Die Botschaft des Rebellen
Nach ihm heißen Hotels, Speisen und Schnäpse: Stülpner Karl wurde zu einem "Botschafter" der Region. Und doch ist die chiffrierte Nachricht von einer fast vergessenen Bauernrevolte die tatsächliche Botschaft des Rebellen.1790: Kavallerie greift sächsische Bauern an. (zeitgenössische Illustration)
Rasch verhängen die Regierenden eine Zensur über alle Nachrichten, die mit der Bauernrevolte in Beziehung stehen. Und später überschatten größere Dinge - Napoleons Heere ziehen über Europa - das lokale Geschehen. Vergessen macht sich breit.
Legenden kommen auf
Zwei oder drei Generationen nach ihrem Auftreten verschwinden historische Ereignisse natürlicherweise aus der direkten Erinnerung. Sie gehen über in eine mittelbarere Form des Erinnerns, welche Historiker und Psychologen Kulturelles Gedächtnis nennen: Die Eltern können den Kindern vom Erleben der Groß- und Urgroßeltern nur noch vage erzählen. Legenden kommen auf, verschlüsselte, eher symbolische Geschichten. Der Historiker - Jahrhunderte später - hat es irgendwann mit Chiffren zu tun, deren verborgenen Sinn er erfassen muss.
Viele Merkmale solch einer verschlüsselten Botschaft trägt die Legende vom Stülpner Karl. Die Überlieferung vom Leben des Carl Heinrich Stilpner - dies sein richtiger Name - weist zum Glück Ansatzpunkte auf, um sie zu dechiffrieren, um sie als Teil des Kulturellen Gedächtnisses an den Aufstand von 1790 im Erwägung zu ziehen.
Das Wild der Herren
Stilpners Herkunft aus kleinen Verhältnissen, Soldat in Sachsen, Hannover und Preußen, nach den Maßstäben der Zeit irgendwann welterfahren, fremde Einflüsse mit sich tragend - das alles liefert den ersten Hinweis. Bald wird Stilpner zum Wildschütz, jagt Wild der Herren, das die Äcker der Bauern verwüstet, und versorgt die Ärmsten mit Fleisch - noch ein Hinweis, der das Grundmotiv, Rebellion und Befreiung, anklingen lässt. Die eingeschobene Erzählung von der Burg, die Stilpner mit wenigen Getreuen belagert haben soll, passt hier hinein.
Schließlich, nach ernsthaften Versuchen sich anzupassen - Stilpner gründet sogar eine Zwirnfabrik -, sehen wir den Ex-Rebellen beim Schmuggel ertappt. Als Gescheiterter zieht der alte Mann erzählend durch seine Heimatregion, ein verbotenes Buch über sich selbst in der Kiepe. Den Mittellosen versorgen Bewohner des Geburtsorts reihum bis zum Tod.
Jagd im Erzgebirge
Wenn die Legende vom Stülpner Karl die verschlüsselte Erzählung der 1790iger Revolte ist, dann sollten sich Grundzüge von Stilpners berichtetem Leben in der Geschichte dieses Aufstands finden. Um sie zu entdecken, müssen wir uns das damalige Geschehen vor Augen führen: Ein strenger Winter, der des Jahres 1789/90, verschlechterte die Lage der Bauern dramatisch. Propheten gingen in Kursachsen umher, die von bevorstehenden großen Ereignissen sprachen.
Der erste Zorn des hungernden kleinen Mannes richtete sich gegen Jagdrechte von Adel und Hof. Bestes Jagdrevier des Adels war das Erzgebirge. Hier brachen auch die frühesten Unruhen aus. Mit Dreschflegeln und Knüppeln zogen die Bauern los. Der Dresdner Hof verzichtete zunächst auf den Einsatz von Militär - und konnte die Wogen noch einmal glätten.
Brennpunkt: Mark Meißen
Um Königstein und in der Lausitz flammt das Feuer aber bald wieder auf. Brennpunkt ist das alte Kerngebiet der Mark Meißen, die Lommatzscher Pflege mit ihren Rittergütern. Aufständische belagern und stürmen Mitte August 1790 das Schloss des Gutsbesitzers Friedrich von Zehmen in Schleinitz. Dort entsteht die erste programmatische Schrift der Bauern. Ihr Autor ist der Seilermeister Christian Gottlieb Geißler aus Liebstadt.
Zur Führungsschicht des Aufstands gehören neben dem Seilermeister andere, juristisch gebildete Personen: Advokaten, Dorfrichter, Studenten. Über sie gerät die Erfahrung des Fremden ins Spiel, die weit über den Horizont der Bauern hinausweist. Und Erfahrung des Fremden, das bedeutet 1790: Kunde von der Französischen Revolution.
Bedingt durch den kurzfristigen Erfolg haben die Bauern Zuzug: Um den 22. August lagern achttausend Aufständische bei den Katzenhäusern, dem Hochplateau zwischen Meißen, Nossen und Lommatzsch. Jetzt ist man in Dresden alarmiert: Eine Kommission unter Vizekanzler von Burgsdorff wird ernannt, das Militär mobilisiert.
