Mutter Mond
Man muss nicht unbedingt Schlafwandler sein, um die Kraft des Mondes und seine Geheimnisse zu ahnen. Es fängt an mit einer simplen Frage: Ist der Mond nicht in Wahrheit weiblich?Begleiter der Erde, Bruder der Sonne und Vertrauter des Menschen ist der Mond seit Urzeiten. Der Mondkalender galt schon lange vor Beginn unserer Zeitrechnung. Und an der massiven Wirkung des Gestirns auf uns Menschen bestand jahrtausendelang kein Zweifel. Freilich sind nur wenige Mondeinflüsse wissenschaftlich beweisbar.
Weibliche Wurzeln
So groß war einst das Vertrauen in die Macht des Erdtrabanten, dass unzählige Legenden davon erzählen, wie Menschen ihr Leben in die Obhut des Mondes legten. Bevor Astrologie und Religion zum Sonnenkult und zum Mutter-Erde-Gedanken führten, gab es nur eine Mutter der Menschheit: "Mutter Mond" schuf in alten Entstehungsgeschichten der Welt den Menschen aus ihrem Blut.
Die Mondin also - das Schöpferische, das Lebendige, das Unsterbliche. Auch wenn in der deutschen Grammatik der Mond männlichen Geschlechts ist, sind weibliche Wurzeln in romanischen Sprachen noch durch den Artikel ausgedrückt (spanisch: la luna, französisch: la lune).
Die großen Göttinnen
Mondgöttinnen gab es in allen Kulturen: Berühmt sind die ägyptische Isis und die griechische Selene. Sie waren Königinnen des Himmels, Fruchtbarkeitsgöttinnen und Schutzmütter der Schwangeren. Besonders Selene, als Inbegriff des holden Weiblichen, glitt gleichsam begehrlich und unschuldig in ihrem weißen Lichtschein. Doch man muss nicht erst die Sphären der Götter bemühen. Auch im irdischen Leben tat und tut der Mondglauben seine Wirkung.
Geschichtlich belegt ist, dass die Spartaner nur bei Vollmond in den Krieg zogen. So mussten in der Schlacht bei Marathon (490 v. Chr.) die Athener ohne ihre Verbündeten gegen den gemeinsamen Feind Persien kämpfen, weil es gerade zunehmenden Mond gab. Der Mondkalender lehrt, man solle sich um diese Zeit schonen. Die Athener schonten die Perser jedenfalls nicht und errangen unter ihrem Anführer Miltiades einen großen Sieg.
Geburt, Werden, Vergehen
Nach dem Mondkalender richten sich noch heute viele. Das Grundmuster des Lebens: Geburt-Werden-Vergehen findet sich in den drei Phasen des sichtbaren Mondes. "Eigenschaften" des Mondes werden auf Zustände des Menschen übertragen: Zunehmender Mond verspricht Kinder-, Gesundheits- und Geldsegen, denn Seele und Körper sammeln Kraft und speichern Energie. Abnehmender Mond hingegen scheint ideal dafür, negative Energien und überflüssige Pfunde abzubauen.
Zwischen Phosphoros (Morgenstern) und Hesperos (Abendstern): die Mondgöttin Selene auf einem Altar im Pariser Louvre.
Verschwinden wird auch alles, was man bei Neumond anpackt. Der "tote Mond" bleibt in den schwarzen Nächten im Dunklen: Die Entgiftungsbereitschaft der Seele soll am größten, Diäten und Suchtentwöhnungen sollen hier besonders wirksam sein. Nach dreizehn Tagen dann sieht man den Mond vollständig erleuchtet. Seine volle Kraft sei sowohl bei der Geburten- als auch bei der Kriminalitätsrate deutlich zu spüren, beteuern Fachleute.
Der Aberglaube meint, noch viel mehr zu wissen: Die mysteriösesten Dinge werden dem Mond zugetraut. Kein Wunder, denn so, wie sich Mond und Sonne zu dieser Zeit in voller Kraft gegenüberstehen, prallen auch seelische und körperliche Prinzipien aufeinander.
Wer wandelt so spät...
Die gruseligsten Zwitterwesen entstehen aus der erzwungenen Verbindung verfeindeter Teile: So bewirkt die Magie des Vollmondes, dass sich Menschen heimlich in unheimliche Bestien verwandeln: Werwölfe treiben schon in der griechischen Mythologie ihr Unwesen. In Vollmondnächten sollten Mütter ihre Töchter demnach vor den tückischen Klauen solcher Monstren besonders schützen, denn die Sprachgeschichte lehrt, wer stamme vom lateinischen vir ab - dem Mann. Triebpsychologen mutmaßen über den Werwolfsglauben, sein Grund sei sexuelle Unsicherheit. Der Mann im Mond weckt das Tier im Mann und die Angst in der Frau.
Der Psychoanalyse bietet sich gerade bei Vollmond ein näher liegendes Forschungsobjekt: Bewusstlos, aber mit geöffneten Augen, etwas staksig, doch durchaus zielstrebig sieht man - wenn auch sehr selten - Mondsüchtige durch die Straßen wandeln. Welche Rolle spielt dabei das Mondlicht? Isidor Sadger, ein Schüler Freuds, beschäftigte sich 1914 mit dem Thema Nachtwandeln und Mondsucht. Er vermutet den Somnambulen (Schlafwandler) in einem regressiven Zustand, der ihn wieder zurückversetze in kindliche Verhaltensmuster: Schlafwandeln sei also eine Entdeckungsreise in eine nun unbekannt gewordene Welt.
