Der Wegbereiter
Er machte Darwin in Deutschland populär: Ernst Haeckel. Aber das ist längst nicht die ganze Geschichte. Mit Haeckel beginnt auch der deutsche Weg ins Gruselkabinett der Eugenik.Es gibt ein Buch, das am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts zur Bibliothek jedes deutschen Bildungsbürgers gehörte: Die Welträthsel lautet der etwas unbescheidene Titel des 472 Seiten umfassenden Werks.
Respektheischend sind die akademischen Würden des Verfassers auf dem grauen Einband vermerkt: Doktor der Philosophie, Doktor der Medizin, Doktor der Rechte, Doktor der Wissenschaften, Professor an der Universität Jena. Damals wie heute billigt man dem Autor der Welträthsel das Verdienst zu, Darwins Evolutionstheorie in Deutschland zum geistigen Allgemeingut gemacht zu haben.
Was überall gilt
Neben dem Erscheinungsdatum, 1899, führt der schlichte graue Einband einen Untertitel auf: "Gemeinverständliche Studien", steht da, "über monistische Philosophie". Monismus - das war doch der seit der Antike immer wieder riskierte Versuch, Universum und Mensch, Materie und Geist, die Vielfalt der Dinge, aus einem einzigen, überall geltenden Urprinzip herzuleiten. Welches Prinzip sollte das sein, jetzt, wo doch gerade das neue, Zwanzigste Jahrhundert beginnt, Wissenschaften, Künste und Industrien sich spezialisieren - und die großen, einheitlichen Systeme der Philosophen bloß noch zum Lächeln reizen?
Das Prinzip heißt: Evolution! Ernst Haeckel, Verfasser der Welträthsel, Doktor der Philosophie, Doktor der Rechte, Doktor der Medizin ..., dazu Darwinist, Monist und höchst produktiver Bücherschreiber, war mehr als nur deutscher Verkünder des großen Engländers Darwin: Zwar schildert auch Haeckel, getreu Darwins Vorbild, wie im Reich der Natur aus dem Einen das Viele, aus dem Einfachen das Komplexe wird, wie Variationen derselben Art und daraus unzählige Arten entstehen, wie Selektion Unpassendes eliminiert und so die Richtung ewig währenden Fortschritts bestimmt...
Ernst Haeckel und sein Assistent Nicolaus von Miclucho-Maclay 1866 auf einer der Kanarischen Inseln.
Doch der Jenaer Professor fügt dem biologischen Grundstock des Darwinismus Substantielles hinzu. Da wäre erstens die Theorie der embryonalen Rekapitulation, über die Darwin bloß Andeutungen hinterließ: Der menschliche Embryo vollziehe, so Haeckel, im Zeitraffertempo noch einmal den Evolutionsprozess seiner Ahnen nach. Während gewisser Stadien im Mutterleib bilde er etwa Kiemenbögen aus wie die Fische oder einen Schwanz wie die Affen.
Mit einem Wort: Ontogenese (Individualentwicklung) rekapituliert Phylogenese (Stammesentwicklung). Heute lehnen Biologen den Gedanken als zu stark vereinfachend ab. Zweitens postulierte Haeckel erstmals die Idee des gemeinsamen Ursprungs aller lebenden Organismen - und führte die menschliche Ahnenreihe auf einen hypothetischen Ur-Menschen namens Homo primigenius zurück. Auch das gilt heute als überholt.
Ewiger Rhythmus
Tatsächlich ist Ernst Haeckels eigentlicher und dauerhafter theoretischer Beitrag das Verallgemeinern des darwinistischen Evolutionsprinzips: Alles schreitet fort im ewigen Rhythmus der evolutionären Triade Variation, Selektion, Replikation - und zwar vom Einfachen zum Komplexen, von der niederen zur höheren Gestalt.
Wie meist bei den diversen Spielarten des Darwinismus beginnt auch bei Haeckel das fundamentale Problem mit der Gleichsetzung von Natur- und Kulturgeschichte: Beide gehorchen, angeblich, gleichen (Natur-)Gesetzen. Im Biologischen nimmt der Fortschrittsglaube eine Stufenleiter alles Lebendigen an, auf deren oberster Sprosse der Mensch steht.
"Höhere" und "niedere" Rassen
Ebendieser Glaube an ewiges Fortschreiten schließt Endpunkte logisch aus. Ergebnis der Evolution müssen im Zeitverlauf immer "höhere" Menschenrassen sein, welche "niederen" Rassen - quasi eingefrorenen Entwicklungsstadien - im Kampf ums Dasein gegenüberstehen. "Die Unterschiede zwischen den höchsten und niedersten Menschen sind größer als diejenigen zwischen den niedersten Menschen und den höchsten Tieren", schreibt Haeckel in seiner Generellen Morphologie.
