Invasion vom Mars?
1898 erschien H. G. Wells' Roman Krieg der Welten über die Zerstörung der Erde durch Marsianer. Mit einer "Live"-Reportage über solch einen Angriff versetzte vierzig Jahre später Orson Welles Amerika in Panik.30. Oktober 1938: Die Invasion beginnt...
Fiktion und Hysterie
Wie ein Tatsachenbericht - mit Interviews und anderen "O-Tönen" - inszenierte Orson Welles seine Hörspiel-Adaption des Romans Krieg der Welten. Die fiktive Reportage soll, Zeitungsberichten zufolge, zu massenhaften hysterischen Reaktionen bei Einwohnern von New Jersey und New York geführt haben. Auf viele Bürger der beiden Bundesstaaten wirkte das Szenario dermaßen authentisch, dass sie einen realen Angriff Außerirdischer unterstellten. Welche Grundstimmung gehört eigentlich dazu, um so drastisch einer Fiktion auf den Leim zu gehen? Wovor fürchteten sich die Menschen wirklich?
Orson Welles' Hörspiel War of the Worlds über eine Invasion vom Mars versetzte die Hörer 1938 massenhaft in Schrecken.
Das Hörspiel, das Orson Welles weltberühmt machte und der Grundstein seiner Hollywood-Karriere war, basiert auf der Geschichte des englischen Schriftstellers Herbert George Wells. 1898 erschien sie erstmals als Buch.
In dem für die Science-Fiction-Literatur grundlegenden Roman greifen Marsianer in dreibeinigen Kampfmaschinen Großbritannien an, um von hier aus die rohstoffreiche Erde zu erobern. Die Menschen mit all ihren Waffen und ihrer Intelligenz sind den außerirdischen Invasoren hoffnungslos unterlegen. Erst schlichte Bakterien besiegen die Marsianer, deren Schwachpunkt ein unterentwickeltes Immunsystem ist.
Hässliche Neider
Wells beschreibt die Marsianer als Ungeheuer, die voller Neid auf die blühende Erde blicken, und deren grauenvolle Hässlichkeit die Menschen mit Abscheu erfüllt. Die allumfassende Zerstörungswut der Eindringlinge bedeutet bei Wells den "Anfang vom Ende der Zivilisation". Doch handelt es sich weniger um ein Horrorspektakel als um mahnende Utopie.
Vertauschte Rollen
Denn Wells war die schreckliche Bildlichkeit der Marsinvasion lediglich Mittel zum Zweck, um psychologische Dispositionen und gesellschaftliche Widersprüche des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts darzustellen. So kann sein Roman als Satire auf die Kolonialpolitik des britischen Empire gesehen werden: Opfer und Eroberer haben ihre Rollen vertauscht, England wird zum Ziel von Invasoren. Und als zusätzlicher böser Seitenhieb erretten dann auch noch primitive Lebensformen das britische Weltreich.
Irdische "Eindringlinge"
Das Schema der Bedrohung von Außen, auf dem diese Geschichte basiert, erzeugt auch heute noch zahlreiche zweifelhafte Übertragungsmechanismen: Außerirdische Wesen - Fremdlinge - von grauenvoller äußerer Erscheinung, greifen die Erde an, um sie zu zerstören oder zu unterwerfen, bis sie schließlich von tapferen Einzelkämpfern, dem Militär oder aber dem puren Zufall vertrieben und vernichtet werden.
Die Bedrohung jedoch bleibt und zwingt zu Vorbereitungen: Wohlverhalten bei staatlichen Anordnungen, Wachsamkeit und Misstrauen gegenüber allem Andersartigen gehören dazu. So kann das Grundmuster leicht auch auf andere, ganz irdische "Eindringlinge" übertragen werden: Ausländer, Muslime, Juden, Kommunisten - menschliche Feindbilder gibt es zur Genüge.
Phantastische Bedrohung
Die "projizierende" Rezeption, bei der die fiktive Invasion durch eine fremde Macht als wirkliche, unmittelbare und jeden einzelnen betreffende Gefahr wahrgenommen wird, lag auch den Panikreaktionen am 30. Oktober 1938 zugrunde. So, wie Wells' Roman das Bewusstsein der Jahrhundertwende verdeutlicht, spiegelte sich hier, genau vierzig Jahre später, die Angst vor dem bevorstehenden Kriegsausbruch. Unter Ausschaltung aller Rationalität glaubten Menschen an eine "phantastische" Bedrohung und reagierten entsprechend.
