Kampf auf Leben und Tod?
In alten Urkunden sind sie oft nur rothaarige Barbaren voll abstoßender Gier und Brutalität: Wikinger. Wer aber hat die alten Texte verfasst? Es waren Mönche, zitternd vor den Heiden aus nördlichen Gefilden.Die Wikinger kommen! Tausendfach hallte der Schreckensruf an den Küsten. Doch so verschieden waren die Kulturen nicht. (Buchillustration, 1908)
Tod und Vernichtung brachten sie mit ihren Äxten, Kampfmessern und zweischneidigen Schwertern. So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder - reiche Beute, Nahrung und Sklaven an Bord.
Blitz-Attacken
Rasch sprachen sich Überfälle wie der auf das Inselkloster von Lindisfarne in der christlichen Welt herum. Denn reiche Klöster und schwer zu verteidigende Städte an Küsten und Flussufern stachen den Männern aus dem Norden besonders ins Auge.
Blitzartige Attacken wurden deren Spezialität. Den Bewohnern der bedrohten Gebiete mögen sie wie Wesen von einem fremden Stern erschienen sein - als Strafe Gottes. Dermaßen verschieden aber waren die Kulturen nicht, nimmt man das normale Dasein in vom Landleben geprägten Gesellschaften zum Maßstab.
Wikingerzeit: Damit meinen Chronisten des Mittelalters eine Epoche, die über fast drei Jahrhunderte reicht. Der Überfall auf Lindisfarne markiert ihren Beginn, die Jahre um 1066 - als die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer in England einfielen und es zu einem christlichen Reich machten - ihr Ende. Gesichertes Wissen über diese merkwürdige Periode ist rar.
Herzöge unter dem Kreuz
Umso üppiger schießen Legenden ins Kraut: Vor allem wilde Teufel waren die rothaarigen Nordmänner schon bei den klösterlichen Geschichtsschreibern. Fast könnten wir an einen Kampf der Kulturen glauben, an einen Religionskrieg gar, ausgetragen zwischen Germanen im Zeichen Odins, und dem von Rom aus christianisierten Abendland.
Wenn das zutraf, dann hätte das Christentum im 10. und 11. Jahrhundert einen überwältigenden Sieg davongetragen. Zwar machten die "Barbaren" noch mit gewaltigen Kulturleistungen von sich reden: Im Osten gründeten sie die Rus, im Westen drangen die wilden Piraten bis in den Mittelmeerraum vor und entdeckten - glaubt man unsicheren Quellen - ein halbes Jahrtausend vor Kolumbus Amerika. Selbst Byzanz, die Hauptstadt des oströmischen Reiches, sah Flotten der Wikinger vor ihren Mauern.
Doch bald verwandelten sich einst dem Odin verschworene Piratenanführer in normannische Herzöge unter dem Kreuz, weil das mehr Gewinn versprach und mehr politischen Einfluss. Auch die skandinavischen Völker wurden nach längerem Widerstand bekehrt. Als Siedler und als clevere Kaufleute überzogen sie Irland, England, sowie Teile Frankreichs und Spaniens. Das christliche Abendland integrierte die ursprünglich wilden Gestalten.
Keine Knappheit an Boden
Der moderne Mythos stellt die Feste der Wikinger, ihre Umtriebe als Piraten, ihre germanische "nordische" Religiosität und ihr Männlichkeitsideal in den Vordergrund. Auf seltsame Weise verkehren dabei manche heutige Fans einer ausgedachten Wikingerkultur die alte, christliche Entrüstung der Klosterschreiber in Faszination.
Helme mit Hörnern, Met, also Honigwein, der in Strömen fließt, glorifizierte Kämpfe um des Kämpfens willen, das alles weckt zwar Begeisterung, hat aber mit dem tatsächlichen Dasein der damaligen skandinavischen Landbewohner wenig zu tun. Dem Mythos bleibt allerdings Raum, weil selbst Forscher bei der Suche nach den geistigen und materiellen Ursachen des Wikingertums oft im Dunkeln tappen.
