Der Weg des Kriegers
Die Schlacht um Guadalcanal, sie begann im August 1942, gehört zu den wichtigsten Kampfhandlungen des Pazifikkrieges. Monatelange Dschungelkämpfe auf dem gut fünftausend Quadratkilometer großen Eiland forderten den US-Truppen gewaltige Opfer ab. Bis zum letzten Mann harrten die japanischen Verteidiger in ihren Stellungen aus, verpassten sich am Schluss selbst Kugel oder Messer. Von einer "Insel voller Schrecken" werden Überlebende berichten. Zeitgleich mit den Gefechten an Land stürzten sich Kamikaze-Flieger auf amerikanische Schiffe.Gift des Fanatismus?
In den Taschen gefallener Japaner fanden Patrouillen immer wieder ein schmales, von Blut und Schlamm durchtränktes Buch. Was hatte es damit auf sich? Tröpfelte aus seinen Seiten jenes Gift, das Hunderttausende in Todesverachtung und Fanatismus - und in den Selbstmord - trieb?
Ein gefährlicher Text
Tatsächlich war das Buch Hagakure des Zen-Mönchs und Ex-Samurai Tsunetomo Yamamoto Pflichtlektüre für Japans Offiziere. Am anderen Ende der Welt ließ Heinrich Himmler den Anfang des 18. Jahrhunderts entstandenen Text an seine Waffen-SS verteilen. Schließlich, der Zweite Weltkrieg war vorüber, belegten die amerikanischen Besatzer in Japan Yamamotos gefährliches Werk mit striktem Verbot. Erst ungefähr anderthalb Jahrzehnte später gaben Tokioter Verleger eine Neuauflage heraus.
Samurai auf dem Weg in die Schlacht: Der Vogel am oberen linken Rand symbolisiert die Flüchtigkeit des Lebens. (aus einem Zyklus des Malers Taiso Yoshitoshi, 1885)
Bald schien das Hagakure (deutsch: "Hinter den Blättern", in Anspielung auf Yamamotos Einsiedelei) gespenstische Eigendynamik zu entfalten: Am 25. November 1970 putschten japanische Studenten im Namen des Tenno gegen die Demokratie, getragen von der Hoffnung auf Sympathisanten unter den Selbstverteidigungsstreitkräften. Führer der in eigens entworfene Uniformen gekleideten Schar war ein Dichter: Yukio Mishima, homosexueller Exzentriker, Ästhet, Autor von Romanen, Erzählungen und Bühnenstücken, hatte 1967 seine Einführung in das Hagakure verfasst.
Die Tokioter Operettenrevolte brach rasch zusammen. In der Stunde vorhergesehenen Scheiterns beendete Mishima sein Leben, indem er medienwirksam Seppuku beging. Europäern ist das Selbstmordritual als Harakiri bekannt. Das Hagakure, die Ethik der Samurai, war wieder in aller Munde.
Protest gegen die Moderne
Niemand, der heute Leben und Handeln der Samurai, dieser "Ritter des Ostens", verstehen will, kommt um das Hagakure herum. Seine 1.300 kurzen Lektionen sind sowohl Ehrenkodex als auch Philosophie im klassischen Sinn: Sie sind Anleitung zum gelungenen Leben. Genau gelesen, ist das Hagakure weder oberflächlicher Gewaltappell noch Aufruf zur sklavischen, unreflektierten Pflichterfüllung. Entschlossen artikuliert es den Protest gegen zwei Grundzüge moderner Existenz: gegen das Ausblenden und Verdrängen des Todes im gewöhnlichen Denken, und, eng damit verknüpft, gegen die entfremdende Aufspaltung menschlichen Daseins.
Das Leben ist kurz
Wer den Tod ins Alltagsbewusstsein einbezieht, was, wie Yamamoto meint, nur in der "Bereitschaft zum Sterben" gelingt, wird in Freiheit leben. Er wird sich der kraftzehrenden Fragmentierung der Person im modernen Alltag entziehen und so seine Energie bündeln für den Dienst: an einem Fürsten, mehr noch an einer Aufgabe, für die zu sterben sich lohnt. "Des Menschen Leben ist kurz. Man sollte es verbringen, indem man tut, was man mag", rät das Hagakure ganz praktisch. "Freiheit dadurch zu erlangen, dass man den Tod allzeit zu seiner Sache macht - das war die neue Philosophie des Hagakure", schreibt Mishima, Yamamotos Kommentator, über 250 Jahre später.
Rädchen im Getriebe
"Der Weg des Kriegers, habe ich erkannt, bedeutet zu sterben" - diesen Satz interpretierten Generationen japanischer Intellektueller der Nachkriegszeit als puren Militarismus. Aber das Hagakure spricht vom Leben, selten allein vom Krieg: Demjenigen, dem der Tod als Ende des Weges stets vor Augen ist, müssen die Entfremdungen des Alltags, die ihn auf Funktionen beschränken, wie Narrheit erscheinen. "Infolgedessen besteht, solange er konsequent den Weg des Kriegers lebt, keine Sorge, dass der Mensch zum bloßen Rädchen im Getriebe menschlicher Gesellschaft herabsinken könnte", merkt Mishima an.
Als ganze Person
Die enorme Widersprüchlichkeit der Philosophie des Hagakure liegt darin, dass Zweck der Aufgabe und Resultat des Dienens im Grunde unwichtig sind: Dem Daimyo, dem Fürsten, die Treue zu halten, geht allem vor und ist unabhängig von dessen Zielen, wenn er sich nur als Führer erweist. Dort steckt die Gefahr der Verführung. Wichtig ist ja bloß, wie man dient - nämlich als ganze, kraftvolle, leidenschaftliche Person -, wie man lebt und wie man stirbt. Daraus bezieht der Dienende seine Erfüllung.