Kapitulation und Nachgesang
Ende August stehen kriegsstarke Regimenter mit dreitausend Mann, befehligt vom General von Boblick, bei Meißen. Der Aufstand endet wie jede Bauernrevolte ohne Unterstützung der Städte: Die Aufständischen, denen einheitliche und entschlossene Führung fehlt, müssen kapitulieren. Bis weit in den Oktober hinein dauert der Aufstand in anderen Teilen Sachsens. Dann erst ist endgültig Schluss. Endgültig?
Friedrich August III. - der Gerechte - ist zur Zeit der Revolte sächsischer Kurfürst.
Carl Heinrich Stilpner ist heute Stülpner Karl - harmloses Maskottchen des Fremdenverkehrs mit geeignetem Lokalkolorit. Der Schlüssel zu seiner Botschaft scheint gefunden, und wieder verloren. Die Chance des Entschlüsselns aber haben wir, weil unsere Alltagserfahrung zwar nicht Gleiches, doch Vergleichbares kennt, weil zwischen Arm und Reich, zwischen Unten und Oben, noch immer mehr liegt als nur ein paar erzgebirgische Täler.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 14.12.2011)
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Infobox
Das Erzgebirge...
ist etwa 150 Kilometer lang und 40 Kilometer breit und liegt mit seinem deutschen Teil im Bundesland Sachsen. Auf dem Gebirgskamm verläuft die Grenze zwischen Tschechien und Deutschland.
Höchste Erhebungen sind der Keilberg (1.244 Meter) in Tschechien sowie der Fichtelberg (1.215 Meter) bei Oberwiesenthal. Das Klima des oberen Erzgebirges ist rau und es wird daher scherzhaft auch oft das "Sächsische Sibirien" genannt: Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt nur bei drei bis fünf Grad Celsius.
Das Erzgebirge zählt zu den dicht besiedeltsten Gebirgsregionen Europas und gehört zur so genannten Böhmischen Masse. Zu den größten Städten gehören Freiberg, Annaberg-Buchholz, Schwarzenberg und Aue auf deutscher, sowie Most, Karlsbad, Teplice und Chomutov auf tschechischer Seite.
Derzeit leben im Erzgebirge über 1,2 Millionen Menschen. Die Bevölkerungszahl nimmt seit Jahren durch die schlechte wirtschaftliche Situation rapide ab.
ist etwa 150 Kilometer lang und 40 Kilometer breit und liegt mit seinem deutschen Teil im Bundesland Sachsen. Auf dem Gebirgskamm verläuft die Grenze zwischen Tschechien und Deutschland.
Höchste Erhebungen sind der Keilberg (1.244 Meter) in Tschechien sowie der Fichtelberg (1.215 Meter) bei Oberwiesenthal. Das Klima des oberen Erzgebirges ist rau und es wird daher scherzhaft auch oft das "Sächsische Sibirien" genannt: Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt nur bei drei bis fünf Grad Celsius.
Das Erzgebirge zählt zu den dicht besiedeltsten Gebirgsregionen Europas und gehört zur so genannten Böhmischen Masse. Zu den größten Städten gehören Freiberg, Annaberg-Buchholz, Schwarzenberg und Aue auf deutscher, sowie Most, Karlsbad, Teplice und Chomutov auf tschechischer Seite.
Derzeit leben im Erzgebirge über 1,2 Millionen Menschen. Die Bevölkerungszahl nimmt seit Jahren durch die schlechte wirtschaftliche Situation rapide ab.
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Vom Bergbau zum Handwerk
Anfangs gab das Erz sowohl dem gebirgigen Land seinen Namen, als auch dessen Bewohnern Lohn und Brot. Seit dem Mittelalter hatten umfangreiche Erzvorkommen Siedler ins Land gelockt, welches zuvor die Germanen eher mitleidig Miriquidi, zu Deutsch "Dunkelwald", nannten. Dem Wald wurde seit dem 12. Jahrhundert konsequent zu Leibe gerückt - man rodete, um an die begehrten Bodenschätze zu gelangen und Lebensraum für die Arbeiter zu schaffen.
Schätze wie Kupfer, Silber, Blei, Zinn, Kobalt und Eisen füllten zwar die Truhen der sächsischen Oberen, die Arbeiter machten sie aber nicht reich. Das Erzgebirge blieb eine Armeleuteregion. Der Bergbau sicherte den Bewohnern ein zwar stetiges, doch eher geringes Einkommen.
So machten sich findige Erzgebirgler auf die Suche nach weiteren Erwerbsquellen: Die Männer, von der Arbeit im Bergbau war ihnen der Umgang mit Holz vertraut, schnitzten Gebrauchsgegenstände und Figuren. Die Frauen widmeten sich den Handarbeiten: Häkeln, Herstellung von Schuhen, Stricken, Klöppeln.