So gilt heute die klassische Deutung als widerlegt, dass eine Verknappung agrarischer Ressourcen zum Aufbruch großer Banden jugendlicher Kämpfer nach Süden führte: "Skandinavien mag damals eine Gesamtbevölkerung von nicht mehr als zwei Millionen gehabt haben, und dafür dürfte die bestellte Ackerfläche jener Zeit leicht als Anbaufläche ausgereicht haben", konstatiert etwa der Mittelalter-Historiker Rudolf Simek.
Zeitweiliger Gegenentwurf
Die Voraussetzungen der Wikingerzüge sieht Simek in einer Anhäufung technisch-seemännischer Fertigkeiten und in diversen Einzelursachen. Nicht Not in der Heimat, sondern gerade eine gut funktionierende Sozialstruktur habe Kräfte freigesetzt, die sich nach außen wenden ließen.
So stellte man sich im 19. Jahrhundert die Drachenschiffe der Wikinger vor. (Bild aus dem Nordisk Familjebok)
Ritterlyrik, noch aus dem 14. Jahrhundert, steht dem in nichts nach. Und selbst Walhall, die Stätte der ewig sich prügelnden und saufenden gefallenen Helden, entwickelte sich erst nach Aufnahme christlicher Paradiesvorstellungen ins nordische Denksystem.
Spur bis in die Neuzeit
Die Kultur der Wikinger war ein zeitweiliger Gegenentwurf zur römischen, abendländischen Zivilisation. Aber die beiden Kulturen waren nicht annähernd so weit voneinander entfernt, wie sogar Experten lange glaubten - und wie alte Chroniken, verfasst von erschrockenen Mönchen, glauben machten. Verschwunden ist das "Wikinger-Element" im Grunde genommen nie. Seine Spur findet man noch in der antirömischen Haltung des neuzeitlichen, von Nord- und Mitteleuropa ausgehenden Protestantismus.
Ausgetragen wurde der Kampf nicht so sehr mit Schwertern, Drachenbooten und Piraterie, sondern als Konflikt und Ineinanderaufgehen von Lebensweisen und Ideen. Das Resultat ist, zu einem guten Teil, unser heutiges Europa.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 23.01.2012)
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Räuberische "Fahrgemeinschaften"
Anders als es der Mythos will, waren die Wikinger kein "Volk zur See". Vielmehr lebten sie über die meiste Zeit des Jahres als Bauern in ihrer skandinavischen Heimat. Neue Forschungen belegen eine dreiteilige Klassenstruktur aus Adligen (so genannten Jarlen), freien Landbesitzern und Sklaven.
Wikinger im engeren Sinne nannten sich überwiegend jüngere Söhne aus landarmen, kinderreichen Familien, die - anfangs nur während der Sommermonate - auf Beutezug gingen.
Ihre "Fahrgemeinschaften" werden von der modernen Forschung als Vorbild der mittelalterlichen Gilden angesehen. Sie kehrten anschließend nach Hause zurück, und lebten während des Winters vom Reichtum und vom Ruhm, den sie im Ausland erworben hatten.
Erst in viel späteren Phasen der Expansion schlugen Nordmänner Winterlager in den eroberten Territorien auf. Aus Netzwerken solcher Lager entstanden eigenständige Herrschaftsbereiche, als deren erfolgreichster die Normandie gilt.
Wikinger-Zentren waren häufig strategisch günstig gelegene Inseln (zum Beispiel an großen Flussmündungen), die wiederum als Basis für Eroberungszüge auch über Land dienten.
Ein Qualitätssprung, verglichen mit Eroberungen anderer Völker, war dabei die Mitnahme von Frauen, die in der alten skandinavischen Gesellschaft frei lebten und eine fast "emanzipierte" Stellung genossen. Oft waren Wikingerzüge der späteren Zeit durch interne Streitigkeiten um Macht und Landbesitz motiviert.