Dass sich - in dieser Theorie - eine Gegebenheit menschlichen Bewusstseins lediglich spiegelt, nämlich das Denken in Hierarchien, konnte Haeckel nicht sehen. Ebenso, wie es Darwinisten überhaupt schwer fällt, das Phänomen Bewusstsein - als spezifische Eigenschaft des schöpferischen, Wirklichkeiten entwerfenden menschlichen Individuums - in ihren vereinheitlichenden Theorien unterzubringen: Hatte Bewusstsein denn je reproduktive Vorteile hervorgebracht? Wieso sollte die Fähigkeit zu abstraktem, reflektierendem Denken zu besseren Fortpflanzungschancen führen? Wozu also ist es gut? Und warum ist es entstanden? ...
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Infobox
1834, 16. Februar: Ernst Haeckel wird in Potsdam geboren.
1852: Abitur in Merseburg. Aufnahme des Medizinstudiums: Obwohl er sich bereits während der Schulzeit intensiv der Pflanzenkunde widmet, studiert Haeckel auf Wunsch der Eltern Medizin in Berlin, Würzburg und Wien.
1857: Promotion in Berlin
1858: Staatsexamen. Haeckel gibt die Medizinerlaufbahn jedoch auf und widmet sich der vergleichenden Anatomie und Zoologie.
1861: Habilitation an der Universität Jena mit einer Arbeit über die Ordnung von Rhizopoden (Wurzelfüßer).
1862: Berufung zum außerordentlichen Professor an der Medizinischen Fakultät für vergleichende Anatomie in Jena.
1865: Ordinarius für Zoologie. Übertritt zur Philosophischen Fakultät. Zeitlebens wird Haeckel in Jena bleiben.
1866: Haeckel trifft Charles Darwin in England. In Generelle Morphologie der Organismen bemüht sich Haeckel um den Ausbau von Darwins Lehre; er vertritt die Vorstellung vom Kosmos als "allumfassendes Naturganzes", das durch ein allgemeingültiges Kausalgesetz beherrscht wird. Einen Gott als "persönlichen Schöpfer" lehnt Haeckel ebenso ab wie die Trennung von Geist und Materie. In der Folgezeit formuliert er seinen Monismus.
ab 1869: Ausgedehnte Forschungsreisen in den Orient, nach Skandinavien, Dalmatien, Korfu, Korsika, Frankreich und Großbritannien.
1872: Haeckel formuliert das Biogenetische Gesetz: die Entwicklung des Individuums (Ontogenese) durchläuft nochmals die seiner Gattung (Phylogenese).
1874: Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen: Haeckel formuliert die Abstammung des Menschen von affenähnlichen Primaten.
ab 1874: Zahlreiche Veröffentlichungen sowie Kongress- und Vortragsreisen, um die so genannte Gastraea-Theorie vom einheitlichen Ursprung aller vielzelligen Tiere vorzustellen. Die Mannigfaltigkeit der organischen Formen führt Haeckel auf die selektive Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung zurück.
1877: Haeckel fordert eine naturwissenschaftliche Ausrichtung der Volksschule und die Abschaffung des Religionsunterrichts.
1899: Veröffentlichung der Welträthsel. Haeckels populärstes Buch wird in 25 Sprachen übersetzt.
1910: Austritt aus der Evangelischen Kirche.
1914: In Gottnatur (Theophysis). Studien über die Monistische Religion formuliert Haeckel den Monismus als Vermittler von Religion und Naturwissenschaft.
1919, 9. August: Ernst Haeckel stirbt in seiner Villa Medusa in Jena. Den umfangreichen Nachlass und die Villa vermacht er der Universität.
1852: Abitur in Merseburg. Aufnahme des Medizinstudiums: Obwohl er sich bereits während der Schulzeit intensiv der Pflanzenkunde widmet, studiert Haeckel auf Wunsch der Eltern Medizin in Berlin, Würzburg und Wien.
1857: Promotion in Berlin
1858: Staatsexamen. Haeckel gibt die Medizinerlaufbahn jedoch auf und widmet sich der vergleichenden Anatomie und Zoologie.
1861: Habilitation an der Universität Jena mit einer Arbeit über die Ordnung von Rhizopoden (Wurzelfüßer).
1862: Berufung zum außerordentlichen Professor an der Medizinischen Fakultät für vergleichende Anatomie in Jena.
1865: Ordinarius für Zoologie. Übertritt zur Philosophischen Fakultät. Zeitlebens wird Haeckel in Jena bleiben.
1866: Haeckel trifft Charles Darwin in England. In Generelle Morphologie der Organismen bemüht sich Haeckel um den Ausbau von Darwins Lehre; er vertritt die Vorstellung vom Kosmos als "allumfassendes Naturganzes", das durch ein allgemeingültiges Kausalgesetz beherrscht wird. Einen Gott als "persönlichen Schöpfer" lehnt Haeckel ebenso ab wie die Trennung von Geist und Materie. In der Folgezeit formuliert er seinen Monismus.
ab 1869: Ausgedehnte Forschungsreisen in den Orient, nach Skandinavien, Dalmatien, Korfu, Korsika, Frankreich und Großbritannien.
