Menschen und Deiche
Ebbe und Flut - Alltag für die Menschen an der Küste. Wann das Meer verschwindet und wann die Wellen an die Deiche spülen, ist aus langer Erfahrung bekannt. Das Watt ist dennoch gefährliches Terrain.Lang, lang ist's her, da schuf Gott das Land. Am nächsten Tag machte er das Wasser, am übernächsten Tag baute er den Deich. Das Wasser wagte sich nun voll Neugier nah an den Deich heran - und lugte ein bisschen drüber. Auf einmal stand da ein Ostfriese, das Wasser erschrak und strömte zurück. Seitdem kommt das Wasser zweimal am Tag, um zu sehen, ob der Ostfriese noch da ist.
Theorie und Legende
Sehr unterschiedliche Vorstellungen rankten sich einst um die Entstehung der Gezeiten: Im 16. Jahrhundert glaubte man, Ebbe und Flut schlicht mit der Erdrotation erklären zu können: Die Meere schwappen eben über, wie Wasser in einem Eimer, den jemand anstößt.
Johannes Keppler, der Astronom, vermutete die Ursache in der Planetenbewegung - was der Sache schon ganz schön nahe kam. Eher daneben lag René Descartes, der Philosoph: Das Weltall sei mit "Äther" gefüllt, der Kräfte vom Mond übertrage, schließlich am Wasser reibe, und es zum Schwingen bringe. Immerhin, irgendwie ist sogar da was dran.
Verlässliche Beobachtungen
Den Ostfriesen - wie überhaupt den Menschen am Meer - interessierte das erstmal wenig: Denn nicht nur das Wasser sah den Ostfriesen, der Ostfriese sah umgekehrt auch das Wasser. So konnte er seine Uhr danach stellen und wusste mittlerweile, wann das Wasser wieder über den Deich schauen will. Das reicht für einen verlässlichen Gezeitenkalender. Niemand muss sich auf dem Weg zur Nachbarinsel mehr nasse Füße holen. Und das Aus- und Einlaufen von Schiffen - je nach Ladung und Tiefgang bei Hoch- oder Niedrigwasser - wird planbar.
Herausforderung Wattenmeer
Allerdings ist es damit nicht getan. Denn das Auf und Ab des Meeres prägt den gesamten Lebensraum am Watt, an der "Frontzone" zwischen nassem Element und festem Land. Dauernd ist die Küstenlinie im Wandel begriffen: Fluten lagern Sand und Sedimente ab, andererseits schwemmt die Brandung bei hohem Meeresspiegel manches Stück Uferlandschaft davon.
Derart Unbeständigkeit birgt natürlich auch Gefahren: Der silbrig glänzende, bei Ebbe freiliegende Meeresboden lädt zum Wandern ein. Aber Wasserrinnen, so genannte Priele, können Unkundigen überraschend den Rückweg verlegen. Plötzlich aufkommender Nebel ließ sogar schon erfahrene Einheimische die Orientierung verlieren.
Die Kraft der Wellen
An der Küste eines Wattenmeeres zu wohnen, ist also mit echten Herausforderungen verbunden. Doch der Mensch hat Mittel gefunden, sich anzupassen und das Naturphänomen zu nutzen. Er baut Deiche gegen Überschwemmungen und Landverluste; inzwischen dient die Kraft der Wellen und des wechselnden Wasserpegels dem ökologischen Erzeugen von Strom: Gezeitenkraftwerke machen das möglich.
Ökosystem in Not
Je besser der Mensch das Ökosystem im Griff hat, desto mehr schädigt er es aber auch. Nicht genug, dass Jahr für Jahr gigantische Mengen an Abfall im Meer verschwinden. Großbauprojekte und Touristen stören heimische Wirbeltiere und Vögel und vertreiben die feinfühligen Lebewesen aus ihrem ursprünglichen Lebensraum.
Das Wasser kann wegen ausgeklügelter Deichsysteme nicht weiter landeinwärts wandern. Es dehnt sich aber durch die globale Erwärmung unvermeidlich aus, und "ertrinkt" letzten Endes an sich selbst. Kein Wunder, dass die Küstenbewohner, bei so komplexen Zusammenhängen, letztendlich genau wissen wollten, was oder wer für ihre besondere Situation verantwortlich ist...
Carolin Hanisch/Michael Schmittbetz (11.12.2006)
Infobox
Flut, Springflut, Sturmflut
Der wichtigste Faktor beim Spiel der Gezeiten ist der Mond. Doch auch die Sonne hat Einfluss auf das Naturphänomen: Wenn Erde, Mond und Sonne nämlich auf einer Geraden stehen (wie bei Voll- und Neumond), wirkt die Gravitationskraft der beiden letztgenannten Himmelskörper vereint und es entstehen besonders starke Gezeiten. Im Fachjargon heißt so etwas Springtide (Springflut).
Wenn dann ein kräftiger Sturm hinzukommt, der das Wasser Richtung Land drückt, entsteht eine Sturmflut. Die erste bekannte Sturmflutkatastrophe an der Nordseeküste war die Grote Mandränke im Jahr 1362. Weite Landteile wurden überschwemmt und gingen verloren, der Ort Rungholt versank gänzlich in den Wellen. Ähnliches passierte 1634: Ungefähr neuntausend Menschen starben, Überschwemmungen zerrissen die Insel Strand in kleine Inselgruppen.
Schon ab dem 14. Jahrhundert begannen die Küstenbewohner mit dem organisiertem Deichbau, um sich vor weiteren Fluten zu schützen und vor allem um verlorenes Land wieder zurück zu gewinnen. Die bislang letzte Sturmflut mit katastrophalen Auswirkungen brach 1962 über Hamburg herein. Auslöser war ein Sturmtief, das die Meteorologen zunächst unterschätzt hatten. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar brachen mehr als fünfzig Deiche, mehr als dreihundert Menschen kamen dabei um und über sechzigtausend wurden obdachlos.
Der wichtigste Faktor beim Spiel der Gezeiten ist der Mond. Doch auch die Sonne hat Einfluss auf das Naturphänomen: Wenn Erde, Mond und Sonne nämlich auf einer Geraden stehen (wie bei Voll- und Neumond), wirkt die Gravitationskraft der beiden letztgenannten Himmelskörper vereint und es entstehen besonders starke Gezeiten. Im Fachjargon heißt so etwas Springtide (Springflut).
Wenn dann ein kräftiger Sturm hinzukommt, der das Wasser Richtung Land drückt, entsteht eine Sturmflut. Die erste bekannte Sturmflutkatastrophe an der Nordseeküste war die Grote Mandränke im Jahr 1362. Weite Landteile wurden überschwemmt und gingen verloren, der Ort Rungholt versank gänzlich in den Wellen. Ähnliches passierte 1634: Ungefähr neuntausend Menschen starben, Überschwemmungen zerrissen die Insel Strand in kleine Inselgruppen.
Schon ab dem 14. Jahrhundert begannen die Küstenbewohner mit dem organisiertem Deichbau, um sich vor weiteren Fluten zu schützen und vor allem um verlorenes Land wieder zurück zu gewinnen. Die bislang letzte Sturmflut mit katastrophalen Auswirkungen brach 1962 über Hamburg herein. Auslöser war ein Sturmtief, das die Meteorologen zunächst unterschätzt hatten. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar brachen mehr als fünfzig Deiche, mehr als dreihundert Menschen kamen dabei um und über sechzigtausend wurden obdachlos.