Anders als es der Mythos will, waren die Wikinger kein "Volk zur See". Vielmehr lebten sie über die meiste Zeit des Jahres als Bauern in ihrer skandinavischen Heimat. Neue Forschungen belegen eine dreiteilige Klassenstruktur aus Adligen (so genannten Jarlen), freien Landbesitzern und Sklaven.
Wikinger im engeren Sinne nannten sich überwiegend jüngere Söhne aus landarmen, kinderreichen Familien, die - anfangs nur während der Sommermonate - auf Beutezug gingen.
Ihre "Fahrgemeinschaften" werden von der modernen Forschung als Vorbild der mittelalterlichen Gilden angesehen. Sie kehrten anschließend nach Hause zurück, und lebten während des Winters vom Reichtum und vom Ruhm, den sie im Ausland erworben hatten.
Erst in viel späteren Phasen der Expansion schlugen Nordmänner Winterlager in den eroberten Territorien auf. Aus Netzwerken solcher Lager entstanden eigenständige Herrschaftsbereiche, als deren erfolgreichster die Normandie gilt.
Wikinger-Zentren waren häufig strategisch günstig gelegene Inseln (zum Beispiel an großen Flussmündungen), die wiederum als Basis für Eroberungszüge auch über Land dienten.
Ein Qualitätssprung, verglichen mit Eroberungen anderer Völker, war dabei die Mitnahme von Frauen, die in der alten skandinavischen Gesellschaft frei lebten und eine fast "emanzipierte" Stellung genossen. Oft waren Wikingerzüge der späteren Zeit durch interne Streitigkeiten um Macht und Landbesitz motiviert.
Infobox
Als hervorragende Schiffbauer...
galten die Wikinger zu Recht: Ihre schlanken Ruderboote, deren hölzerne Planken wie Dachziegel überlappten, passten sich elastisch den Bewegungen der Wellen an. Bug und Heck liefen spitz zu und waren sehr hochgezogen. Geschnitzte Drachenköpfe auf den Spitzen erregten Furcht.
Die Boote waren bis zu dreißig Meter lang und um die fünf Meter breit. Platz gab es für ungefähr sechzig Ruderer mit Ausrüstung und Proviant sogar für lange Reisen. Bei günstigem Wind hisste man ein rechteckiges, meist farbiges Segel. Erst spätere Bootstypen erlaubten das Segeln gegen den Wind.
Großer Vorteil der Wikingerboote war ihr flacher Boden: So konnten die Besatzungen sie problemlos an Land ziehen und auch außerhalb von Häfen landen - ideal für Überfälle an unerwarteter Stelle.
Die Navigation richtete sich meist nach markanten Punkten an Land. Über das Vorhandensein einfacher Instrumente, die eine Orientierung an den Sternen erlaubt hätten, wird spekuliert.
galten die Wikinger zu Recht: Ihre schlanken Ruderboote, deren hölzerne Planken wie Dachziegel überlappten, passten sich elastisch den Bewegungen der Wellen an. Bug und Heck liefen spitz zu und waren sehr hochgezogen. Geschnitzte Drachenköpfe auf den Spitzen erregten Furcht.
Die Boote waren bis zu dreißig Meter lang und um die fünf Meter breit. Platz gab es für ungefähr sechzig Ruderer mit Ausrüstung und Proviant sogar für lange Reisen. Bei günstigem Wind hisste man ein rechteckiges, meist farbiges Segel. Erst spätere Bootstypen erlaubten das Segeln gegen den Wind.
Großer Vorteil der Wikingerboote war ihr flacher Boden: So konnten die Besatzungen sie problemlos an Land ziehen und auch außerhalb von Häfen landen - ideal für Überfälle an unerwarteter Stelle.
Die Navigation richtete sich meist nach markanten Punkten an Land. Über das Vorhandensein einfacher Instrumente, die eine Orientierung an den Sternen erlaubt hätten, wird spekuliert.
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Buchtipp
Rudolf Simek, Professor für mittelalterliche deutsche und skandinavische Literatur an der Universität Bonn, schrieb das Taschenbuch Die Wikinger. Dessen 5. Auflage erschien im April 2009.