1872: Haeckel formuliert das Biogenetische Gesetz: die Entwicklung des Individuums (Ontogenese) durchläuft nochmals die seiner Gattung (Phylogenese).
1874: Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen: Haeckel formuliert die Abstammung des Menschen von affenähnlichen Primaten.
ab 1874: Zahlreiche Veröffentlichungen sowie Kongress- und Vortragsreisen, um die so genannte Gastraea-Theorie vom einheitlichen Ursprung aller vielzelligen Tiere vorzustellen. Die Mannigfaltigkeit der organischen Formen führt Haeckel auf die selektive Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung zurück.
1877: Haeckel fordert eine naturwissenschaftliche Ausrichtung der Volksschule und die Abschaffung des Religionsunterrichts.
1899: Veröffentlichung der Welträthsel. Haeckels populärstes Buch wird in 25 Sprachen übersetzt.
1910: Austritt aus der Evangelischen Kirche.
1914: In Gottnatur (Theophysis). Studien über die Monistische Religion formuliert Haeckel den Monismus als Vermittler von Religion und Naturwissenschaft.
1919, 9. August: Ernst Haeckel stirbt in seiner Villa Medusa in Jena. Den umfangreichen Nachlass und die Villa vermacht er der Universität.
Infobox
Woher hat der Mensch die Sprache?
Gewiss, schon Tiere kommunizieren über Laute - und beziehen daraus Vorteile unterschiedlicher Art. Das menschliche Sprachvermögen - als Ausdruck und Existenzform hoch entwickelten Bewusstseins - scheint jedoch eine eigene Qualität darzustellen. Menschen benutzen Sprache, um Wirklichkeiten zu erschaffen: Ohne Sprache gäbe es keine Naturgesetze, weil das Mittel fehlen würde, sie zu formulieren. Wissenschaft, Kunst, ja die menschliche Gesellschaft mit ihren ständig wechselnden Strömungen, Theorien und Vereinbarungen wären ohne Sprache undenkbar.
Welche evolutionären Vorteile aber bietet diese spezifisch menschliche Fähigkeit? Lässt Sprache sich überhaupt evolutionsbiologisch - als Ergebnis von Selektionsprozessen - deuten? Der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky beantwortet die Frage mit einem klaren Nein. Für Chomsky ist die Funktionsweise des menschlichen Geistes eine Angelegenheit, die mit dem Instrumentarium des menschlichen Geistes niemals bis ins Letzte aufzuklären ist.
Vergleichbar argumentiert der US-amerikanische Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould: Gould sieht im "Sprachmodul" des menschlichen Gehirns eher ein zufälliges Nebenprodukt unserer mentalen Architektur, nicht jedoch ein Resultat zielgerichteter Anpassung. Gould gelangt darüber hinaus zu dem Schluss, dass die Annahme falsch sei, alle oder auch nur die meisten Merkmale von Lebewesen seien durch natürliche Selektion zu erklären.
Gewiss, schon Tiere kommunizieren über Laute - und beziehen daraus Vorteile unterschiedlicher Art. Das menschliche Sprachvermögen - als Ausdruck und Existenzform hoch entwickelten Bewusstseins - scheint jedoch eine eigene Qualität darzustellen. Menschen benutzen Sprache, um Wirklichkeiten zu erschaffen: Ohne Sprache gäbe es keine Naturgesetze, weil das Mittel fehlen würde, sie zu formulieren. Wissenschaft, Kunst, ja die menschliche Gesellschaft mit ihren ständig wechselnden Strömungen, Theorien und Vereinbarungen wären ohne Sprache undenkbar.
Welche evolutionären Vorteile aber bietet diese spezifisch menschliche Fähigkeit? Lässt Sprache sich überhaupt evolutionsbiologisch - als Ergebnis von Selektionsprozessen - deuten? Der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky beantwortet die Frage mit einem klaren Nein. Für Chomsky ist die Funktionsweise des menschlichen Geistes eine Angelegenheit, die mit dem Instrumentarium des menschlichen Geistes niemals bis ins Letzte aufzuklären ist.
Vergleichbar argumentiert der US-amerikanische Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould: Gould sieht im "Sprachmodul" des menschlichen Gehirns eher ein zufälliges Nebenprodukt unserer mentalen Architektur, nicht jedoch ein Resultat zielgerichteter Anpassung. Gould gelangt darüber hinaus zu dem Schluss, dass die Annahme falsch sei, alle oder auch nur die meisten Merkmale von Lebewesen seien durch natürliche Selektion zu erklären.



