des Ritters ursprünglich keine andere Funktion hatte, als sich von Jugend an auf den Kampf vorzubereiten und so lange Krieg zu führen, wie es die Kräfte erlaubten. Selbst in Friedenszeiten brauchte ein Ritter noch die Illusion des Krieges: so übte er sich in Turnieren oder trug blutige Kämpfe in Fehden mit seinen Nachbarn aus Raub, Kampf und Jagd - auf Menschen wie auf Tiere - gehörten zu den Lebensnotwendigkeiten. Gewalt war gesellschaftlich akzeptiert und lange gab es keine strafende Obrigkeit, vor der sich Ritter verantworten mussten. Die einzige Bedrohung für einen Ritter war, im Kampf von einem Stärkeren überwältigt zu werden. Elias sieht das Leben im Mittelalter als ein "Dasein ohne Sicherheit", als eine Gesellschaft, in der "verloren war, wer nicht mit aller Kraft ... seinen Mann stehen konnte".
Konkurrenzdruck
Der Soziologe spricht hier vom Affektaufbau und dessen Einordnung ins Gefüge der mittelalterlichen Gesellschaft: es gab keine zentrale Gewalt, die mächtig genug war, Menschen zur Zurückhaltung zu zwingen. Horizonte gingen selten über den engsten Umkreis hinaus. Mit dem allmählichen Aufstieg bürgerlicher Schichten verschärften sich jedoch die Spannungen in der Gesellschaft. Unter dem Druck der Konkurrenz zwischen städtischem Bürgertum und ritterlichem Adel war dieser mehr und mehr gezwungen, die Affekte zu zähmen - an sich zu halten -, um seine soziale Stellung als Oberschicht nicht zu gefährden...
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Infobox
Die Entstehung des Rittertums, an der Schwelle zum 2. Jahrtausend n. Chr., ergab sich aus der kriegstechnischen Erfordernis, mit Armeen aus gepanzerten Reitern auf dem Schlachtfeld bestehen zu können. Zunächst rekrutierten Fürsten und Könige ihre Reitersoldaten aus freien Bauern, die als Gegenleistung für ihre Kampfkraft Grund und Boden erhielten. Doch Bauern, die ständig in den Krieg ziehen mussten, konnten ihre Felder nicht mehr bestellen und sahen sich aus diesem Grund gezwungen, den Status als Freie aufzugeben, um dem Kriegsdienst zu entgehen. Denn dieser forderte erheblichen finanziellen Aufwand. Hoch waren die Kosten für Anschaffung von Pferd, Rüstung und Bewaffnung: alles zusammen hatte den Gegenwert von 45 Kühen. Adelige Ritter, die über die nötigen finanziellen Mittel zur Anschaffung der Ausrüstung verfügten, lösten die freien Bauern als Kämpfer ab: Sie erhielten vom König oder Fürsten Ländereien, so genannte Lehen, die sie von unfreien Bauern bearbeiten ließen. Im Gegenzug gelobten sie ihrem Herrn Treue und Gefolgschaft. Mit dem Lehnswesen entstand die auf der Naturalwirtschaft basierende Grundherrschaft.