Mondlampensymbolik
Der ungarische Anthropologe Géza Róheim deutete 1927 Sadgers Theorie in Hinblick auf "Mondmythologie und Mondreligion" und kam zu erstaunlichen Aussagen: Wenn der Schlafwandler das Kind sei, dann könne der Mond nur die Mutter sein. Das Nachtlicht erinnere den Somnambulen an das Licht in der Hand der Mutter, die vor dem Schlafengehen noch einmal nach dem Kinde sah. Noch ähnlicher würden sich Mutter und Mond, vergleiche man das weiße Nachthemd mit dem bleichen Mondlicht.
Aber an diesem Punkt wird die Theorie wohl doch etwas spekulativ, denn weiße Nachthemden sind nicht gerade die weltweit einheitliche Schlafmode. Ungeachtet der Phantasie dieser Herren gibt es eine schlichte Erklärung für das Wandeln bei Vollmond: Die Mondlampe leuchtet der armen Seele im Pyjama den nächtlichen Wandelpfad.
Bild aus Georges Méliès Stummfilmklassiker Die Reise zum Mond von 1902.
Der Mond scheint nicht nur auf die Häupter der Somnambulen, sondern seit frühester Kinokindheit auch in die Programme der Lichtspieltheater. Als faszinierender Begleiter der Erde und Ausflugsziel wurde er zum Stoff der Träume. George Méliès' Stummfilm Die Reise zum Mond (1902) haben wir das einprägsamste Bild aller Mensch-Mond-Phantasien zu verdanken: Eine Gruppe von Wissenschaftlern fliegt im eisenbahnartigen Raumschiff direkt in die große Scheibe des Mondes. Vorlage waren Romane der Science-Fiction-Opas Jules Verne (Von der Erde zum Mond, Reise um den Mond, 1865) und Herbert Wells (Die ersten Menschen im Mond, 1901).
Regenschirme gegen Seleniten
Letzterer hatte übrigens die Idee, dem Mond auch Bewohner zu geben. So genannte Seleniten sind im Film insektenartig und aggressiv, aber nicht sehr widerstandsfähig, denn die Astronomen lassen sie mit Hilfe von Regenschirmen einfach verpuffen.
Interessanterweise brachte der Psychologe Róheim in seiner Schlafwandlertheorie den Mond als Muttergestalt wieder zur Sprache. Mit Recht, denn die historische Erinnerung datiert noch nicht lange zurück: Römische Adlige trugen einst halbmondartige Amulette, die sie nach dem Tod wieder sicher in den Schoß der Großen Mondgöttin geleiten sollten.
Die Geschlechter des Trabanten
Besonders in der christlichen Religion aber ist das weibliche Geschlecht auch immer als böse Versuchung empfunden worden. Die Gesellschaft entwickelte sich zum Patriarchat und damit änderte sich das Geschlecht des Mondes. Wenn der "Mann im Mond" den kleinen Hävelmann auf seiner nächtlichen Reise begleitet und danach in den Schlaf wiegt, dann agiert er durchaus auch mütterlich. Aber ob nun Mann oder Mutter: Der Mond hat für uns Menschen immer etwas Tröstliches und Beschützendes: Er ist das Licht am Himmel, das den Weg durch die finstere Nacht des irdischen Daseins erleuchtet.
Fanny Backhaus (12.05.2003 / aktualisiert Björn Radermacher, 13.02.2007)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Mond | ![]() |
Infobox
Der Mond...
ist 147 bis 152 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Die Entfernung von der Erde beträgt nur 384.400 Kilometer. Er hat einen Durchmesser von 3.476 Kilometern. Die Umlaufzeit um die Erde umfasst einen Zeitraum von 29,5 Erdentagen. Der Mond hat eine Masse von 7,35 mal 1022 Kilogramm.
Das Innere des Mondes ist teils fest und teils flüssig. Der Mond besteht aus Gestein und enthält auch Eisen, Aluminium und Magnesium. Seine stark verkraterte Oberfläche wurde vor Urzeiten von Lava überflutet. Die dunklen Flächen des Mondes sind riesige Einschlagkrater. Eine Atmosphäre gibt es nicht. Es herrschen Temperaturen von plus 120 Grad Celsius am Tag und bis zu minus 130 Grad Celsius in der Nacht.
ist 147 bis 152 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Die Entfernung von der Erde beträgt nur 384.400 Kilometer. Er hat einen Durchmesser von 3.476 Kilometern. Die Umlaufzeit um die Erde umfasst einen Zeitraum von 29,5 Erdentagen. Der Mond hat eine Masse von 7,35 mal 1022 Kilogramm.
Das Innere des Mondes ist teils fest und teils flüssig. Der Mond besteht aus Gestein und enthält auch Eisen, Aluminium und Magnesium. Seine stark verkraterte Oberfläche wurde vor Urzeiten von Lava überflutet. Die dunklen Flächen des Mondes sind riesige Einschlagkrater. Eine Atmosphäre gibt es nicht. Es herrschen Temperaturen von plus 120 Grad Celsius am Tag und bis zu minus 130 Grad Celsius in der Nacht.



