Das Lächeln der Samoanerinnen
Bestimmen die Gene menschliches Verhalten? Oder tut das immer nur die Kultur? Was sind die Ursachen von Ungleichheit und Gewalt? Eine anthropologische Studie sollte Antworten geben.Steine fliegen, Autos brennen, Vermummte werfen Molotowcocktails auf Polizisten. Dominiert wird die Szene des Aufruhrs, der im November 2007 die Pariser Vororte erfasst, von Gruppen zorniger junger Menschen, so gut wie ausschließlich männlichen Geschlechts.
Offenbar ist diese Struktur nicht nur den Krawallen in der französischen Metropole eigen: Ob in Paris oder in Berlin, im "kapitalistischen" San Francisco oder im "kommunistischen" Havanna, ob in Peking oder in St. Petersburg - an fast jedem Ort begegnet man Horden rebellischer junger Männer, und in fast jeder Zivilisation. Wo es sie nicht gibt, da bahnt die vom Testosteron, dem männlichen Sexualhormon, getriebene Aggression sich eben andere Wege.
Altlast der Gene?
Kontrovers verlief bisher die Suche nach Gründen: Erzeugen gesellschaftliche Verhältnisse, Benachteiligung und in der Kultur verankerte Tabus den Triebstau, der hier zum Ausbruch gelangt? Oder sind solche Aggressionen schlicht Altlast der Gene, Erbe aus Hunderttausenden Jahren menschlicher Evolution? "Linke" Sozialwissenschaftler und "rechte" Evolutionstheoretiker stritten lange um Deutungshoheit auf einem Feld, das tatsächlich weit mehr als bloße Straßengewalt umfasst.
Der Harvard-Politologe Samuel P. Huntington weist auf den vielleicht wichtigsten Umstand hin. Für die im ausgehenden Zwanzigsten Jahrhundert wiedererstandene Gewalt in vielen Weltregionen macht Huntington demografische Faktoren verantwortlich: Jede Population mit einem Jugendanteil von über zwanzig Prozent müsse Gewalt im Inneren erleiden oder nach außen kanalisieren. Terror und Bürgerkriege und eine Vielzahl lokaler Auseinandersetzungen hätten ihre Ursachen in explosivem Bevölkerungswachstum und in einer unabänderlichen evolutionären Gegebenheit: junge Männer lassen gern die Fäuste sprechen.
Chancen für den Frieden?
Muss das so sein? Handelt es sich wirklich um ein biogenetisch bestimmtes Faktum, das irgendwann einmal Reproduktionsvorteile mit sich brachte - oder spricht nicht doch die Kultur das entscheidende Wort? Falls letzteres zuträfe, bestünden immerhin Chancen, Gesellschaft so umzugestalten, dass Millionen junger Menschen Triebstau, Frustration und daraus hervorgehende Aggressionsgelüste erspart blieben. Die Welt wäre um einiges an Frieden reicher.
Margaret Mead, die Kulturanthropologin, auf dem Höhepunkt ihres Schaffens: Fans ernannten sie zur "Mutter der Welt".
Vordenkerin des linksliberalen Credos war die US-amerikanische Anthropologin Margaret Mead. Sozialverhalten, so die umtriebige Forscherin, sei grundsätzlich formbar: Es gebe keine biologisch-genetischen Determinanten, die für alle Menschen gleichermaßen gelten. Zum Beleg genüge ein exemplarischer Nachweis, wie radikal anders Verhalten unter anderen sozialen Voraussetzungen sein könne. Romantischerweise suchte und fand Mead ihre Anderswelt auf der Südseeinsel Samoa.
Bericht von der glücklichen Insel
Meads bekannteste anthropologische Feldstudie, die erstmals 1928 unter dem Titel Kindheit und Jugend auf Samoa erschien, erzielte durchschlagende Verkaufserfolge. Dazu trug das für damalige Verhältnisse spektakuläre Cover bei: eine barbusige tropische Schönheit mit ihrem Geliebten bei Vollmond am Strand. Im Text stellt Mead die von ihr vermeintlich beobachtete paradiesische Gesellschaft vor: Pubertät ohne seelische Krisen, ohne Aufsässigkeit und Unsicherheit...