George Orson Welles (1915 bis 1985) war Regisseur und Schauspieler. Für den Film Citizen Kane bekam er 1941 seinen ersten Oscar. (Bild: Carl Van Vechten, LoC)
Die manipulative Konstruktion des Hörspiels verstärkte den Effekt: "Wirklichkeitsfetzen", wie "Live"-Sprecher und -Geräusche, Schreie oder atemloses Durcheinanderreden, waren Generatoren der affektiven Handlungen vieler Hörer. Vorgetäuschte Befehle und Nachrichten mobilisierten: Als hätte die "letzte Radiosendung" ernst gemeinte Anweisungen gegeben, machte so mancher genau das, was im Hörspiel die fiktionalen Einwohner New Jerseys und New Yorks taten.
Leben heißt Kommunizieren
Orson Welles Hörspiel beschreibt nicht zuletzt die schrittweise Störung und Zerstörung von Kommunikation. Nach der "Live-Dokumentation" entsetzlichen Grauens endet das Stück mit dem Monolog eines Überlebenden. Für Welles resultiert aus der Zerstörung des Außen die Besinnung auf das Innen, das Selbst des Menschen. Doch diese Ich-Bezogenheit, die schon in Wells' Romanvorlage kritisiert wurde, ist hier keine positive Erkenntnis: Denn mit dem Ende aller wirklichen Kommunikation beschreibt War of the Worlds gleichzeitig auch das Ende der menschlichen Zivilisation. Eine Utopie - heute gültiger und aktueller denn je.
Ulrike Wolf (18.12.2003)
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Infobox
Orson Welles' War of the Worlds
Als Gast einer Radiostation spricht Orson Welles über außerirdische Intelligenzen, als die Sendung von einer aktuellen Durchsage unterbrochen wird: Der Reporter Carl Phillips berichtet live von der Landung mehrerer Raumschiffe mit Marsmenschen.
Minute 15: Augenzeugenberichte über eine beginnende Invasion und getötete Zivilisten.
Minute 19: Plötzlich Stille - Phillips ist tot.
Minute 20: Wiederaufnahme der Sendung.
Minute 21: Ausrufung des Kriegsrechts.
Minute 26: siebentausend getötete Soldaten.
Minute 30: Zusammenbruch des gesamten Kommunikationssystems.
Minute 35: Notstandsverordnungen sowie panische Flucht der Bevölkerung.
Minute 39: Marsianer in New York.
Minute 40: Tod des Rundfunksprechers. Die Funksprüche verhallen im Raum. Nur noch Panzergeräusche und Rauschen.
Minute 41: Richard Pierson erzählt von den Ereignissen. In seiner Stimme spiegeln sich tiefe Resignation aber auch die Erkenntnis des Überlebens.
Minute 59: Ende des Hörspiels mit Welles' Schlusssatz: "Booh, it's Halloween!"
Als Gast einer Radiostation spricht Orson Welles über außerirdische Intelligenzen, als die Sendung von einer aktuellen Durchsage unterbrochen wird: Der Reporter Carl Phillips berichtet live von der Landung mehrerer Raumschiffe mit Marsmenschen.
Minute 15: Augenzeugenberichte über eine beginnende Invasion und getötete Zivilisten.
Minute 19: Plötzlich Stille - Phillips ist tot.
Minute 20: Wiederaufnahme der Sendung.
Minute 21: Ausrufung des Kriegsrechts.
Minute 26: siebentausend getötete Soldaten.
Minute 30: Zusammenbruch des gesamten Kommunikationssystems.
Minute 35: Notstandsverordnungen sowie panische Flucht der Bevölkerung.
Minute 39: Marsianer in New York.
Minute 40: Tod des Rundfunksprechers. Die Funksprüche verhallen im Raum. Nur noch Panzergeräusche und Rauschen.
Minute 41: Richard Pierson erzählt von den Ereignissen. In seiner Stimme spiegeln sich tiefe Resignation aber auch die Erkenntnis des Überlebens.
Minute 59: Ende des Hörspiels mit Welles' Schlusssatz: "Booh, it's Halloween!"



