Im Mississippi Delta entstand der Blues - und eroberte die Welt. (Bild: Mississippi Departement of Archives and History)
Feeling Blue
Folgt man dem Lauf des Old Man River nach Süden bis hin zum Ende seines langen Weges, kommt man kurz zuvor in jenen Bundesstaat, dem der Fluss seine westliche Grenze und seinen Namen gab: Mississippi verkörpert wie kaum ein Zweites den "Alten Süden" mit all seinem Glanz und seinen Schattenseiten.Fruchtbares Delta
Über den Fluss gelangte Baumwolle südwärts ins Meer und von dort aus in die ganze Welt, doch führte der Deep South auch Kulturgut aus: Das fruchtbare Schwemmland zwischen Mississippi und Yazoo River im Nordwesten von Mississippi und Memphis im Südzipfel von Tennesse bereitete den Nährboden nicht nur für Feldfrüchte, sondern auch für einen der wichtigsten Musikstile des Zwanzigsten Jahrhunderts: Hier, im Mississippi Delta (nicht mit dem eigentlichen Mündungsgebiet des Stroms an der Küste Louisianas zu verwechseln), sehen Musikhistoriker die Wiege des Blues; hier spielten ihn schwarze Musiker in seiner ungeschliffenen, ursprünglichen Form, die später zur Schablone erst für Jazz, dann Rock 'n' Roll und die populäre Musik der Gegenwart wurde.
Mehr als nur Musik
Der Blues lässt sich in musikalischen Termini beschreiben: AAB-Strophenaufbau, Zwölf-Takt-Schema, die charakteristische Tonalität. Jedoch: Blues ist vor allem Ausdruck eines Lebensgefühls - die Blue Mood, das ist eine melancholisch-trübsinnige Stimmungslage. Nicht zu trennen ist die Entstehung dieser Musik von den Lebensumständen derer, die sie schufen. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 hatte sich die Lage der schwarzen Bevölkerung im Süden kaum gebessert, teilweise sogar verschärft. Die rassistischen Jim-Crow-Gesetze sorgten dafür, dass Schwarze und Weiße weiterhin in getrennten Welten lebten und den einstigen Sklavenhaltern ihre Machtstellung verblieb. Wer die Regeln nicht akzeptierte, bekam den Terror der Lynchjustiz zu spüren.
Nirgendwo zu Hause
Manch einer der befreiten Sklaven pachtete ein Fleckchen Land; als Sharecropper lebten sie de facto in Schuldknechtschaft, und damit weiter in Abhängigkeit von ihren ehemaligen Besitzern. Mühsam war die Arbeit nach wie vor, die Behausungen armselig.
Brücke über den Mississippi bei Natchez, dem Handelszentrum im Südwesten des Staates. (Bild: Mississippi Development Authority)
Melange aus Schwarz und Weiß
Nicht nur aus afrikanischen Wurzeln speiste sich der Blues, sondern auch aus Folklore, die weiße Einwanderer mitbrachten. Der Country Blues, und als sein Archetyp vor allem der Delta Blues, stellt den individuellen Musiker, den Solisten, in den Vordergrund. Gitarre und Mundharmonika lösten das Banjo als Begleitinstrument ab. Auf eine gesungene Zeile folgt die "Antwort" des Instruments, das den Klang der Stimme imitieren soll. Das Gitarrenspiel der Bluessänger war rau, einfach in der Melodie, aber komplex im Rhythmus. Jeder hatte seinen eigenen Stil; die meisten brachten sich das Spiel selbst bei, feste Formen gab es nicht...
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Infobox
Der Bundesstaat Mississippi ist vorwiegend ländlich geprägt; ausgedehnte Plantagen und Waldgebiete bestimmen das Bild; das Klima ist subtropisch. Alte Herrenhäuser erinnern an vergangenen Reichtum des Staates, der heute einer der ärmsten Landstriche der USA ist. Weiße und Schwarze leben meist noch immer in separaten Vierteln, jedoch oftmals in ähnlich prekärer wirtschaftlicher Lage. Der Magnolia State war der letzte, der 1995 den 13. Zusatzartikel der Verfassung ratifizierte und damit formal die Sklaverei abschaffte. Mississippi, damals der größte Produzent von Baumwolle in den USA, hatte sich 1861 als zweiter Bundesstaat im Konflikt um die Frage der Sklaven von der Union losgesagt. Noch heute leben in Mississippi mehr Schwarze als in jedem anderen US-Bundesstaat.
Infobox
Vater der Ströme heißt der Mississippi in der Sprache der Algonkin-Indianer. Zusammen mit dem Missouri und mehr als 100.000 Zuflüssen, wie dem Ohio, dem Arkansas und dem Red River, hat der Mississippi das drittgrößte Flusseinzugsgebiet der Erde. Der mit 3.780 Kilometern längste Fluss Nordamerikas verläuft von seinem Ursprung im Itasca-See in Minnesota bis zur Mündung in den Golf von Mexiko südlich von New Orleans. Jedes Jahr tritt der Strom zur Zeit der Schneeschmelze in den Bergen über die Ufer, die größtenteils befestigt und mit einem System aus Deichen und Staubecken versehen sind. Während der letzten Flutkatastrophe von 1993 schufen Wassermassen im Großraum St. Louis, nahe beim Zusammenfluss mit dem Missouri, eine Seenlandschaft, überschwemmten 100.000 Quadratkilometer Ackerland und machten 30.000 Menschen obdachlos. Die Region St. Louis liegt bereits unter dem Wasserspiegel, da sich das Flussbett infolge der künstlichen Verengung des Flusslaufs durch Anhäufung von Sedimenten stetig anhebt.