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Evolutionäres Denken...
ist und war niemals nur Sache von Biologen. Fast zeitgleich mit dem Entstehen von Darwins Theorie wandten Philosophen und Soziologen den Darwinismus auch auf nichtbiologische Organismen beziehungsweise soziale Systeme an. Solche nichtbiologischen Organismen sind zum Beispiel die Gesellschaft im Ganzen, einzelne Staaten und Nationen, Unternehmen, bürokratische Organisationen und anderes mehr.
Begründer dieses so genannten Universal- oder Kulturdarwinismus ist der englische Soziologe Herbert Spencer (1820 bis 1903). Von Spencer - und nicht von Darwin selbst - stammt der Leitsatz des survival of the fittest (Überleben der am besten Angepassten). Die drei Basisschritte biologischer evolutionärer Entwicklung - Variation, Selektion, Reproduktion - meint Spencer in der gleichen Weise auf Konkurrenz und Überleben sozialer Systeme (eigentlich jedes beliebigen Systems) beziehen zu können.
Sogar das Universum funktioniert laut Spencer wie ein gigantischer Organismus, der den Prinzipien der Evolution unterworfen ist. Geleitet von der "unsichtbaren Hand" der Evolution setze sich schließlich durch, was am besten zum Überleben des jeweiligen Organismus beiträgt. Spencer bekannte sich ausdrücklich zum politischen und wirtschaftlichen Liberalismus - und insbesondere zum Prinzip der freien Konkurrenz in allen Lebensbereichen, wobei die Rolle des Staates darin bestehe, freie Konkurrenz mit allen Mitteln zu garantieren.
Spencer gilt heute als frühester und wichtigster Vertreter des Sozialdarwinismus. Ebenso wie zum Neoliberalismus der Gegenwart führt eine Gedankenlinie von Spencers Ideen zur Geopolitik und Lebensraumtheorie der deutschen Nationalsozialisten. Karl Haushofer (1896 bis 1946), als Münchner Professor Begründer der Lebensraumtheorie und akademischer Lehrer von Rudolf Heß, stand auf Spencers Schultern. Auf ähnliche Weise sind eugenische Ansätze, die während der 1920er und 1930er Jahre vor allem in Schweden, den USA, Deutschland und Großbritannien entwickelt wurden, mit Spencers Werk verknüpft.
ist und war niemals nur Sache von Biologen. Fast zeitgleich mit dem Entstehen von Darwins Theorie wandten Philosophen und Soziologen den Darwinismus auch auf nichtbiologische Organismen beziehungsweise soziale Systeme an. Solche nichtbiologischen Organismen sind zum Beispiel die Gesellschaft im Ganzen, einzelne Staaten und Nationen, Unternehmen, bürokratische Organisationen und anderes mehr.
Begründer dieses so genannten Universal- oder Kulturdarwinismus ist der englische Soziologe Herbert Spencer (1820 bis 1903). Von Spencer - und nicht von Darwin selbst - stammt der Leitsatz des survival of the fittest (Überleben der am besten Angepassten). Die drei Basisschritte biologischer evolutionärer Entwicklung - Variation, Selektion, Reproduktion - meint Spencer in der gleichen Weise auf Konkurrenz und Überleben sozialer Systeme (eigentlich jedes beliebigen Systems) beziehen zu können.
Sogar das Universum funktioniert laut Spencer wie ein gigantischer Organismus, der den Prinzipien der Evolution unterworfen ist. Geleitet von der "unsichtbaren Hand" der Evolution setze sich schließlich durch, was am besten zum Überleben des jeweiligen Organismus beiträgt. Spencer bekannte sich ausdrücklich zum politischen und wirtschaftlichen Liberalismus - und insbesondere zum Prinzip der freien Konkurrenz in allen Lebensbereichen, wobei die Rolle des Staates darin bestehe, freie Konkurrenz mit allen Mitteln zu garantieren.
Spencer gilt heute als frühester und wichtigster Vertreter des Sozialdarwinismus. Ebenso wie zum Neoliberalismus der Gegenwart führt eine Gedankenlinie von Spencers Ideen zur Geopolitik und Lebensraumtheorie der deutschen Nationalsozialisten. Karl Haushofer (1896 bis 1946), als Münchner Professor Begründer der Lebensraumtheorie und akademischer Lehrer von Rudolf Heß, stand auf Spencers Schultern. Auf ähnliche Weise sind eugenische Ansätze, die während der 1920er und 1930er Jahre vor allem in Schweden, den USA, Deutschland und Großbritannien entwickelt wurden, mit Spencers Werk verknüpft.