Diese Fähigkeiten, Holzschnitzkunst und Klöppeln, wurden in den erzgebirgischen Familien stetig weitergegeben. Als die Erzvorkommen im 19. Jahrhundert zur Neige gingen, machten die Erzgebirgler schließlich aus der Not eine Tugend: Sie sattelten um, vom Bergbau zum Handwerk.
Anfangs gab das Erz sowohl dem gebirgigen Land seinen Namen, als auch dessen Bewohnern Lohn und Brot. Seit dem Mittelalter hatten umfangreiche Erzvorkommen Siedler ins Land gelockt, welches zuvor die Germanen eher mitleidig Miriquidi, zu Deutsch "Dunkelwald", nannten. Dem Wald wurde seit dem 12. Jahrhundert konsequent zu Leibe gerückt - man rodete, um an die begehrten Bodenschätze zu gelangen und Lebensraum für die Arbeiter zu schaffen.
Schätze wie Kupfer, Silber, Blei, Zinn, Kobalt und Eisen füllten zwar die Truhen der sächsischen Oberen, die Arbeiter machten sie aber nicht reich. Das Erzgebirge blieb eine Armeleuteregion. Der Bergbau sicherte den Bewohnern ein zwar stetiges, doch eher geringes Einkommen.
So machten sich findige Erzgebirgler auf die Suche nach weiteren Erwerbsquellen: Die Männer, von der Arbeit im Bergbau war ihnen der Umgang mit Holz vertraut, schnitzten Gebrauchsgegenstände und Figuren. Die Frauen widmeten sich den Handarbeiten: Häkeln, Herstellung von Schuhen, Stricken, Klöppeln.
Diese Fähigkeiten, Holzschnitzkunst und Klöppeln, wurden in den erzgebirgischen Familien stetig weitergegeben. Als die Erzvorkommen im 19. Jahrhundert zur Neige gingen, machten die Erzgebirgler schließlich aus der Not eine Tugend: Sie sattelten um, vom Bergbau zum Handwerk.
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Legendenumwoben...
ist der Robin Hood des Erzgebirges. Was ist an Tatsachen über die als Stülpner Karl bekannt gewordene Person verbürgt? Am 30. September 1762 in Scharfenstein geboren, verlässt das Kind armer Leute früh sein Elternhaus. In Chemnitz lässt sich Carl Heinrich Stilpner als Soldat werben, und desertiert fünf Jahre später. Die Flucht führt ihn über Böhmen, Ungarn, Österreich, Baden, Hessen nach Hannover, wo er in ein Dragonerregiment gepresst wird.
1794, nach einer Episode als preußischer Infanterist im Kampf gegen die Franzosen, kehrt Stilpner nach Scharfenstein zurück. Bis 1800 lebt er dort unbehelligt; in diese Zeit fällt wohl auch seine Aktivität als Wildschütz. Sorgen um den Unterhalt von Frau und Kind treiben ihn 1800 erneut zur sächsischen Armee. Mit ihr erlebt er die Schlacht bei Jena (1806) und gerät in Gefangenschaft. Von dort entwichen, ist Stilpner in Böhmen ansässig.
Wieder in Sachsen, erlangt er gewissen Wohlstand. Beim Schmuggel ertappt und ruiniert, muss Stilpner um 1820 wiederum fliehen. Später zieht er durch seine Heimatregion - erzählt Geschichten aus seinem Leben. Der Verleger Schönborn gibt nach Stilpners Berichten ein Buch heraus, das aber verboten wird. Aus der Armenkasse versorgt, lebt Stilpner bis zu seinem Tod 1841 in Scharfenstein.
ist der Robin Hood des Erzgebirges. Was ist an Tatsachen über die als Stülpner Karl bekannt gewordene Person verbürgt? Am 30. September 1762 in Scharfenstein geboren, verlässt das Kind armer Leute früh sein Elternhaus. In Chemnitz lässt sich Carl Heinrich Stilpner als Soldat werben, und desertiert fünf Jahre später. Die Flucht führt ihn über Böhmen, Ungarn, Österreich, Baden, Hessen nach Hannover, wo er in ein Dragonerregiment gepresst wird.
1794, nach einer Episode als preußischer Infanterist im Kampf gegen die Franzosen, kehrt Stilpner nach Scharfenstein zurück. Bis 1800 lebt er dort unbehelligt; in diese Zeit fällt wohl auch seine Aktivität als Wildschütz. Sorgen um den Unterhalt von Frau und Kind treiben ihn 1800 erneut zur sächsischen Armee. Mit ihr erlebt er die Schlacht bei Jena (1806) und gerät in Gefangenschaft. Von dort entwichen, ist Stilpner in Böhmen ansässig.
Wieder in Sachsen, erlangt er gewissen Wohlstand. Beim Schmuggel ertappt und ruiniert, muss Stilpner um 1820 wiederum fliehen. Später zieht er durch seine Heimatregion - erzählt Geschichten aus seinem Leben. Der Verleger Schönborn gibt nach Stilpners Berichten ein Buch heraus, das aber verboten wird. Aus der Armenkasse versorgt, lebt Stilpner bis zu seinem Tod 1841 in Scharfenstein.