Wer im Unglück ermattet
Hat sein Fürst Pech, wird der Samurai zum Ronin, zum herrenlosen Diener, der frei umherschweift, doch zuversichtlich auf der Suche ist nach neuen, passenden Gelegenheiten ungeteilter Treue. Denn: "Wer in Zeiten des Unglücks ermattet, ist zu nichts zu gebrauchen." Das Rädchen treibt sich selbst, mit seiner eindrucksvollen Moral, ohne weiteres Fragen nach übergeordnetem Sinn. Kein Wunder, dass es Versuche gab, das Hagakure als Leitfaden für Manager zu präsentieren.
Wie der blaue Himmel
Hier schließt sich der Kreis: "Im Hagakure besitzt der Tod eine so wunderbare, so frische Helle wie zwischen Wolken der blaue Himmel", sagt Mishima. "Das stimmt, ins Moderne gewendet, seltsamerweise mit dem Image jener Kamikaze-Spezialeinheiten überein, die während des Krieges als die grausamsten Angriffswaffen galten." Dem ist wenig hinzuzufügen. Yamamoto starb übrigens, im Alter von 61 Jahren, auf einer bequemen Tatami-Matte.
Michael Schmittbetz (25.08.2010)
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Das Wort Samurai...
stammt aus dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Es bedeutet Diener. Damals, im Japan der Vormoderne, lag die reale Macht längst in den Händen des Shogun, eines Militärbefehlshabers, der in der Burg von Edo residierte. Dem Zustand stabiler Zentralgewalt gingen Jahrhunderte interner Kämpfe voraus. Daimyo-, also lokale Fürstengeschlechter, rivalisierten um Territorien und Einfluss. Die Herausbildung einer Schicht von Berufskriegern war logische Folge der ständigen militärischen Auseinandersetzungen. Ganze Krieger-Sippen traten auf, die ihre Dienste in wechselnden Konstellationen zur Wirkung brachten.
Um so erstaunlicher war das Entstehen eines "Berufsethos" auf der Basis des Zen-Buddhismus, der die Samurai etwa von den westeuropäischen Condottieri unterschied. Einst wohlhabende landbesitzende Bauern, banden sich die Samurai später exklusiv an bestimmte Fürsten in Verhältnissen wechselseitiger Treue. Parallel dazu erhielten sie das alleinige Recht, Waffen zu tragen. Berühmt wurden die Ereignisse um die 47 Ronin (stellungslose Samurai), die Mitte des 17. Jahrhunderts den erzwungenen Suizid ihres Herrn durch Mord an dessen Widersacher rächten.
Der ideale Samurai war ebenso Beamter wie militärischer Gefolgsmann. Er nahm im Auftrag seines Herrn Verwaltungsaufgaben wahr, hatte das Schicksal des Herrn als Ganzes im Auge zu behalten und zum Guten zu wenden. Prekär wurde die soziale Situation vieler Samurai, nun schon unter den Bedingungen eines stabilen Shogunats, mit dem Vordringen der Geldwirtschaft. Verarmte Samurai lebten in den rasch wachsenden Städten und formierten dort politische Gruppierungen, die sich zum Beispiel gegen eine Öffnung Japans für westliche Industrienationen stellten. Mit der Meiji-Restauration 1868, die Japan den Weg in die Moderne bahnte und zur Entmachtung des Shoguns führte, kam für die Samurai das Aus.
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Der Ehrenkodex der Samurai...
trägt betont ästhetische Züge. Dabei geht es keineswegs nur um Rüstung und Waffen, die von hoher Kunstfertigkeit zeugen müssen. Yamamoto stellt folgende Regel auf: "Rouge und Schminkweiß zum Auftragen habe man stets in der Brusttasche bei sich. Gelegentlich wird es vorkommen, dass man beim Aufwachen zum Beispiel nach einem Trinkgelage eine schlechte Gesichtsfarbe hat. Zu solchen Zeiten tut man gut daran, das Rouge hervorzuholen und etwas davon aufzulegen..." Das empfiehlt der Autor natürlich ebenso vor dem rituellen Selbstmord, dem Seppuku.
Überhaupt ist das schöne Leben, der schöne Tod, von ausschlaggebender Bedeutung. Die Erscheinung macht den Unterschied: Angst zu haben, mag akzeptabel sein; sie zu zeigen, ist verwerflich. Gleiches gilt für Müdigkeit und Stress: Das Hagakure beschreibt Techniken, um unverhofftes Gähnen zu unterdrücken. "Das Schöne ist etwas, das sich an der Außenseite manifestiert", kommentiert Mishima. "Weibisches" Verhalten geht gar nicht. Schönheit der Sprache und geistige Konzentration fallen ebenso unter den ästhetischen Zusammenhang.
Ästhetik und Genuss stehen in engem Wechselspiel. Yamamotos Maximen erinnern an die Philosophie der Epikureer. Mishima erläutert, was das Wesentliche ist: "Wir haben zum Beispiel eine Verabredung mit einer Frau und bleiben mit ihr über Nacht in einem Hotel; am nächsten Morgen gehen wir, einigermaßen abgeschlafft, ins Kino in eine Matinee und schauen uns einen zum Gähnen langweiligen Film an. Was wir da empfinden, ist kein Auskosten des Glücks mehr." Und obendrein sieht man wohl nicht mehr so gut aus. Das edle Sein auch erscheinen lassen, mag als Grundsatz gelten. Zum preußischen "mehr sein als scheinen" ist der Abstand riesig.


